Zwei Optionen für die ZSC Lions und eine «Gnadenfrist» für Marco Bayer
Die Krise der ZSC Lions ist nicht hausgemacht durch Versäumnisse der sportlichen Führung wie beispielsweise in Bern. Fehlende Einsatzbereitschaft muss sich niemand vorwerfen lassen und Professionalität ist auf allen Ebenen gewährleistet. Die Mannschaft ist nicht falsch zusammengestellt. Sie ist nicht überaltert, hat ihren Zenit noch nicht überschritten und hat kein Torhüterproblem. Es ist auch nicht so, dass der Trainer die ganze Garderobe verloren hat.
Aber Marco Bayer, letzte Saison ein umsichtiger Verwalter des Erbes und der Magie von Marc Crawford, kann seinen Spielern nicht mehr helfen. Er ist nicht dazu in der Lage, diese verlorene Magie zurückzubringen. Ein gewissenhafter Arbeiter, aber kein charismatischer Bandengeneral, der mit seiner Präsenz die Garderobe füllt und allen das Gefühl vermittelt, es sei alles möglich und jeder könne übers Wasser laufen.
Die ZSC Lions sind zwei Jahre lang hoch, sehr hochgeflogen. Zwei Titel hintereinander gegen starke Konkurrenz und ein Triumph in der Champions League. Erfolg produziert lange Zeit Erfolg und Spiele werden durch Leichtigkeit gewonnen, die in schwierigen Zeiten trotz harter Arbeit verloren gehen. Surfen auf den Wellen der Leichtigkeit.
Dieser «Honeymoon» geht bei jedem Team der Welt zu Ende. Nach und nach kehrt der Alltag ein. Veränderungen, die eigentlich notwendig wären, damit alle hellwach bleiben, gibt es nur wenige. Warum etwas verändern, das funktioniert? Siege werden zur Gewohnheit, aber Gewohnheit hat keine Leichtigkeit mehr und aus dem Spiel wird Arbeit. Typisch für diese Entwicklung sind bei den ZSC Lions die Resultate aus den letzten acht Spiele: Die Defensivleistung (= Arbeit) ist mit 16 Gegentreffern sehr gut. Die Offensive (= Spiel) mit 15 Toren hingegen für ein Team mit dieser nominellen Feuerkraft miserabel. Defensiv sind die Zürcher die Nummer 2 der Liga. Offensiv nur noch die Nummer 9.
In dieser Situation stecken die Zürcher fest. Die negative Dynamik wird verschärft, weil sich die Organisation der ZSC Lions richtigerweise über den Erfolg definiert. Bleibt der Erfolg aus, kommt auf allen Ebenen Unruhe auf – und der Trainer gerät in die Kritik. Er hat wenig Spielraum für Ausreden. Das Team ist ja gut genug, um erfolgreicher zu sein.
Die ZSC Lions haben zwei Möglichkeiten. Sie können eine Saison im Mittelmass in Kauf nehmen, die Krise mit Marco Bayer aussitzen und es gibt sogar Grund zur Hoffnung: Im Herbst hat sich die Mannschaft nach sechs Niederlagen in Serie durch ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Trainer vorübergehend aus der ersten Krise herausgearbeitet. Ohne Glanz und Magie zwar. Aber die letzte Wahrheit steht immer oben auf der Resultatanzeige.
Die zweite Möglichkeit ist ein Trainerwechsel. Es ist die vielversprechendste kurzfristige Massnahme. Aber nur dann, wenn der neue Mann das Charisma hat, das Marco Bayer fehlt. Wenn jetzt einer verfügbar ist, dann dürfte der Grund nicht in jedem Fall erfolgreiches Schaffen bei seinem vorherigen Klub sein.
Ohnehin passt ein Trainerwechsel nicht zur Philosophie der ZSC Lions. Schon gar nicht die Absetzung eines Schweizer Trainers aus den eigenen Reihen, der letzte Saison die Meisterschaft und die Champions League gewonnen hat. Es ist eine Art Güterabwägung: Was schadet unserer Reputation mehr: Eine verpasste Titelverteidigung oder ein Trainerwechsel?
Im Falle eines Falles ist das Timing entscheidend. Kommen Sportchef Sven Leuenberger, Manager Peter Zahner und Präsident Walter Frey zum Schluss, dass es einen Trainerwechsel braucht, um den berechtigten hohen Ansprüchen gerecht zu werden, dann wird die Spengler Cup-Pause der ideale Zeitpunkt sein.
Marco Bayer bleibt also eine «Gnadenfrist» von fünf Spielen gegen Davos (a), die Lakers (h), Lugano (h), Gottéron (a) und Biel (h). Wird der Rückstand auf die direkte Playoff-Qualifikation (6. Platz) von aktuell 2 Punkten grösser, dann sollte er seinen ZSC-Wintermantel in die Reinigung bringen. Weil er ihn dann wahrscheinlich abgeben muss.
