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Kein Hockey- und kein Fussballstadion

Zürichs heimatlose Sporthelden

Der FCZ ist Cupsieger, GC fordert den FC Basel im Titelrennen. Die ZSC Lions sind soeben Meister geworden. Die Zürcher sind erfolgreich. Aber Zürich hat weder ein richtiges Fussball- noch ein Hockeystadion. 
21.04.2014, 14:0621.04.2014, 16:35

Zürichs Sport ist heimatlos. Die ZSC Lions feierten ihren Titel in einer Arena, die besser für Popkonzerte und Aktionärsversammlungen der Grosskonzerne geeignet ist. Und Cupsieger FCZ und der Super-League-Zweite GC spielen in einem Stadion, das eigentlich nur einmal im Jahr seine Bestimmung erfüllt: beim Leichtathletik-Meeting «Weltklasse Zürich». Die Weltstadt Zürich dürfte weltweit die einzige wichtige Stadt sein, die nicht über ein richtiges Fussballstadion verfügt.

Die Zürcher Fussballklubs leiden unter den aktuellen Voraussetzungen unter einem «strukturellen Defizit» und mit einem eigenen Stadion und Rahmenbedingungen wie sie YB in Bern oder Basel in Basel hat, könnten mit etwas Glück und grossem Geschick rosarote oder in guten Jahren schwarze statt tiefrote Zahlen geschrieben werden.

Der Letzigrund ist für Fussball einfach nicht geeignet.
Der Letzigrund ist für Fussball einfach nicht geeignet.Bild: Keystone

Für die meisterlichen ZSC Lions ist das fehlende eigene Stadion ebenfalls ein wirtschaftlich existenzielles Problem. Die Organisation der ZSC Lions bleibt unter den aktuellen Voraussetzungen auch bei bestem Management und grossem sportlichen Erfolg ein Zuschussgeschäft. ZSC-Manager Peter Zahner sagt, dass der Hockeybetrieb finanziert werden könnte, wenn die ZSC Lions die ähnlichen Bedingungen hätten wie der SC Bern oder der EV Zug.

Will heissen: wenn die ZSC Lions im Stadion alle oder den grössten Teil der Gastronomie-, Werbe- und Terminrechte hätten. Sie sind aber im Hallenstadion, das der Stadt Zürich gehört, nur Mieter mit einem geringen Anteil an den Werbe- und Gastronomieeinnahmen, und sie müssen für die verschiedenen Teams mehrere Eisbahnen in und um Zürich belegen.

Deshalb treiben die ZSC Lions das Projekt eines eigenen Stadions voran. Der Standort in Zürich ist längst gefunden, die Pläne sind gezeichnet und publiziert, und die Finanzierung ist kein unlösbares Problem. Angestrebt wird eine Eröffnung im Herbst 2018. Aber die politischen Prozesse sind in der Stadt Zürich eben langwierig.

Peter Zahner sagt: «Im Laufe dieses Jahres wollen wir Klarheit darüber, ob der Bau bis 2018 realisiert werden kann. Zeigt sich, dass dies nicht realistisch ist, dann müssen wir mit der Stadt Zürich ganz neue Mietbedingungen für das Hallenstadion ausarbeiten.» Und was ist, wenn weder das eine noch das andere möglich ist? «Dann ist die Zukunft der ZSC Lions, so wie wir sie heute kennen, in Frage gestellt.»

Im Hallenstadion sitzen die Fans ganz schön weit weg vom Eis.
Im Hallenstadion sitzen die Fans ganz schön weit weg vom Eis.Bild: freshfocus

Die schäbige Sportinfrastruktur in Zürich ist nicht typisch für die Schweiz. Bern ist das Gegenstück zu Zürich: Der SC Bern zelebriert Eishockey in einem Sporttempel und lockt mehr Zuschauerinnen und Zuschauer an als jedes andere Hockeyunternehmen ausserhalb Nordamerikas.

YB tritt im Stade de Suisse auf und hat Rahmenbedingungen, die es einem fähigen sportlichen und wirtschaftlichen Management möglich machen würden, Jahr für Jahr um den Titel zu spielen und rosarote oder gar schwarze Zahlen zu schreiben. In Bern wird, weil es hier eben ein wunderbares Fussballstadion gibt, auch der Cupfinal ausgetragen.

In Bern und in Zürich gibt es entweder den Erfolg oder die Stadien. Aber zurzeit nicht beides. Der Gegensatz zwischen Zürich und Bern ist extrem und auf den ersten Blick unerklärlich. Denn beide Städte haben eine sehr ähnliche politische Kultur und werden von den Linken regiert. Und doch ist es logisch, dass Bern tolle Stadien und Zürich gar keine richtigen Sportarenen hat. Weil Berns Linke, anders als in Zürich, Patrioten sind, wenn es um Sport geht.

In Corine Mauchs Zürich wird einfach kein neues Fussballstadion gebaut.
In Corine Mauchs Zürich wird einfach kein neues Fussballstadion gebaut.Bild: Keystone

Um es salopp zu sagen: Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) können wir uns nicht als begeisterte ZSC-Anhängerin in der Hallenstadion-Loge von Walter Frey vorstellen. ZSC-Manager Peter Zahner sagt, man habe ab dem Playoff-Halbfinal die Mitglieder der Zürcher Stadtregierung ins Hallenstadion eingeladen. «Einzelne nehmen die Einladung jeweils an. Aber die Stadtpräsidentin haben wir noch nie gesehen.»

In Bern ist es ganz anders. Stadtpräsident Alex Tschäppät ist zwar auch ein Sozialist. Aber noch viel mehr ist er eben Berner und ein leidenschaftlicher Anhänger der beiden Stadtberner Klubs SC Bern und YB. Wann immer es möglich ist, wohnt er den Vorführungen der kurzhosigen und stockbewehrten Gladiatoren bei. Und es stört den Populisten nicht, dass dieses Volksvergnügen von Erzkapitalisten finanziert wird. Der Berner Sport ist immer wichtiger als politische Ideologien. Und überhaupt ist der Berner Stadtpräsident in seinem Wesen und Wirken SCB-General Marc Lüthi ähnlicher, als beide wahrhaben wollen.

Fussballfest im Berner Stade de Suisse.
Fussballfest im Berner Stade de Suisse.Bild: Keystone

Dem Zürcher wird nachgesagt, er sei geschäftiger, unternehmenslustiger, betriebsamer und weltmännischer als die übrigen Schweizer. Er trägt weniger Lokalfarbe an sich. In Zürich leben so viele Schweizer, die nicht Zürcher sind, dass es den typischen Zürcher so nicht mehr gibt. In Bern hingegen leben so viele Schweizer, die Berner sind, dass es einen viel ausgeprägteren Patriotismus gibt. 

Sportinfrastrukturen müssen durch die öffentliche Hand finanziert oder doch wenigstens bewilligt werden. Also braucht es Volksabstimmungen. Die sind in Bern, wenn es um Sportstadien für den SCB oder YB geht, einfacher zu gewinnen. Ja, der Bau des Hockeytempels auf der Allmend hatte einst SP-Stadtpräsident Reynold Tschäppät, der Vater des aktuellen Stadtoberhauptes, zu seiner ganz persönlichen Angelegenheit gemacht.

Der Berner Stapi Alex Tschäppät vor dem Cupfinal 2009 im YB-Trikot.
Der Berner Stapi Alex Tschäppät vor dem Cupfinal 2009 im YB-Trikot.Bild: Keystone

Er engagierte sich vorbehaltlos für die neue Sportanlage, kreierte eine griffige Parole («Ja, mir wei es Dach») und die Stimmberechtigten der Stadt Bern bewilligten im Dezember 1969 Überdachung und Ausbau der Kunsteisbahn. Im Volk hiess die neue Hockey-Arena damals «Tschäppät-Tempel».

Können wir uns Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch im Abstimmungskampf um den Bau eines neuen Fussballstadions an vorderster Front mit einem GC- und einem FCZ-Schal um den Hals vorstellen? Eher nicht. Im Herbst 2013 haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Stadt Zürich den Bau eines Fussballstadions abgelehnt. Berns Linke bauen Velowege und Stadien. Zürichs Linke nur Velowege.

Trotz Stadion-Mangel: In Zürich werden mehr Pokale in die Höhe gestemmt als in Bern.
Trotz Stadion-Mangel: In Zürich werden mehr Pokale in die Höhe gestemmt als in Bern.Bild: Keystone

Dank Huldreich Zwingli und Alfred Escher sind die Zürcher tüchtige und fleissige Kapitalisten geworden. Darum sind sie im kapitalistischen Sport des 21. Jahrhunderts recht erfolgreich. Der FCZ holte 2006, 2007 und 2009 den Titel sowie 2000 und 2005 den Cup, GC wurde 2001 und 2003 Meister und 2013 Cupsieger. Die ZSC Lions sind gar eines der besten Teams der Welt geworden. Sie gewannen nicht nur 2000, 2001, 2008, 2012 und 2014 den nationalen Titel, 2009 holten sie sich auch die Champions League und den Victorias Cup gegen die Chicago Blachhawks (NHL). 

Aber es sind sozusagen heimatlose Sporthelden. Eine mit der Stadt Bern vergleichbare Sportbegeisterung, entsprechende politische Akzeptanz des Sportes und moderne Stadien für Eishockey und Fussball gibt es in Zürich nicht. Die Berner haben die moderneren, schöneren und grösseren Sporttempel. Dafür haben die Berner im Sportkapitalismus so ihre Probleme. Erstaunlicherweise seit Jahren vor allem dort, wo seit Jahren vor allem Zürcher ständig dreinreden: Bei YB. YB hat die letzte Meisterschaft 1986 und den letzten Cupsieg 1987 geholt. Im letzten Jahrhundert. Der SCB, ganz in Berner Hand, hat immerhin 2004, 2010 und 2013 den Titel gefeiert.

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