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Eismeister Zaugg

Mitleid mit dem grossen SC Bern – zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg

Nichts als hängende Köpfe bei den Spielern des SC Bern nach der 1:2-Pleite in Langnau.
Nichts als hängende Köpfe bei den Spielern des SC Bern nach der 1:2-Pleite in Langnau.
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Mitleid mit dem grossen SC Bern – zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg 1986

Nach der kläglichsten Niederlage dieses Jahrhunderts (1:2) gegen die SCL Tigers gibt es beim SC Bern nichts mehr zu kritisieren. Wird Lars Leuenberger neuer U20-Nationaltrainer?
16.01.2016, 10:0716.01.2016, 12:25
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Der SCB verliert in Langnau 1:2. Es ist die kläglichste Niederlage gegen die SCL Tigers seit dem Wiederaufstieg von 1986. Und es gibt nichts mehr zu polemisieren. Eine Situation, die es in der neueren Geschichte unseres Hockeys noch nicht gegeben hat.

Unter Polemik verstehen wir den direkten, scharfen verbalen Angriff. Geführt mit dem stilistischen Mittel der Übertreibung, der Zuspitzung, der Ironie, des Spottes, der Schadenfreude und des Sarkasmus.

Dominiert, aber zu selten getroffen. Der SCB liefert in Langnau eine erbärmliche Leistung ab.
Dominiert, aber zu selten getroffen. Der SCB liefert in Langnau eine erbärmliche Leistung ab.
Bild: KEYSTONE

Ach, wie lustvoll liess sich früher polemisieren, als der SCB noch ein richtiger SCB war. Denn der SCB war immer gross. Auch in der Niederlage. Deshalb wurde eine Niederlage nie einfach hingenommen. Der SCB weckte immer Emotionen unter seinen Anhängern und seinen Gegnern und vielen Chronisten. Begeisterung, Zorn, Enttäuschung, Frustration, Freude oder zumindest Schadenfreude.

Nullnummer als bester Spieler

Eine kleine Episode sagt alles über die Verfassung des SC Bern in diesem Derby. Der grosse Martin Plüss (38) wird zum besten SCB-Spieler der Partie gewählt. Seine Bilanz in dieser Partie: null Tore, null Assists, null Strafminuten. Eine Nullnummer. Wie auch die beiden anderen WM-Silberhelden Simon Moser und Simon Bodenmann. Es genügte, eine Nullnummer zu sein um nach einem verlorenen Derby der beste SCB-Spieler zu sein.

Martin Plüss ist sozusagen aus Mitleid zum besten Spieler gewählt worden. Wen hätte man sonst mit dieser Ehre beglücken können? Niemanden. Also wählte man einen, gegen dessen Auszeichnung niemand etwas einwenden kann. Weil er einer der grössten Spieler aller Zeiten in unserem Hockey ist.

Es bleibt selbst dem streitlustigsten Chronisten nur noch Mitleid. Wen sollte er denn kritisieren? Die Berner haben doch alles getan, was getan werden kann. Den Trainer ausgewechselt. Viel zu spät zwar. Aber dann doch noch. Alle acht Ausländerlizenzen eingelöst. Einen ausländischen Torhüter verpflichtet, der in Europa Spielpraxis hatte und nach menschlichem Ermessen besser sein müsste als Yanick Schwendener.

Nullnummer Martin Plüss ist der beste SCB-Mann in Langnau. Irgendwie lustig ...
Nullnummer Martin Plüss ist der beste SCB-Mann in Langnau. Irgendwie lustig ...
Bild: KEYSTONE

Der Sportchef ist zurückgetreten und Nottrainer Lars Leuenberger ist der bestmögliche Mann um Guy Boucher temporär zu ersetzen. Er hat sich schon einmal in dieser Situation bewährt. Er kennt die Spieler, den SCB-Fuchsbau und die Liga. Im Laufe dieser Saison sind 19 Spieler verletzt ausgefallen und der SCB konnte bisher nur in 19 von 38 Partien mit vier Ausländern antreten. Für dieses Pech gibt es keinen Sündenbock.

Was soll der Chronist unter diesen Umständen also nach dem 1:2 in Langnau kritisieren? Der SCB spielte diszipliniertes, anständiges, fleissiges, emsiges, braves, williges und freundliches Hockey. Der Gegner wurde mit 46:32 (15:10, 15:12, 16:9) Torschüssen dominiert.

Der SCB hat nichts falsch gemacht

Aber der SCB hatte null Ausstrahlung. Und doch: Ansatz zu Polemik gibt es keinen mehr. Alle strengten sich erneut an. Niemand spielte gegen den Coach. Niemand rastete aus. Niemand legte sich mit den Schiedsrichtern an. Niemand provozierte. Coach Lars Leuenberger machte alles richtig. Er coachte, was gecoacht werden kann. Nahm eine Minute vor Schluss sein Time-out, ersetzte den Goalie durch einen sechsten Feldspieler. Es nützte nichts.

Langnau war cleverer, ruhiger, selbstsicherer, taktisch besser und am Ende war der Sieg hoch verdient, logisch und richtig. Zum ersten Mal in diesem Jahrhundert genügte den SCL Tigers eine Durchschnittsleistung um den grossen SCB zu besiegen.

Kein anderes Hockeyunternehmen ist in so kurzer Zeit so kleinlaut geworden wie der SCB. Nicht einmal der HC Lugano, der Meister von 2006, der seither nie mehr eine Play-off-Serie gewonnen hat.

Mit dem Engagement von Guy Boucher hat die grosse SCB-Krise so richtig begonnen.
Mit dem Engagement von Guy Boucher hat die grosse SCB-Krise so richtig begonnen.
Bild: Steffen Schmidt/freshfocus

Es wirkt inzwischen fast so, als sei der SCB müde geworden. Müde nach der «Ära Boucher», dem unsinnigsten und verhängnisvollsten Trainerexperiment der neueren helvetischen Hockeygeschichte.

Im Blick zurück erkennen wir erst die Dimensionen der SCB-Depression. Am 11. September überrennt der SCB im ersten Heimspiel der Saison die SCL Tigers 7:1. Der Aufsteiger ist völlig überfordert. Jene scheinen recht zu bekommen, die vor der Saison sagten, Damiano Ciaccio genüge nicht für die NLA. Marco Bührer wehrt 94,40 Prozent der Schüsse ab. Damiano Ciaccio 86,30 Prozent. Bern ganz oben. Langnau ganz unten.

Seither haben die SCL Tigers die restlichen drei Derbys gegen den SCB gewonnen. Sowohl Damiano Ciaccio als auch Ivars Punnenovs haben die Langnauer gegen den SCB zu Siegen gehext. Langnau hat die besseren Ausländer, die besseren Goalies als der SCB und immer noch den gleichen Trainer.

Scheitern hat keine Konsequenzen

Alles was bleibt, ist Mitleid mit dem SCB. Zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg von 1986. Mitleid mit dem grossen, mächtigen, lauten, arroganten, bisweilen masslosen Hockey-Konzern mit über 50 Millionen Franken Jahresumsatz. Mitleid! Unfassbar.

Aber der SCB ist nicht in Gefahr. Das ist vielleicht auch ein Grund für die Niederlage in Langnau. Für die Windstille auf und neben dem Eis. Das Schweigen von Marc Lüthi. Das Ausbleiben von Straftrainings und Polterauftritten im Kabinengang.

Jeder weiss: Absteigen können wir trotz allem nicht. Ob nun die Play-offs erreicht werden oder nicht, hat kaum Auswirkungen auf den Jahresabschluss und die Zukunft. Ob noch drei Heimpartien in der Abstiegsrunde oder ein paar Play-off-Heimspiele, macht in der Ertragsrechnung kaum eine Differenz. Weil ja beim Verpassen der Play-offs keine Prämien zu bezahlen sind. An den Titel glaubt längst niemand mehr.

Alles oder nichts für Lars Leuenberger

Aber nächste Saison wird ja alles gut: Nationaltorhüter Leonardo Genoni kommt. Die Mannschaft ist nominell bei weitem gut genug, um in die Spitzengruppe zurückzukehren. Und es gibt sogar einen Trostpreis, wenn die Play-offs verpasst werden sollten: Dann hat der SCB wenigstens die Chance, in der Abstiegsrunde gegen die SCL Tigers die negative Saisonbilanz (zurzeit 1:3 Siege) noch auszugleichen.

Lars Leuenberger: Siegen oder fliegen!
Lars Leuenberger: Siegen oder fliegen!
Bild: freshfocus

Womöglich kommt es bald zum grossen Umbruch in der sportlichen Führungsetage. Sportchef Sven Leuenberger hat sein Amt bereits freiwillig Alex Chatelain überlassen. Sein Bruder Lars Leuenberger, seit 2006 beim SCB als Juniorentrainer, Assistent des Cheftrainers oder Nottrainer, sagt, dass er nächste Saison entweder Cheftrainer oder nicht mehr beim SCB sein wird. «Als Assistent werde ich nicht bleiben.» Sein Vertrag läuft aus und er steht am Scheideweg seiner Karriere. Nur wenn er mit ein paar Spektakelsiegen (heute Abend hat er dazu gegen den HCD eine gute Gelegenheit) die Play-offs doch noch schafft und dort den Exploit, dann ist eine grosse Trainerkarriere möglich. Sonst wohl nicht. Er beklagt sich nicht. «Ich habe jetzt eine Chance, die nicht viele bekommen.»

Aber eigentlich gibt es für den aktuellen SCB-Nottrainer ab der nächsten Saison einen Job, der wie für ihn wie geschaffen ist. Mit seiner immensen Erfahrung als Spieler und Trainer wäre er der perfekte neue U20-Nationalcoach.

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quelle: keystone / fabrice coffrini
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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hunnam
16.01.2016 10:49registriert Januar 2016
Geschätzter Herr Zaugg
Wieder einmal ein guter Artikel.
Mich würde interessieren, was in dieser Saison beim Erstellen des Spielplans schief gelaufen ist, dass Teams wie der EVZ oder neuerdings auch Genf konstant 2-4 Spiele weniger auf dem Konto haben. Bestes Beispiel dafür ist dieses Wochenende. Nach den Freitagsspielen hatten alle Mannschaften 37-40 Spiele absolviert. AUSSER Zug und Genf mit je 36. Wie sie bestimmt wissen wird am Samstag und Sonntag ebenfalls gespielt. Jedes Team ist dabei einmal im Einsatz. AUSSER Zug und Genf. Für mich nicht nachvollziehbar. Wissen Sie weshalb dies so ist?
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hoppzug
16.01.2016 10:55registriert Januar 2016
hallo klaus, bin mit allem einverstanden ausser dem letzten satz. unsere u-20-jungs brauchen jemanden der ihnen das siegergen einimpft. das ist sicher kein leuenberger! was haben die den bisher erreicht? einen verein der eigentlich jedes zweite jahr meister werden müsste mal für mal in den playouts versenkt (muhaha)? super! die leuenbergers sind für mich verlierer. da kann man ja gleich den fust behalten. der kam wenigstens in die playoffs - mit einer vermeintlichen losertruppe notabene!
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