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Marc Luethi, CEO des SC Bern, kontrolliert seine Brillenglaeser an einer Medienkonferenz, am Montag, 31. August 2015, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Fehlt der Durchblick beim SCB? Es scheint so.
Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Nicht das Verletzungspech, sondern Marc Lüthis Fehler sind die wahre Ursache der SCB-Krise

Nun fällt auch noch Pascal Berger aus. Das Verletzungspech des SC Bern mag ungewöhnlich sein. Dass dieses Verletzungspech die Mannschaft in Schwierigkeiten bringt, ist hingegen das Resultat gravierender Fehler von Marc Lüthi.



Wenn wir bei einer Betrachtung der SCB-Krise nahe herangehen, dann sehen wir eine Serie von Missgeschicken (falscher Trainer, miserables ausländisches Personal, Verletzungspech) als Ursachen.

Wenn wir hingegen etwas zurücktreten und die Situation über den Augenblick hinaus betrachten, dann erkennen wir: Der SCB bezahlt bloss die Rechnung für Versäumnisse und schwere Fehler aus der Vergangenheit.

Bern's players, from left to right, Gian-Andrea Randegger, Pascal Berger, Marco Mueller, Beat Gerber, and Sean Bergenheim, of Finland, look disappointed after losing against Geneve-Servette, during the game of National League A (NLA) Swiss Championship between Geneve-Servette HC and SC Bern, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Tuesday, December 1, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Es läuft nicht beim SCB. Die Truppe spielt «weiches Sommerhockey».
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Trainer Lars Leuenberger fragt nach dem mühseligen Sieg gegen Biel (4:3) am Freitagabend die Chronisten herausfordernd, ob einer gesehen habe, warum es im Schlussdrittel noch gelungen sei, das Spiel zu wenden. Er gibt die Antwort selber: Durch die Umstellung auf drei Linien. Er habe eben nicht mehr genug Spieler, um mit vier Linien richtig Druck zu machen.

Diese banale Analyse führt uns zum Kern des Problems. Der SCB hat eine ungewöhnlich lange Liste von verletzten Spielern, die nun noch durch Pascal Berger erweitert wird. Das ist die Ursache für die Krise. Aber dabei wird vergessen, dass beispielsweise auch die ZSC Lions ähnliches Verletzungspech haben, auch seit Wochen ohne ihren Stammtorhüter spielen müssen und trotzdem auf Platz 1 stehen.

Berns Martin Pluess trifft das leere Tor nicht im Eishockey National League A Spiel zwischen dem SC Bern und dem EHC Biel, am Freitag, 4. Dezember 2015, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/ Peter Schneider)

Martin Plüss trifft hier das leere Tor nicht. Sinnbildlich für den SCB.
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Verzicht auf Farmteam eine Torheit sondergleichen

Im Herbst 2009 begeht der SCB einen folgenschweren Fehler. Das Farmteam in Neuenburg geht Konkurs. SCB-Manager Marc Lüthi ist nicht bereit, eine halbe Million zu investieren und mit eigenem Personal die Young Sprinters wieder auf Kurs zu bringen. Der SCB räumt seinen Brückenkopf in der Westschweiz und verzichtete auf eine ganze Reihe von Talenten zu denen auch der heutige Nationalverteidiger Romain Loeffel gehört. Bern hat als ehemalige Besatzungsmacht der Waadt eine hohe Affinität zum Welschland und immer wieder haben grosse Spieler aus der Romandie den SCB geprägt. Der Verzicht auf ein Farmteam in der Westschweiz ist eine Torheit sondergleichen.

Der Lions Jari Allevi, links, gegen Marc Gautschi, rechts, von Ambri Piotta im Eishockey Sechzehntelfinal Cupspiel zwischen den GCK Lions und dem HC Ambri Piotta in Kuesnacht am Dienstag, 29. September 2015. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die GCK Lions als Farmteam liefern den ZSC Lions immer wieder die benötigte Personalbreite.
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Die ZSC Lions sind durch Verletzungspech fast «unverwundbar» geworden, weil sie ein Farmteam in der NLB und damit über rund 50 Nationalliga-Spieler verfügen. In einer Meisterschaft über 50 Runden, viele im Rhythmus Freitag/Samstag oder Samstag/Sonntag ist diese breite sportliche Basis unerlässlich. Auch deshalb baut jetzt der EV Zug ein Farmteam auf.

Hätte Marc Lüthi damals sein Farmteam in Neuenburg gerettet, stünde der SCB jetzt trotz seinem Verletzungspech sorgenfrei auf einem der ersten fünf Plätze. Der SCB-General hat den Fehler gemacht, in einem Sportunternehmen zu einseitig in die Gastronomie zu investieren. Hätte er die Chance gehabt, in Neuenburg an bester Lage eine Beiz zu erwerben, er wäre sofort eingestiegen. Der SCB erwirtschaftet mehr als die Hälfte seines Gesamtumsatzes von 50 Millionen mit der Gastronomie.

SCB hat Rüstungsausgaben vergessen

So gesehen ist der SCB Bern wie eine Grossmacht, die ganz auf die wirtschaftliche Entwicklung setzt, aber die Rüstungsausgaben vernachlässigt und sich jetzt sportlich von «Kleinen» wie Lausanne und Ambri im Ringen um die Playoffteilnahme bedrängt sieht. Der SCB ist ein wirtschaftlicher Titan geworden, der auf sportlich tönernen Füssen steht.

Marc Luethi, Geschaeftsfuehrer des SC Bern, waehrend einer Medienkonferenz in der PostFinance Arena in Bern am Mittwoch, 18. November 2015. Guy Boucher ist per sofort nicht mehr Trainer des SC Bern. Die Berner gaben die Trennung an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz bekannt. Nachfolger von Boucher wird der bisherige Assistent Lars Leuenberger. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Bezahlt für seine Fehler in der Vergangenheit: Marc Lüthi.
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Der legendäre Enzo Ferrari sagte einmal, es sei wichtig zu wissen, warum man verloren habe. Aber noch viel wichtiger sei es, zu wissen, warum man gewonnen haben. Der SCB holte 2010 und 2013 den Titel. Bei nüchterner Analyse hätte Marc Lüthi klar sein müssen, dass er von günstigen Umständen profitierte. Dass der «Scheitstock kalbte», wie die Berner sagen. Diese Erfolge führte lediglich dazu, dass der SCB-General, der im Sportbereich nie über den Grad eines Gefreiten hinausgekommen ist, seither glaubt, er verstehe den Sport und ständig in der sportlichen Abteilung hineinredet.

Von den «Big bad Bears» zum weichen «Sommerhockey»

Seit dem Titelgewinn von 2010 hat das SCB-Management wegen der Selbstüberschätzung die sportliche Orientierung mehr und mehr verloren. Eine klar erkennbare Stilrichtung wie bei den ZSC Lions, bei Servette oder bei Davos und sogar bei Langnau gibt es in Bern nicht mehr. Das Hüst und Hot auf der Trainerposition ist die logische Folge dieser Orientierungslosigkeit. Niemand weiss, welchen Trainer der SCB eigentlich braucht und logischerweise wird es auch schwierig, die passenden Spieler (und damit Ausländer) zu verpflichten.

Bern's Head coach Lars Leuenberger looks on his players, during the game of National League A (NLA) Swiss Championship between Geneve-Servette HC and SC Bern, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Tuesday, December 1, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Trainer Leuenberger bei Bern. Ist er der Richtige?
Bild: KEYSTONE

Der SCB verdankt seinen Aufstieg zum Titanen unseres Hockeys seiner klaren Stilrichtung. Der SCB war einst für sein dynamisches, wuchtiges nordamerikanisches Hockey («Big bad Bears») bekannt und rekrutierte in diesem Stil entsprechendes Personal und Trainer. Inzwischen hat sich die Mannschaft im taktischen Niemandsland verirrt und der SCB steht für hektisches, ungeordnetes und weiches «Sommerhockey».

Gerade weil eine klare sportliche Strategie fehlt, muss der SCB «fertige» Spieler teuer einkaufen und die Liste der Transferflops wird immer länger. Während die Konkurrenz junge Talente entdeckt und aufbaut, kann der SCB die eigenen Junioren nicht halten. Von den erfolgreichen jungen Rückkehrern aus Nordamerika (u.a. Martschini, Rathgeb, Baltisberger, Suter, Herzog, Praplan) hat keiner den Weg nach Bern gefunden. Weil die Jungen wegen der sportlichen Planlosigkeit in Bern keine Perspektive haben. Und wahrscheinlich auch, weil die SCB-Manager gar nicht wussten, wie gut diese Jungen sind.

Die Episode um Timo Helbling illustriert das Chaos in der Führungsetage vortrefflich. Sportchef Sven Leuenberger hat dem Nationalspieler mitgeteilt, dass nächste Saison für ihn kein Platz mehr sei. Also sucht Timo Helbling einen neuen Arbeitgeber – und als das publik wird, bricht Panik aus und der neue Sportchef Alex Chatelain weiss von nichts. Immerhin ist Timo Helbling WM-Teilnehmer und einer der besten Abwehrspieler im Team. Die Linke weiss nicht mehr, was die Rechte tut.

27.10.2015; Bern; Eishockey Schweizer Cup - SC Bern - EV Zug; 
Timo Helbling (R, Bern) gegen Reto Suri (Zug)
(Urs Lindt/freshfocus)

Timo Helbling: Eigentlich einer der besten Verteidiger beim SCB – aber er muss gehen.
Bild: freshfocus

Wer wagt es Marc Lüthi zu widersprechen?

Läuft alles optimal, kann der SCB noch immer vorne mitzuspielen. Aber optimal läuft es bei der hohen Belastung durch so viele Spiele heute eben nur selten. Ein grosses Hockeyunternehmen hat deshalb ein breites Kader, um verletzungsbedingte Ausfälle zu kompensieren und die Dynamik im Team durch Konkurrenzdruck zu fördern. Und dazu gehört eine über Jahre gleiche, klare sportlich-taktische Philosophie. Damit junge Spieler problemlos integriert werden können. Die ZSC Lions, aber, was die Stilrichtung betrifft, auch Servette, Zug, Lausanne und Davos stehen dafür als Beispiel.

Mit Sportchef Sven Leuenberger ist im Herbst das sportlich kompetenteste Mitglied der SCB-Führung abgesetzt worden. Bloss um nach aussen ein Bauernopfer für die Krise präsentieren zu können. Auch das eine Torheit sondergleichen.

Der SCB braucht für nächste Saison nicht nur neue Spieler und einen neuen Trainer. Der SCB braucht dringend im sportlichen Bereich eine Persönlichkeit, die das Chaos ordnet, die dem allmächtigen Marc Lüthi zu widersprechen wagt und die dafür sorgt, dass der SCB sich von einem Gastronomie- wieder zu einem Sportunternehmen entwickelt. Sonst wird der SCB im Laufe der nächsten drei Jahre die Eishockey-Antwort auf YB. Allerdings ein YB ohne Götti.

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