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Machtübergabe beim SCB – aber Raëto Raffainer bleibt eine Marionette von Marc Lüthi.
Machtübergabe beim SCB – aber Raëto Raffainer bleibt eine Marionette von Marc Lüthi.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

SC Bern – das Ende einer Ära, aber Eitelkeiten sind wichtiger als der Sport

Marc Lüthi verlässt nach 24 Jahren die SCB-Kommandobrücke, macht Raëto Raffainer Platz und übernimmt das Präsidium des Verwaltungsrats. Eine kluge Nachfolgeregelung. Aber sie ist nutzlos, wenn die sportlichen Probleme nicht gelöst werden – und Marc Lüthi kann nicht über seinen Schatten springen.
30.03.2022, 16:3431.03.2022, 16:18

Keiner hat grössere Verdienste um den SC Bern als Marc Lüthi. Er hat 1998 eine Sportfirma aus der Nachlassstundung gerettet und zur wirtschaftlich und sportlich stabilsten der Neuzeit gemacht. 22 Jahre schwarze Zahlen und sechs Meistertitel. Sein Rückzug aus der operativen Ebene bedeutet zugleich das Ende einer Ära. Es könnte der Beginn einer neuen, ebenso erfolgreichen Ära sein, die er als «Elder Statesman» begleitet. Aber die Macht der Eitelkeiten erschwert den Neustart.

Kein Eingeständnis beim Trainer

Der Erfolg der letzten Jahre – drei Titel zwischen 2016 und 2019 – ist den SCB-Granden zu Kopfe gestiegen. Die Arroganz und Ignoranz der SCB-Chefetage der letzten drei Jahre hat zu einer Kette von Fehleinschätzungen und Fehlentscheiden geführt, die den Meister von 2019 sportlich ruiniert haben. Der SCB ist sportlich ins Bodenlose, bis auf Rang 11 abgestürzt. Nie zuvor ist im Playoff-Zeitalter (seit 1986) ein Meister so tief gefallen.

Ein Neuanfang mit neuen Spielern müsste ein Neuanfang mit einem neuen Trainer sein. Johan Lundskog hat nahezu auf der ganzen Linie versagt. Dass er trotzdem bleibt, ist nicht das Resultat einer ehrlichen sportlichen Analyse. Seine Weiterbeschäftigung hat rein politische Gründe: Eine Entlassung des Schweden wäre das Eingeständnis eines weiteren schweren sportlichen Irrtums. Der SCB hätte mit Sam Hallam einen der besten Trainer ausserhalb der NHL haben können. Und entschied sich für Johan Lundskog. Dieser Entscheid ist typisch für die Arroganz und Ignoranz: Wir wissen alles besser, wir machen alles anders.

Johan Lundskog darf bleiben – die Frage ist, zu welchem Preis.
Johan Lundskog darf bleiben – die Frage ist, zu welchem Preis.Bild: keystone

Ein sportlicher Neubeginn bedeutet Aufbruchstimmung und Begeisterung mit einem neuen Trainer. Der SCB-Neubeginn wird geprägt von einem alten Trainer, den alle kritisch betrachten. Der Trainer ist nun der Elefant im Raum, den niemand infrage stellen darf.

Die Bilanz nach einer Saison ist für die sportliche Doppelspitze mit Raëto Raffainer und Andrew Ebbett miserabel. Sie hat elementare, unentschuldbare Fehler gemacht. Die Chance zum Umbruch mit vielen auslaufenden Verträgen ist nicht richtig genutzt worden. Statt der Ankündigung, nun habe jeder die Chance zu beweisen, dass er dem SCB würdig ist, haben der Ober- und sein Untersportchef bei jeder Gelegenheit verkündet, man werde nicht nur Verträge nicht mehr verlängern. Man werde sich darüber hinaus von Spielern mit laufenden Verträgen trennen. Die logische Folge: Die Mannschaft ist auseinandergefallen.

Kadertiefe bleibt das Problem

Erschütternd ist die Bilanz beim ausländischen Personal: Cory Conacher und Kaspars Daugavins müssen aus laufenden Verträgen herausgelöst werden. Phil Varone, Christian Thomas und Cody Goloubef waren sportliche Nullnummern. Einzig Dominik Kahun hat die Erwartungen erfüllt und mit Chris DiDomenico ist für nächste Saison eine weitere Ausländerposition gut besetzt. Einen Irrtum kann sich die sportliche Führung bei der Rekrutierung der weiteren Ausländer nicht leisten.

Die Bilanz der Neuverpflichtungen mit Schweizer Pass ist auf den ersten Blick formidabel. Auf den zweiten ebenfalls miserabel. Joël Vermin, Romain Loeffel, Marco Lehmann, Jesse Zgraggen und der Mitläufer Fabian Ritzmann sind sehr gute und gute Transfers. Als eine der Hauptursachen für die schwere Krise ist richtigerweise die fehlende Kadertiefe beklagt worden. Von zentraler Bedeutung wäre es also, für eine breitere Basis zu sorgen.

Der SCB wird Calle Andersson noch vermissen.
Der SCB wird Calle Andersson noch vermissen.Bild: keystone

Nach den Abgängen unter anderem von Thomas Thiry, Calle Andersson, Gregory Sciaroni, Jan Neuenschwander, Vincent Praplan, Jeremi Gerber, Thomas Rüfenacht und Alain Berger ist der Kader so schmal wie letzte Saison. Das zentrale Problem ist also nicht gelöst worden. Kommt dazu, dass die teure Vertragsauflösung mit Calle Andersson grob fahrlässig ist: Ramon Untersander ist mit Abstand der wichtigste Schweizer Verteidiger. Aber anfällig auf Blessuren. Nun ist das Arbeitsverhältnis mit dem einzigen Schweizer Verteidiger aufgelöst worden, der spielerisch Ramon Untersander ersetzen kann. Die SCB-Transferbilanz: Gehupft wie gesprungen – und daran ändert sich nur wenig, wenn es doch noch gelingt, Sven Bärtschi zu verpflichten.

Aber Politik und Karrieren sind wichtiger als der Sport. Mit dem Aufstieg vom Obersportchef zum obersten SCB-Manager ist Raëto Raffainer nun nicht mehr für den Sport verantwortlich. Kommt es im nächsten Herbst zu einer sportlichen Krise – was nicht ganz ausgeschlossen werden kann – ist er aus dem Schneider: Die Verantwortung trägt die Sportabteilung. Ohnehin ist die Generallinie für Ausreden schon vorgegeben: Wir haben so viele neue Spieler, die müssen sich erst an unser Spielsystem und die Besonderheiten eines Grossklubs gewöhnen, es braucht Geduld und ein viertes Jahr für den Neuaufbau.

Raëto Raffainer wird nur vordergründig der neue starke Mann beim SCB.
Raëto Raffainer wird nur vordergründig der neue starke Mann beim SCB.Bild: keystone

Raëto Raffainer ist an und für sich die richtige Wahl für die Nachfolge von Marc Lüthi in der zentralen Führungsposition bei der grössten Hockey-Firma im Land. Er ist ein sehr guter Kommunikator, bestens vernetzt, hockeypolitisch schlau und er vermag zu begeistern und zu überzeugen. Er ist mit dem Ziel nach Bern gekommen, Marc Lüthi zu beerben und dank der sportlichen Dauerkrise (an der er mitschuldig ist) hat er dieses Ziel früher erreicht als erwartet. Sein grösstes Handicap: Er meint, er kenne Marc Lüthi und verstehe den SCB und die Berner. Aber Bern ist ihm nach wie vor so fremd wie Kalkutta.

Dass Marc Lüthi nun Verwaltungsratspräsident wird, ist auf den ersten Blick richtig und logisch. Und auf dem zweiten Blick ist es ein riskanter Schritt mit unbezahlbarem Unterhaltungswert. Marc Lüthi kann nicht über seinen Schatten springen. Er ist ein «Alphatier». Der SCB ist tief in seine DNA eingebrannt. Marc Lüthi kann die Chefposition aufgeben. Aber es ist unmöglich, den Chef aus ihm herauszunehmen: Er wird als Präsident des höchsten Gremiums weiterhin in allen wichtigen Dingen das letzte Wort haben. Wir sollten bei jeder SCB-Analyse immer die Macht der Eitelkeiten berücksichtigen.

Marc Lüthi kann nicht über seinen Schatten springen.
Marc Lüthi kann nicht über seinen Schatten springen.Bild: keystone

Raëto Raffainer hat sein Karriereziel zwar erreicht. Aber er bleibt die Marionette von Marc Lüthi. Und alle in Bern wissen das. Klüger wäre es gewesen, wenn sich Marc Lüthi mit der Position eines Verwaltungsrats begnügt oder besser noch sich ganz aus dem SCB auf eine Position als «Elder Statesman» und weiser Ratgeber zurückgezogen hätte. Aber er kann nicht über seinen Schatten springen. Nach dem Motto: Ich bin SCB-Chef und kann nicht anders.

Eines ist in den Turbulenzen seit dem Titel von 2019 beinahe vergessen gegangen: Der SCB ist eine Sportfirma. Der sportliche Erfolg ist zwar nicht alles. Aber ohne sportlichen Erfolg ist alles nichts. Der SCB hat die treusten Anhängerinnen und Anhänger Europas. Sie werden noch einmal ihre Saisontickets kaufen. Aber eine vierte sportlich missglückte Saison wird den SCB auch wirtschaftlich in den Grundfesten erschüttern und auf den Stand von 1998 zurückwerfen. Mit dem Unterschied, dass es dann keinen neuen Marc Lüthi für den Neuaufbau geben wird. Und der «alte» Marc Lüthi kann kein zweites Wunder mehr vollbringen.

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63 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Amarillo
30.03.2022 17:11registriert Mai 2020
Um etwas aus Klausens Polemik herauszugreifen: Calle Andersson hätte mehr als genug Gelegenheit gehabt, sich als "Ersatz-Untersander" als unverzichtbar zu profilieren. Passiert ist es nicht. Es nützt nichts, wenn Spieler zwar ein "Potential" haben, dies aber nicht abrufen können. Und noch schlechter ist es, wenn das Potential - wie im Falle von Praplan und Andersson - zwar vergoldet wird, aber nur äusserst selten etwas davon erkennbar ist. Ich habe von Klaus nie Lobeshymnen über die beiden gelesen. Es ist deshalb billig, solche Spieler nur dann zu rühmen, um anderen eins auszuwischen.
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Spitzbueb
30.03.2022 17:04registriert Dezember 2020
Gegenfragen an Chlöisu: Welcher der Abgänge hat sich denn für eine Vertragsverlängerung resp. Einhaltung des Vertrags aufgedrängt? - Richtig: Keiner!
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Troll26
30.03.2022 17:05registriert März 2020
Klausi Klausi
Man merkt deinen Berichten an, das der Klaus in Bern nicht mehr erwünscht ist und vom Personal keine Infos mehr erhält.
So langsam aber sicher ist es Zeit an den Rücktritt zu denken, auch wenn man das Gefühl hat das es "ohne mich" nicht geht.
Gleiche Rolle, andere Namen und wohl oder Übel auch schlechtere Bedingungen.
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