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Trotz bislang durchschnittlichen Resultaten nach wie vor im Amt: ZSC-Coach Rikard Grönborg.
Trotz bislang durchschnittlichen Resultaten nach wie vor im Amt: ZSC-Coach Rikard Grönborg.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Die neue Jobsicherheit der Trainer – trügerisch oder echt?

Die Trainer sind die heimlichen Sieger der Corona-Krise. Erleben wir sogar zum ersten Mal in diesem Jahrhundert eine Saison ohne Trainerwechsel? Es ist tatsächlich möglich. Trotz einer kritischen Frage in Lugano, Zürich und Bern.
07.11.2021, 11:0708.11.2021, 06:10

Novemberpause und kein Trainerwechsel in Sicht. Das ist wahrlich neu. Zwar wurde letzte Saison Don Nachbaur erst am 1. Dezember des Amtes enthoben. Doch bereits vor dem traditionellen Meisterschafts-Unterbruch im November war klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er fliegt. Und das in einer Saison ohne Absteiger, ohne Zuschauer und dadurch ohne akute Resultatnot. Weil es keine von Sieg und Niederlage abhängige Tageskasse gab.

Wäre noch alles so, wie es einmal war – also so wie in der Zeit, bevor Corona in die Welt kam – dann hätten die Chronistinnen und Chronisten keine freien Tage während der Novemberpause, die heute Sonntag beginnt und bis zur nächsten Runde, bis zum Dienstag, 16. November dauert.

In Zürich, Lugano, Genf, Lausanne und Bern würde es rumoren. Die ZSC Lions haben 10, der SCB hat 18, Lugano 20 und Vorjahresfinalist Servette 23 Punkte Rückstand auf Tabellenführer Davos. In normalen Zeiten konnten sich die Coaches in Zürich, Lugano und Bern bei dieser Ausgangslage nicht im Amt halten. Sogar in Langnau wird über Jason O’Leary leise gemurrt und in normalen Zeiten müsste er um seinen Job bangen.

Jason O'Leary hat bei den Tigers das Sagen.
Jason O'Leary hat bei den Tigers das Sagen.Bild: keystone

Es gibt mehrere Gründe, warum es womöglich zum ersten Mal in diesem Jahrhundert während der ganzen Saison keine Trainerentlassung geben wird.

Der wichtigste Grund für die neue Jobsicherheit ist eine Folge der Corona-Krise. Trainerentlassungen führen immer zu Mehrausgaben im sechsstelligen Bereich. Das Kostenbewusstsein war in normalen Zeiten in den Chefetagen den Emotionen des Tages nicht gewachsen. Entsprachen die Resultate nicht den Erwartungen, dann musste der Trainer gehen. Koste es, was es wolle.

Doch heute gibt es dieses Kostenbewusstsein. Die Corona-Krise mit einer Saison ohne Zuschauer hat allen vor Augen geführt, auf wie dünnem Eis das ganze Hockey-Geschäft steht. Ja, das Selbstverständnis und das Selbstvertrauen einer Branche, die sich für «unverwundbar» gehalten und in einer Scheinwelt gelebt hat, ist in den Grundfesten erschüttert worden. Diese Erschütterung ist nach wie vor spürbar. Auf einmal ist allen klargeworden, wie abhängig auch der Sport von der «richtigen Welt» ist. Vom zahlenden Kunden, aber auch von staatlichen Autoritäten, von der Politik.

Seit Einführung der Playoffs (1986) hatte sich unser Hockey stürmisch entwickelt. Die Spitzenlöhne haben sich in dieser Zeit verzehnfacht. Und nun ist den Hockeymanagern zum ersten Mal bewusst geworden, dass es so nicht einfach weitergeht. Ein ähnlicher Schock wie 1973 die Ölkrise für die Wirtschaft nach fast 30 Jahren beinahe anhaltender Hochkonjunktur war. Sie brachte uns autofreie Sonntage.

Sämtliche Klubs mussten im Laufe der letzten Saison auf staatliche Hilfsprogramme zurückgreifen: Kurzarbeitslosenregelung, Kredite und Bundesgelder als Ausfallentschädigung für nicht verkaufte Tickets. Auf einmal war die Existenz vom Wohlwollen der Politik abhängig.

Diese Hilfsgelder müssen teilweise zurückbezahlt werden. Zudem waren und sind die Klubs auf die Generosität der Abo-Besitzerinnen und -Besitzer und der Werbepartner/Sponsoren angewiesen. Sie hätten, da ohne Publikum gespielt werden musste, einen Teil ihres Geldes zurückfordern können. Und haben es in der Regel nicht getan. Fast überall sind die Spielerlöhne nach verschiedenen Modellen gekürzt oder gestundet worden. Die Bereitschaft, mit einem Zuschuss eine Trainerentlassung in Zeiten der wirtschaftlichen Not neben dem Budget zu finanzieren, ist bei den zugewandten Orten der Klubs nicht mehr vorhanden.

Christian Wohlwend ist von der Thematik nicht betroffen, seine Davoser liegen neu an der Tabellenspitze.
Christian Wohlwend ist von der Thematik nicht betroffen, seine Davoser liegen neu an der Tabellenspitze.Bild: keystone

Unter diesen Voraussetzungen hat sich ein Kostenbewusstsein entwickelt. Die Corona-Krise hat überall einen Denkprozess ausgelöst. Pragmatismus ist in den Chefetagen stärker als die Emotionen des Tages. Nun werden Fragen gestellt, die vorher fast nie gestellt worden sind: Ist es wirklich notwendig, in einer Saison ohne Abstieg den Trainer zu entlassen? Können wir eine Trainerentlassung gegenüber unseren Geldgebern verantworten? Ist das Problem tatsächlich der Trainer?

Anfang November 2021 ist bei solchen Fragen überall die Einsicht eingekehrt: Eine Trainerentlassung können wir uns nicht leisten. Dass Marc Lüthi nach einem Spiel spontan in die Kabine hinuntersteigt und den Trainer ohne echte Not auf der Stelle feuert – so wie er das mit Larry Huras und Antti Törmänen getan hat – ist heute völlig undenkbar. Und unter den aktuellen Umständen hätten die ZSC Lions Serge Aubin nicht durch Arno Del Curto ersetzt.

Dazu kommt: Der Tabellenletzte Ajoie – in der Regel fliegt ja der Trainer des Schlusslichtes zuerst – nützt die Atempause (diese Saison kein Absteiger) zur Pflege einer Hockey-Romantik, die es in dieser Form in unserem Hockey noch nie gegeben hat. Ja, es ist fast ein Hockeymärchen. Und alles passt: der Präsident, der Trainer, der Sportchef, die Spieler, das Publikum, das Stadion.

Arno Del Curto – Anfang 2019 für kurze Zeit nochmals Trainer der ZSC Lions.
Arno Del Curto – Anfang 2019 für kurze Zeit nochmals Trainer der ZSC Lions.Bild: keystone

Ist diese neue Vernunft tatsächlich nachhaltig oder bloss trügerisch? Sitzen Rikard Grönborg, Chris McSorley, Johan Lundskog, John Fust, Patrick Emond und Jason O`Leary auch in der Dezember- und in der Spengler-Cup-Pause immer noch sicher im Sattel? Das ist eine interessante Frage.

Die Geschichte lehrt uns, dass es nach einer Krise so weiter geht wie vorher. Und manchmal sogar noch wilder. Das mag sein. Aber in unseren Hockey-Chefetagen hat sich unabhängig vom Krisen-Schock ein neues Denken entwickelt. Raëto Raffainer, Martin Steinegger, Janick Steinmann oder Paolo Duca personifizieren dieses neue Denken.

Als Verbandsdirektor hat Raëto Raffainer ein Konzept entwickelt («Swissness») und durch eine Krise durchgezogen und ist für diese Standhaftigkeit mit dem WM-Final von 2018 belohnt worden. In Davos ist es ihm mit einem klaren Konzept gelungen, den HCD ohne Arno Del Curto erfolgreich weiterzuführen. Nun versucht er den SC Bern mit einem schwedischen Kollektiv wieder in die Spur zu bringen.

Raëto Raffainer setzt auf Swissness.
Raëto Raffainer setzt auf Swissness.Bild: keystone

In Biel hat Martin Steinegger eine sportliche Kultur entwickelt, bei den Lakers ist Janick Steinmann die Erneuerung der Mannschaft nahezu perfekt gelungen und in Ambri hat Paolo Duca Ambris Kultur zu den Ursprüngen zurückgeführt.

Diese Beispiele zeigen allerdings auch: Ein Trainer muss zur DNA des Klubs passen. Und noch wichtiger: Der Klub muss eine klar erkennbare DNA haben. Nur wenn ich weiss, wer ich bin, finde ich die Spieler und vor allem den Trainer, der zu mir passt.

Die Gefahr, dass sich das Management von einem grossen Namen, einer charismatischen Persönlichkeit beeindrucken lässt und dann hinterher feststellen muss, dass man sich getäuscht hat, bleibt auch in Zeiten der Krise gross. Ungefähr so gross wie die Gefahr im richtigen Leben, bei der Partnerwahl durch Schönheit oder Vermögen (oder eine Kombination aus beidem) in die Irre geführt zu werden.

Ist die neue Jobsicherheit der Trainer also nachhaltig? Nun, es ist tatsächlich nicht auszuschliessen, dass erstmals in diesem Jahrhundert kein Trainer gefeuert wird.

Aber ein wenig Polemik darf schon sein. Wir müssen auch die Frage stellen: Haben Lugano (mit Chris McSorley), die ZSC Lions (mit Rikard Grönborg) und der SCB mit (Johan Lundskog) tatsächlich den Trainer gefunden, der zur DNA des Klubs passt? Den perfekten Partner fürs Hockey-Leben? Bei der Vertragsunterzeichnung hing der Himmel voller Geigen, die Beethovens Ode an die Freude fiedelten (die mit dem «Götterfunken»). Aber der Alltag wird in einem unberechenbaren Spiel auf einer rutschigen Unterlage unter Aufsicht von unerbittlichen Schiedsrichtern gelebt – ein Alltag, der noch unberechenbarer und rutschiger sein kann als das richtige Leben.

Eric Blum kehrt aufs Eis zurück – Wüthrich bleibt
Eric Blum (35) hat nach dem Foul von Fabrice Herzog im Februar kein Eishockey mehr gespielt. Alle Versuche zur Normalität eines Trainings- oder Spielalltages zurückzufinden sind bisher gescheitert. Nun kehrt der SCB-Verteidiger während der Nationalmannschafts-Pause aufs Eis zurück. SCB-Untersportchef Andrew Ebbett sagt: «Wir haben Eric zuletzt einen Monat Pause gegeben und er kehrt nun zurück und nimmt einen neuen Anlauf.»

In den nächsten Tagen soll der Vertrag mit Torhüter Philip Wüthrich (23) verlängert werden. SCB-Untersportchef Andrew Ebbett bestätigt: «Wir haben gute Gespräche geführt und sollten nun in den nächsten Tagen zu einer Vertragsverlängerung kommen. Beide Seiten sind an einer langfristigen Lösung interessiert.» Das heisst: Der wahrscheinlich beste junge Torhüter der Schweiz wird beim SCB um drei oder vier Jahre verlängern.
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