Marc Lüthi und der SCB-Eklat: «Sie werkeln an unserer Zukunft …»
SCB-Manager Marc Lüthi ist im Laufe von mehr als 20 Jahren auch ein kluger Diplomat geworden. Auf eine entsprechende Frage sagt er:
Am 1. Mai gibt er sein Amt auf und dann tritt Jürg Fuhrer seine Nachfolge an. Immer wieder ist der Chronist gewarnt worden: «Unterschätze den Fuhrer nicht.» Nun rockt der neue SCB-Bürogeneral Jürg Fuhrer und im besten Wortsinn wird an der SCB-Zukunft «gewerkelt». Marc Lüthi mischt sich nicht mehr ein.
Sein Nachfolger macht jetzt das, was Marc Lüthi getan hätte, wenn er auch heute noch der wahre und nicht der altersweise Marc Lüthi wäre: Er räumt auf. Im Frühjahr 2008 hat Marc Lüthi Captain Martin Steinegger aus einem laufenden Vertrag nach Biel zurücktransferiert. Der SCB war als Qualifikationssieger im Viertelfinal schmählich gegen Gottéron gescheitert. Zwei Jahre später war der SCB wieder Meister.
Marc Lüthis Nachfolger Jürg Fuhrer schreckt vor vergleichbaren Massnahmen nicht zurück: Captain Ramon Untersander (35) muss gehen. Trotz Vertrag bis 2028. Und mit ihm Joel Vermin (34, Vertrag bis 2027) und Hardy Häman Aktell (30, Vertrag bis 2027). So bestätigen es drei voneinander unabhängige Quellen und so vermeldet es die jeder Gerüchtemacherei abholde, noble NZZ. Wenn man nicht einmal mehr der NZZ trauen kann, wem dann?
Es ist der längst fällige Befreiungsschlag. Er zeichnete sich in den letzten Tagen immer mehr ab. Die Gerüchte wollten nicht verstummen, Martin Plüss versuche ein Tauschgeschäft mit Ambri um Verteidiger Dario Wüthrich nach Bern zu holen. Was er auf Nachfrage natürlich dementiert, in Ambri hingegen ausdrücklich bestätigt worden ist.
Die erste Reaktion ist natürlich: Was soll mit dem SCB werden, wenn Ramon Untersander und Joël Vermin gehen? Den schwedischen Verteidiger Hardy Häman Aktell, eines der grössten Missverständnisse unter den in der neueren Zeit so reichen SCB-Ausländerirrtümer, kann auf dem Transfermarkt problemlos ersetzt werden.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Nun, dazu ist zu sagen: Schlimmer als diese Saison mit dem kläglichen Scheitern gegen die Lakers in der zweiten Play-In-Runde kann es gar nicht mehr kommen. Ramon Untersander hatte in der soeben abgelaufenen Saison die miserabelste Plus/Minus-Bilanz aller SCB-Spieler (Minus 15). Mit der Aussage in einem von ihm gegengelesenen und vom damaligen SCB-Kommunikationschef Reto Kirchhofer genehmigten Interview ist er legendär geworden:
Joël Vermin war mit einer Plus/Minus-Bilanz von Minus 11 auch nicht gerade eine Teamstütze. Marc Lüthis Nachfolger Jürg Fuhrer mag von seinem Auftreten (Charisma) her im Vergleich zu seinem Vorgänger nur eine Büro-Ordonnanz sein. Aber das kann täuschen. Obwohl er offiziell sein Amt erst am 1. Mai antritt, ist die aktuelle Kurskorrektur von ihm orchestriert. In den Verwaltungsrat hat er sich seinerzeit durch den Kauf der Aktien von Marc Streit eingebracht und nun wird er ab 1. Mai den SCB managen.
Ohne jede Boshaftigkeit dürfen wir sagen: Eine Wende gibt es beim SCB allerdings nur, wenn er mit Martin Plüss auch den Hauptverantwortlichen für das sportliche Missmanagement zügig aber ohne Hast des Amtes enthebt. Der inzwischen zum Untersportchef degradierte ehemalige Meistercaptain hat auch die Vertragsverlängerung mit Ramon Untersander bis 2028 zu verantworten. Seine Reorganisation der Nachwuchsorganisation (SCB Future) endete soeben mit der maximalen Schmach einer Ligaqualifikation gegen Winterthur in der höchsten Juniorenliga. Sportliches Missmanagement oben, sportliches Missmanagement unten.
Die Verabschiedung von Ramon Untersander, Joël Vermin und Hardy Häman Aktell wird teuer. Im Laufe der nächsten Wochen wird es darum gehen, den Schaden zu mindern indem neue Arbeitgeber gefunden werden. Soooo schwierig dürfte das nicht sein. Es gibt genug Klubs, die – ganz im Sinne von Ramon Untersander – nicht «immer Erster» sein müssen. Es ist der erste, seit Jahren fällige Schritt zu einem Neuanfang. Aber es ist erst der erste Schritt und weitere sind dringend erforderlich um aus dem «Bundesamt für Eishockey» wieder ein dynamisches, erfolgreiches Sportunternehmen zu machen.
Die Chinesen sagen, jede noch so beschwerliche Reise beginne mit dem ersten Schritt. Und dieser erste Schritt ist einen hohen Preis wert. Geld hat der SCB ja noch immer mehr als genug.
