Die grosse Flucht aus dem Trump-Dollar – wird die Schweiz hineingezogen?
Die Börsen haben Tage der Rekorde hinter sich. Der Schweizer Franken stieg zum Dollar an einem einzigen Tag um zwei Prozent und schoss auf ein Zehnjahreshoch. Gold erreichte zwischenzeitlich ein Allzeithoch von 5600 Dollar pro Feinunze. Und schliesslich gab es beim Leitindex der US-Börse, dem S&P 500, nochmals einen Allzeitrekord. Welche Geschichte liegt hinter diesen Extremen?
Es könnte die Geschichte vom Ende des Sonderstatus sein, den die USA an den Finanzmärkten lange hatten. An den Börsen läuft diese Geschichte unter dem Titel «debasement trade», also die «Abwertungswette». Sollten die Investoren damit richtig liegen, dann waren die bisherigen Extreme noch gar nichts. Laut dem britischen Magazin «The Economist» hat dann «der Ausverkauf des Dollars erst begonnen».
Genau gesagt geht es bei dieser Wette um die Angst vor Trump. Davor, dass die USA unter ihm nicht mehr sind, was sie waren. Dass Trump die Investoren enteignet, wie es ihm sein damaliger Berater Stephen Miran vorgeschlagen hat. Dass er die Staatsfinanzen vollends in die Krise stürzt, wenn er vor den nächsten Wahlen seine «Trump-Checks» verteilt. Dass die Inflation hochschiesst, wenn sein neu nominierter Chef der Notenbank Fed, Kevin Warsh, schön brav tut, was Trump will, und die Leitzinsen stark senkt.
Das ist für Investoren jener Stoff, der sie in ihren Albträumen verfolgt. Ob es tatsächlich dazu kommt, weiss niemand. Aber jedes Mal, wenn Trump besonders erratisch agiert, kommt diese Wette wieder stärker in Gang.
Dieser Mechanismus war rund um das World Economic Forum (WEF) wieder zu bestaunen. Trump tat im Wesentlichen, was der Karikaturist Patrick Chappatte gezeichnet hatte: Von der Bühne aus der versammelten Weltelite den Stinkefinger hinhalten.
Trump hatte Grönland für sich beansprucht. Die Europäer beleidigt. Ihnen mit Zöllen gedroht. Kanada mit Zöllen gedroht. Kanadas Premierminister Mark Carney gedroht. Die Schweizer Bundesrätin Karin Keller-Sutter verspottet. Südkorea mit Zöllen gedroht. Und, und, und.
In Chappattes Karikatur quittiert das Publikum die Beleidigung mit Applaus. In der realen Welt reagierten verschiedene politische Führer auf eine Art, die selbst an Stinkefinger erinnert.
Entweder mit am Tisch sitzen oder selbst auf der Speisekarte landen
Die Europäer machten zumindest den Eindruck, sie würden ihrerseits mit Zöllen zurückschlagen. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz sagte vor dem Bundestag: «Wir sind Partner und Verbündete – nicht Untergebene.» Kanadas Regierungschef Carney warnte am WEF vor «Grossmächten, die wirtschaftliche Integration als Waffe und Zölle als Druckmittel einsetzen», und rief zu Allianzen auf: «Mittlere Mächte müssen gemeinsam handeln. Wer nicht mit am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte.»
Die Investoren zogen aus diesem Schauspiel ihre eigenen Lehren: Sie rannten in Deckung. Und für diesen Zweck war ihnen zwar nicht gerade alles recht, aber doch vieles. Wie Robin Brooks sagt, früher Währungsexperte bei der Bank Goldman Sachs und heute bei der Denkfabrik Brookings: «Bei der Suche nach sicheren Häfen geht es um alle Vermögenswerte, die das investierte Kapital schützen.»
Gold ist dabei laut Brooks «der ultimative sichere Hafen». Beim aktuellen Preis haben alle Goldreserven einen Wert von 36'000 Milliarden Dollar – knapp 6000 Mal mehr als jene von Silber. In den letzten zwei Jahren hat sich der Preis mehr als verdoppelt. Nach der jüngsten Trump-Show schoss er bis auf 5600 Dollar hoch.
Seitdem Warsh als neuer Chef der Notenbank Fed nominiert ist, fällt der Goldpreis wieder. Warsh hat sich in der Vergangenheit selbst bei niedriger Inflation für höhere Leitzinsen ausgesprochen. Das beruhigt die Märkte. Aber wohl nur bis zum nächsten Wutausbruch Trumps. In seiner zweiten Amtszeit hat er in der Regel bekommen, was er wollte, wenn er jemanden ernannte. Er wählt treue Loyalisten aus.
Gold ist nur einer von vielen Vermögenswerten, welche in die grosse Abwertungswette hineingezogen werden, wie Brooks schreibt. Gewaltige Preisanstiege gab es auch bei Silber, Platin und Lithium (siehe Grafik). Die Preise gingen ob des Schlagabtauschs der Unfreundlichkeiten rund um das WEF wieder in die Höhe. Im Vorjahresvergleich gab es schon Verdoppelungen und Verdreifachungen.
Und von der grossen Abwertungswette werden auch die Wechselkurse des Dollars zu anderen Landeswährungen bewegt. Darum ist der Dollar gegenüber den Währungen einer langen Reihe von Ländern gefallen: Amerikanische wie Chile, Mexiko oder Brasilien; osteuropäische wie Polen, Tschechien oder Ungarn; nordeuropäische wie Dänemark, Norwegen oder Schweden. Und nicht zuletzt ist der Dollar gegenüber dem Euro ebenfalls um rund 13 Prozent gesunken. Der US-Dollar unter Donald Trump verliert, verliert, verliert.
Den grössten Verlust hat der Dollar gegenüber der schwedischen Krone erlitten – um 20 Prozent innerhalb eines Jahres. Den Titel des weltweit sichersten Hafen hält derzeit also nicht der Franken, sondern die Landeswährung von Schweden. Das Land passt perfekt ins Schema vom sicheren Hafen hinein: Es hat eine geringe Staatsverschuldung und gute Wachstumsaussichten.
Doch was ist mit dem Rekord der US-Börse? Wie kann der Leitindex S&P500 ein neues Allzeithoch erreichen, wenn die Angst vor dem «Debasement» der USA so gross ist?
Der vermeintliche Widerspruch dürfte sich damit erklären, dass noch keine Flucht aus den USA eingesetzt hat. Die Investoren sichern erst ihre riesigen, bereits vorhandenen US-Vermögen ab, also Aktien, Immobilien oder Obligationen. Dafür kaufen sie in grossem Stile für sich Dollar-Absicherungen, mit denen sie Dollar zu einem späteren Zeitpunkt zu einem fixen Wechselkurs tauschen können. Es ist dieses Absichern gegen ein künftiges Absinken, das den Dollar heute schon sinken lässt.
Die Welt flüchtet also noch nicht aus den USA. Aber sie hat vorsichtshalber schon mal die Türe aufgestossen. Sie hat sichergestellt, dass sie flüchten kann, wenn sie muss. Ein «Sell USA» gibt es noch nicht, wie der «Economist» schreibt. Vorläufig ist erst ein Absichern gegen Trump, ein «Hedge USA». Wobei das Sell noch kommen oder stärker werden könnte – und der Dollar noch tiefer und schneller fallen.
Gefahr für den Schweizer Hypothekarmarkt
Und wie immer, wenn die Welt wackelt, suchen Investoren hierzulande Schutz. Wenn dieser Trend weit genug geht, führt er die Schweiz so sicher wie das Amen in der Kirche tiefer in die Welt negativer Zinsen hinein. Sie hat heute schon so gut wie keine Inflation und eine Nationalbank (SNB) mit einem Leitzins von 0 Prozent. Bei der nächsten Krise wird der Franken noch stärker, die Inflation noch schwächer und die SNB einen negativen Leitzins nicht mehr vermeiden können.
Noch ist es nicht soweit, wie die Ökonomen der Bank J. Safra Sarasin argumentieren. Unter anderem scheine die Schweizer Wirtschaft ohnehin auf dem Weg zur Erholung zu sein, was die Inflation wieder stärken werde. Auch könnte eine Leitzinssenkung die Immobilienpreise noch schneller steigen lassen und so Risiken im Hypothekarmarkt schaffen. Wenn die SNB handelt, dann solle sie besser Devisen kaufen und so den Franken schwächen. Wobei damit die ohnehin riesige SNB-Bilanz noch riesiger würde. Unter Trump sind nicht nur die USA nicht mehr, was sie waren, auch für die Schweiz ist die Welt eine andere.
(aargauerzeitung.ch)
