Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Fans mit Schutzmasken verfolgen das Eishockeyspiel der National League zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und dem EV Zug, am Freitag, 2. Oktober 2020, in der St. Galler Kantonalbank Arena in Rapperswil-Jona. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

War mal eine Stehplatzrampe: Fans mit Schutzmasken sitzen auf den provisorischen Sitzplätzen in Rapperswil am Freitagabend. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Das gefährliche Erbe der Virus-Krise: Verschwinden die Stehplätze für immer?

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Saisonstart sind nicht Siege und Niederlagen. Es geht um viel mehr. Die Klubmanager wissen jetzt, dass die totale Überwachung möglich ist. Der Keim für eine Entwicklung ist gelegt, die unser Hockey nachhaltig verändern wird.



In Krisen werden Notmassnahmen eingeführt, die eigentlich befristet sind. Aber dann bleiben sie und werden ein selbstverständlicher Teil unseres Alltages. Ein gutes Beispiel ist die «Wehrsteuer». Sie wurde 1940 als Bundessteuer auf die Einkommen von natürlichen Personen und auf den Gewinn von Firmen eingeführt. Um die Armee kriegstüchtig zu machen. Bei der Einführung dieser Steuer durch den Bundesrat ist hoch und heilig versprochen worden, dass sie auf die Dauer des Krieges befristet bleiben wird. Der Krieg ist 1945 zu Ende gegangen und eigentlich hätte diese Steuer 1945 abgeschafft werden müssen. Auf fragwürdiger rechtlicher Grundlage ist sie beibehalten und erst in den 1980er-Jahren ins ordentliche Recht überführt worden. Heute heisst sie «direkte Bundessteuer» und ist neben der Mehrwertsteuer die wichtigste Einnahmequelle des Bundes. Und ein Ärgernis für den Steuerzahler.

Was hat dieser Exkurs in die jüngere Geschichte mit dem Eishockeystart in Zeiten der Krise zu tun?

Sehr viel.

Jahrelang haben die Manager und Präsidenten der Klubs die Hände verworfen, wenn von der Einführung personalisierter Tickets und Sitzplätzen auf Kosten der Stehplatzrampe die Rede war. Unmöglich! Nicht machbar! Viel zu teuer! Dabei wären personalisierte Tickets und die Verbannung der Stehplätze ein einfaches, sehr wirksames Mittel, um Ruhe und Ordnung in den Stadien zu haben. Mit personalisierten Tickets, wenn der Klub weiss, wer auf welchem Platz sitzt, ist Schluss mit dem Stadion als rechtsfreiem Raum. Missetäter sind rasch ermittelt und können ins Recht gefasst werden.

Ein Plakat mit Informationen vor Eingang A vor dem Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Ambri-Piotta, vor der Postfinance Arena in Bern, am Donnerstag, 1. Oktober 2020. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Zutritt nur mit personalisierten Tickets: Hinweistafel vor dem Berner Stadion. Bild: keystone

«Eines können wir jetzt schon sagen: Die personalisierten Tickets werden in den meisten Stadien bleiben.»

Und nun haben wir zum Saisonauftakt am Donnerstag und am Freitag gesehen, dass es sehr wohl funktioniert. Niemand mehr ist anonym ins Stadion gekommen. So wie auch niemand anonym ein Flugzeug besteigen kann. In unserem digitalen Zeitalter ist ein personalisiertes Ticket kein Problem mehr.

Wir wissen noch nicht, wie lange diese Krise dauert und ob alle Klubs diese Krise überstehen werden. Aber eines können wir jetzt schon sagen: Die personalisierten Tickets werden überall und die Sitzplätze auf Kosten der Stehplatzrampe in den meisten Stadien bleiben. So wie die Wehrsteuer geblieben ist.

Mit dieser Überwachungsmassnahme, die George Orwell schon 1948 in seinem weltberühmten Roman «1984» vorausgesehen hat, können in den beiden höchsten Ligen mehr als fünf Millionen Franken Sicherheitskosten und Entschädigungen an den Staat für Polizeipräsenz eingespart werden. Aber die personalisierten Tickets und die Abschaffung der Stehplätze werden zu einer tiefgreifenden Veränderung des Hockeypublikums und damit unserer Hockeykultur führen.

Unser Hockeybusiness ist ein geschäftliches Hybridmodell. Die Verzehnfachung der Budgets in den letzten 30 Jahren ist einerseits durch eine Verzehnfachung der TV-Einnahmen und durch Werbung (Sponsoring) und VIP-Plätze (Logen) erzielt worden. Aber das «Proletariat» – die Stehplatz-Zuschauer auf den billigen Plätzen – spielen nicht nur bei der Finanzierung eine wichtige Rolle. Sie prägen unsere Hockeykultur stark und machen einen grossen Teil des Erlebniswertes eines Livespiels im Stadion aus. Unsere National League erzielt ausserhalb der NHL die höchsten Zuschauerzahlen und die sind nur dank der Stehplätze erreichbar.

«Entziehen wir unserem Hockey mit personalisierten Tickets und der starken Reduktion der Stehplätze die Basis? Gar die Seele?»

Was passiert, wenn wir durch personalisierte Tickets nur noch die Braven und die besser Verdienenden, die sich einen Sitzplatz leisten können, ins Stadion lassen? Ist es dann noch möglich, Stadien zu füllen, die nur noch Sitzplätze haben? Entziehen wir unserem Hockey mit personalisierten Tickets und der starken Reduktion der Stehplätze die Basis? Gar die Seele?

Berner Fans feiern ihre Mannschaft im ersten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League A zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Donnerstag, 6. April 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die grösste und imposanteste Stehplatzrampe der Welt ist in Gefahr. Bild: KEYSTONE

Mit solchen Fragen werden sich die Hockeymanager in den nächsten Monaten intensiv auseinandersetzen müssen. Sie haben «dank» der Virus-Krise vom «Baum der Erkenntnis» genascht. Sie wissen jetzt, dass die totale Überwachung möglich ist. Dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer sehr viel Kontrolle ohne zu murren gefallen lassen. Sie werden der Versuchung nicht widerstehen können, diese Überwachung und Gängelung beizubehalten.

SCB-Manager Marc Lüthi betont bei jeder Gelegenheit ausdrücklich, dass die grösste Stehplatzrampe der Welt in seiner Arena nicht verschwinden wird. Die SCB-Fans müssen damit rechnen, dass er seine Meinung nach ausgestandener Krise ändern wird.

Das ist das gefährliche Erbe der Virus-Krise.

watson Eishockey auf Instagram

Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

Dinge, die Hockey-Fans niemals sagen würden

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

49 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Elpampa
03.10.2020 09:05registriert September 2018
Jechters, ein nur so von Polemik strotzender Artikel...
Wie genau kommt Zaugg auf die Einsparnis von 5 Mio?
Die Abschaffung der Stehplätze nach der Krise wäre der Todesstoss für manche Clubs
35753
Melden
Zum Kommentar
maylander
03.10.2020 09:58registriert September 2018
Nur die braven, die sich einen Sitzplatz leisten können?
Wohl noch nie im Hallenstadion auf dem 3 Rang gewesen?
So brav sind die dort auch nicht und die Tickets Kosten fast gleich viel wie andernorts ein Stehplatz.
21016
Melden
Zum Kommentar
Bruno Wüthrich
03.10.2020 11:12registriert August 2014
"Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?", könnten sich Clubmanager oder -eigentümer dereinst fragen. Denn zurück gehen würden ja nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Kosten. Und je nachdem, welche Geschäftsstrategien nach den neuen Voraussetzungen gewählt würden, könnte sich der Verzicht im Einzelfall finanziell rechnen.
Wobei: für mich ist ein Verzicht auf die Stehplätze nicht vorstellbar. Wieso denn auch? Selbst wenn nach überstandener Pandemie die personalisierten Tickets bleiben, muss deswegen doch nicht auf die Stehplätze verzichtet werden.
Warten wir einfach mal ab.
13518
Melden
Zum Kommentar
49

Kommentar

Das Ende der Berner Sportwelt wie wir sie kannten

Die Berner Kantonsregierung verbietet bis auf Weiteres Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen. Es ist das Ende des Berner Sportes mit den SCL Tigers, dem SC Bern, Biel und YB. Dieser Alleingang der Berner lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Eine Regierung dreht durch.

Zuerst einmal ein paar Reaktionen auf den Alleingang der Berner. Hockey-Ligadirektor Denis Vaucher ist fassungslos. «Wir haben alle Schutzkonzepte umgesetzt und es hat bei den Spielen nicht das kleinste Problem gegeben. Weil die Berner Regierung den Ausbau des Contact-Tracing verschlafen hat, gibt es nun diese Regelung.»

Wie es weiter geht, wird erst im Laufe des Montags bekannt. Die Klubs brauchen Zeit, um zu entscheiden, wie sie mit diesem Verbot von Fussball und vor allem von Hockey auf Berner …

Artikel lesen
Link zum Artikel