Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Switzerland's coach Glen Hanlon (top) gestures to players during their Ice Hockey World Championship game against Austria at the O2 arena in Prague, Czech Republic May 2, 2015. REUTERS/David W Cerny

Glen Hanlon wirft sein altes Linienkonzept über den Haufen. Bild: DAVID W CERNY/REUTERS

Eismeister Zaugg

Die seltsamen Methoden des Franz Josef Hanlon – wie der Nati-Trainer am Hockeywunder bastelt

Nationaltrainer Glen Hanlon bastelt mit eigenwilligen Personalentscheidungen am Hockeywunder. Eine TV-Kultserie lehrt uns: Das Wunder ist möglich. Selbst scheinbar unmögliche Fälle können gelöst werden.

klaus zaugg, Prag



In den 1960er Jahren startete die ARD-Kultserie «Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger». Sie war so erfolgreich, dass über 100 Fortsetzungen gedreht wurden. Der pensionierte Kommissar Franz Josef Wanninger klärt mit unkonventionellen Methoden scheinbar unlösbare Fälle auf. Der treue Assistent Fröschl steht ihm bei.

Irgendwie mahnt uns Glen Hanlon (58) mit seinem Assistenten John Fust (43) ein wenig an das TV-Duo Wanninger/Fröschl. Zumal der Altersunterschied ähnlich ist. Das ist durchaus im guten Sinne und keineswegs boshaft gemeint. Zumal Glen Hanlon und John Fust ja auch allseits sehr beliebt sind und nun auch einen scheinbar unlösbaren Fall haben: Die Schweiz in den Partien gegen die Titanen Schweden, Kanada und Tschechien doch noch ins Viertelfinale zu führen. Und wie ihre populären TV-Vorbilder sind ihre Methoden eigenwillig oder, wenn wir boshaft sein wollen, seltsam.

Bild

Das Duo Wanninger/Fröschl. bild: screenshot youtube

27.05.2014; Zuerich; Eishockey - MK Swiss Ice Hockey;
Glen Hanlon wird als neuer Nationaltrainer vorgestellt. John Fust (L) wird Trainer der U20 (Andy Mueller/freshfocus)

Das Duo Hanlon/Fust. Bild: Andy Mueller/freshfocus

Mit Dino Wieser hat Glen Hanlon einen Fräser und Energiespieler der oberen Hubraumklasse für die WM aufgeboten. Der furchtlose Flügel mit der Zahnlücke bringt Emotionen aufs Eis und auf die Bank. Er geht seinen Gegenspielern unter die Haut. Je intensiver eine Partie, desto besser sein Spiel. Beim HC Davos ist er einer der wichtigsten Einzelspieler.

Einer wie Dino Wieser kann den Schweizern in Prag helfen. Er hätte gegen die «Kleinen» (Österreich, Frankreich, Deutschland, Lettland) eine wichtige Rolle spielen können. Und er könnte es erst recht gegen die Grossen (Schweden, Kanada, Tschechen). Aber er darf nicht.

Im takischen Niemandsland verlaufen

Dino Wieser hat bisher mit einer durchschnittlichen Eiszeit von 6:52 Minuten von allen Stürmern am zweitwenigsten Präsenz. Nur Reto Schäppi spielte mit 5:16 Minuten noch weniger. Und gegen Schweden ist Dino Wieser gar nur als Stürmer Nummer 13 vorgesehen. Das bedeutet, dass er im Normalfall gar nicht eingesetzt wird und nur auf der Bank sitzt.

05.05.2015; Prague; Eishockey WM 2015 - IIHF ICE HOCKEY WORLD CHAMPIONSHIP;
Switzerland - Germany;
Dino Wieser (SUI) 
(Andy Mueller/freshfocus)

Dino Wieser wird von Hanlon degradiert. Bild: freshfocus

Dabei wäre Dino Wieser «geladen». Bereit für grosse Taten. Er weiss die Ehre, im WM-Team zu sein, sehr zu schätzen. Er vibriert sozusagen vor Energie und möchte von der Leine gelassen werden. Warum fragt er den Glen Hanlon nicht um mehr Eiszeit? «Das mache ich nicht. Das gehört sich nicht. Er ist der Trainer und er entscheidet.» Kein Wort der Klage. In Davos oben lernt einer, dass der Trainer Gott ist und immer Recht hat. Glen Hanlon sagt, er wisse um die Vorzüge von Dino Wieser. «Aber er muss diese Rolle akzeptieren. Wir haben das bereits bei der Nomination besprochen.»

Keine Skorer und fitgespritzte Ersatzleute

Die Nomination von Dino Wieser macht so keinen Sinn. Er ist ein Spieler, der Eiszeit braucht. Damit er warm wird. So wie er jetzt eingesetzt worden ist, mahnt er an einen Formel-1-Boliden, der nur im Standgas gefahren wird. Dino Wieser war bisher ein Fremdkörper, der sich irgendwo im taktischen Niemandsland verlaufen hat. Weder Forechecker noch Defensivstürmer. Taktisch weder Fisch noch Vogel.

Wenn schon Energiespieler wie Dino Wieser und Tristan Scherwey (er ist noch nicht zum Einsatz gekommen und spielt auch gegen Schweden nicht) nicht zum Zuge kommen, dann müssten eigentlich abschlussstarke Läufer und Skorer wie Lino Martschini oder Inti Pesoni eingesetzt werden. Doch die hat Glen Hanlon gar nicht aufgeboten. Es hat also schon Gründe, warum wir bisher gegen die «Kleinen» in vier Spielen erst acht Tore erzielt haben. Die seltsamen Methoden des Franz Josef Hanlon.

Switzerland's players goaltender Daniel Manzato, left, Dean Kukan, 2nd left, Tristan Scherwey, 2nd right, and Romain Loeffel, right, make a break, during a training session, at the IIHF 2015 World Championship, at the Tipsport Arena, in Prague, Czech Republic, Thursday, May 7, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Kann Dean Kukan gegen Schweden spielen? Oder warum wird er fitgespritzt? Bild: KEYSTONE

Dean Kukan (21) ist einer unserer talentiertesten und besten Verteidiger. Mit dem Potenzial für eine NHL-Karriere. Aber er leidet an einer Schulterverletzung. Er wird schmerzfrei gespritzt. Aber nicht, damit er gegen Schweden spielen kann. Glen Hanlon sagt: «Er sitzt auf der Bank und wird höchstens im Notfall spielen.»

Das hat es so noch nicht gegeben: Ein junger Spieler wird schmerzfrei gespritzt. Aber nur, damit er als Notnagel auf der Spielerbank zuschauen darf. Das ist – mit Verlaub – unsinnig, wenn nicht gar verantwortungslos. Zumal mit Romain Loeffel ein gesunder Verteidiger nachträglich aus den Ferien heraustelefoniert und nach Prag geholt worden ist. Er könnte ja auch als Notnagel auf der Bank sitzen. Glen Hanlon sagt, warum er Romain Loeffel nicht einsetzt: «Wir müssten dann unseren letzten Platz vergeben.» Da können wir auch fragen: Will er eigentlich diese letzte Lizenz «chüechlen»? Die seltsamen Methoden des Franz Josef Hanlon.

Fiala und Brunner doch noch im selben Sturm

Vor der WM hatte Glen Hanlon ausdrücklich erklärt, es sei wahrscheinlich etwas gar riskant, die offensiven Schillerfalter Damien Brunner und Kevin Fiala in der gleichen Linie laufen zu lassen. Wobei er das Wort «Schillerfalter» natürlich nicht benutzt hat. Das ist unsere Bezeichnung.

Switzerland's Kevin Fiala drives the puck, during the IIHF 2015 World Championship preliminary round game Switzerland vs Germany, at the O2 Arena, in Prague, Czech Republic, Tuesday, May 5, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Kevin Fiala darf nun doch mit Damien Brunner stürmen. Bild: KEYSTONE

Der Nationaltrainer hat dann folgerichtig in den Partien gegen die «Kleinen» dieses Risiko gescheut. Aber jetzt, gegen Schweden, sollen Damien Brunner und Kevin Fiala doch in einer Linie mit Center Cody Almond stürmen. Gegen die «Kleinen», gegen die wir dringend Tore gebraucht hätten und das defensive Risiko gering gewesen wäre, durften die beiden nicht zusammen offensiv feuerwerken.

Aber jetzt, gegen Schweden, gegen eine der besten Nationalmannschaften der Welt, geht Glen Hanlon dieses Risiko ein. Obwohl wir wahrscheinlich alle defensive Hände voll zu tun haben werden. Er sagt: «Acht Tore in vier Spielen –wir müssen handeln und einfach etwas versuchen, um mehr Tore zu erzielen.» Die seltsamen Methoden des Franz Josef Hanlon.

Erst Genoni, dann Berra

Noch können die Schweizer die Viertelfinals erreichen. Und dann werden aus den seltsamen Methoden unseres Nationaltrainers und seines Assistenten sportliche Wunderheilungen. Warum nicht? Franz Josef Wanninger und sein Fröschl haben ja auch die unmöglichsten Fälle gelöst.

Switzerland's Mark Streit, right, drives the puck next to his goaltender Leonardo Genoni, left, during the IIHF 2015 World Championship preliminary round game Switzerland vs Germany, at the O2 Arena, in Prague, Czech Republic, Tuesday, May 5, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Gegen Schweden im Tor: Meistergoalie Leonardo Genoni. Bild: KEYSTONE

Ein Personalentscheid ist nicht zu hinterfragen. Gegen Schweden (Samstag) steht Leonardo Genoni und anschliessend gegen Kanada (Sonntag) Reto Berra im Tor. Das hätten wohl auch Franz Josef Wanninger und sein Assistent Fröschl so entschieden.

Alle Eishockey-Weltmeister

Das könnte dich auch interessieren:

Fazit nach Frauenstreik: Hunderttausende Menschen protestierten für Gleichstellung

Link zum Artikel

«Er hat nicht unrecht» – das sagt Christoph Blocher zu SVP-Glarners Handy-Terror

Link zum Artikel

Du willst dein Handy sicherer machen? Dann solltest du diese 10 Regeln kennen

Link zum Artikel

FCB-Sportchef Streller tritt mit emotionalem SMS zurück: «Es bricht mir s’Herz»

Link zum Artikel

Trump hat sich im Persischen Golf verzockt

Link zum Artikel

5 Action-Heldinnen, die die Filmwelt ordentlich gerockt haben

Link zum Artikel

Preisgeld-Vergleich: So viel mehr kassieren Männer im Sport als Frauen

Link zum Artikel

14 Gründe, warum die Frauen heute streiken

Link zum Artikel

«Das stimmt einfach nicht» – Martullo-Blocher wird in der «Arena» vorgeführt

Link zum Artikel

Nach Handy-Terror: Betroffene Mutter rechnet mit SVP-Glarner ab – und wie

Link zum Artikel

Trump setzte Kopfgeld auf unschuldige Schwarze aus – jetzt melden sie sich zu Wort

Link zum Artikel

9 spannende Geisterstädte und ihre Geschichten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

6
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Darkside 10.05.2015 05:49
    Highlight Highlight Bei allem Respekt vor Hanlon, und auch wenn man gegen Kanada nicht mit Punkten rechnen darf, für die restlichen Games muss man Genoni bringen. Er ist super drauf während Berra nicht über alle Zweifel erhaben ist. Und dass er einen Löffel holt statt Seger, naja, mit dem Coach werden wir wohl nie so viel erreichen wie mit Simpson. Die Verbandsspitze, vor allem Ueli Schwarz, gehört in die Wüste gejagt!
  • ramooon 08.05.2015 20:00
    Highlight Highlight Bei den time outs von hanlon hören die spieler ja nicht mal zu. Ich wünschte mir einen trainer wie guy boucher.
  • urano 08.05.2015 17:37
    Highlight Highlight mit diesem trainer gewinnt man keinen blumentopf !
  • länzu 08.05.2015 17:02
    Highlight Highlight Ich kann dem Eismeister nur beipflichten: dieser Hanlon hat nicht mehr alle hamster im Rennen. Kommt mir vor wie im Millionenspiel, wo einer, mit noch drei Jokern, rausfliegt. Auch alle anderen Personalentscheide sind nicht nachvollziehbar.
    Die Verbandsheinis werden trotzdem nichts unternehmen und ihm wohl noch eine vorzeitige Vertragsverlängerung anbieten.
    Ich wäre für eine Kollektiventlassung von Trainern und Präsident.
  • Cello Pfischterer 08.05.2015 16:24
    Highlight Highlight Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen, sein eigenes System, seine eigene Philosophie - und die setzen sie konsequent um und durch. Das finde ich richtig. Letztlich entscheiden die Resultate über Erfolg oder Misserfolg dieser Ideen - das ist das, was zählt. Wir kennen die Resultate noch nicht endgültig. Sollte die Schweiz ausscheiden, ist es jammerschade, aus diesem Team nicht mehr gemacht zu haben.
    So viel ich von Mark Streit halte. Mir fällt auf, dass immer dann, wenn er an Turnieren dabei ist, die Mannschaften Probleme haben zu reüssieren. Vielleicht ist es auch nur Zufall.
    • exeswiss 08.05.2015 19:02
      Highlight Highlight glaube kaum das es am verteidiger liegt, wenn stürmer keine tore schiessen.

Die Schweiz ist «B-Weltmeister» – der erstaunlichste Reifeprozess aller Zeiten

4:1 gegen Norwegen. Vier Siege zum WM-Auftakt hatten wir auch schon. Aber noch nie auf diese Art und Weise. Die grosse Frage lautet nun: Wie weit kommt die «neue» Schweiz?

Kehren wir ein wenig in die Vergangenheit zurück, um die Leistungen der Schweizer hier in Bratislava einzuordnen. Die Vergangenheit hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen.

Also: Im letzten Jahrhundert mit der alten Ordnung des «Kalten Krieges» war auch die Hockeywelt überschaubar. Eingeteilt in eine A-, B- und C-WM. Die A-WM als oberste Stufe umfasste bloss 6 und später 8 Nationen. Und nicht 16 wie heute.

Die Schweiz gehörte mit Ausnahme von zwei schmachvollen Jahren in der C-WM (1969, …

Artikel lesen
Link zum Artikel