Der Tod wird uns alle einholen: Selbst die Gläubigen, Reichen und Mächtigen
Der Tod ist ein Mysterium und für viele Menschen eine narzisstische Kränkung. Die Vorstellung, dass uns nur eine begrenzte Zeit auf der Erde zur Verfügung steht, ist eine schmerzliche Tatsache.
Um die Existenzangst zu lindern, trösten sich viele Menschen mit dem Glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Das Ableben markiert für sie lediglich einen Übergang in eine neue Epoche, die ewig anhalten soll.
Leben nach dem Tod
Experten in Sachen Leben nach dem Tod sind die religiösen Führer. Sie erklären den Gläubigen, was sie nach dem Tod angeblich erwartet. Damit bewirtschaften sie die Todesängste der Anhänger.
Die Heilsversprechen geben den geistlichen Leitern Bedeutung und Macht. Gleichzeitig rücken sie Gott ins Zentrum der menschlichen Sehnsüchte, denn ohne ihn gibt es kein zweites Leben. Mehr noch: Ohne die Hoffnung auf Erlösung wäre der Schöpfer nicht sonderlich attraktiv.
Für Religionen und Glaubensgemeinschaften ist es eine Herkulesaufgabe, den Gläubigen plausible Erklärungen für den Tod und ein Leben danach zu liefern. Auch die christliche Lehre bildet keine Ausnahme. Laut dem Buch Genesis (2,9; 3,22) lebten Adam und Eva im Garten Eden.
Dort fanden sie den Baum des Lebens, der ihnen ein ewiges Dasein schenken sollte. Doch sie verstiessen gegen das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als Strafe vertrieb Gott sie aus dem Paradies und machte sie zu sterblichen Wesen. Wissen war offenbar schon damals der Feind des Glaubens.
So kam die Erbsünde über die Menschheit. In einer Art Kollektivstrafe sind seither alle Menschen zum Tod verurteilt. Sünder wie Heilige gleichermassen. Unser Gerechtigkeitssinn wird dabei arg strapaziert.
Kaum plausibler ist die Idee von der Reinkarnation, wie sie in asiatischen Religionen gelehrt wird.
Trotz der tröstlichen Vorstellung von einem Leben nach dem Tod tun sich auch Gläubige mit dem Ableben schwer. Wunsch und Versuchung, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, sind für alle gross. Als würden selbst fromme Menschen ahnen oder befürchten, dass nach dem Tod nichts mehr kommt.
Viele Gläubige tun sich schwer, aus dem Leben zu scheiden. Auch sie nutzen bei schweren Krankheiten alle Segnungen der modernen Medizin. Selbst Hochbetagte. Dabei sollte man meinen, dass diese freudig auf den Tod zugehen und sich auf das Leben im Paradies oder im Himmel freuen würden.
Viele Zeitgenossen vertrauen nicht mehr auf Gott und versuchen eigenmächtig, den Tod zu überwinden oder ihn hinauszuzögern. Es hat viel mit dem Zeitgeist zu tun. Zuerst kam die Individualisierungswelle, dann die Selbstverwirklichung und nun die Selbstoptimierung.
Den Tod hinauszögern
Daraus entstand die Anti-Aging- und Longevity-Industrie. Die Anhänger verwenden einen grossen Teil ihrer Lebensenergie darauf, den Tod hinauszuzögern. Diese «Therapien» sind mit viel Askese und Verzicht verbunden. Dabei verpassen sie oft den schönen Teil des Lebens.
Manche treiben es auf die Spitze und lassen sich einfrieren, um später wieder zum irdischen Leben erweckt zu werden. Ihre Weltanschauung wird zu einer Ersatzreligion.
In dieses Kapitel gehört auch der aktuelle Kult, der um den sibirischen Mönch Daschi Dorscho Itigelow betrieben wird. Er starb vor 98 Jahren, doch sein Körper verweste nicht, wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich schrieb.
Neue Existenzform?
Der Moskauer Strahlenchemiker Alexander Chatschaturow untersuchte die Leiche und erklärte, Itigelows Körper sei nicht einbalsamiert. Der Mönch habe eine weiche Haut und elastische Gelenke. Sein Körper reagiere sogar auf seine Umgebung.
Es handle sich um eine Existenzform, von der wir nichts wissen würden. Wörtlich: «Aber er ist lebendig. Das ist ein Fakt.» Auf das «Wunder» des Mönchs wurde auch der russische Präsident Wladimir Putin aufmerksam. Er soll auf spirituellem Weg mit Itigelow kommuniziert haben.
Vermutlich hat er ihn nach dem Geheimnis des ewigen Lebens gefragt. Es ist kein Geheimnis, dass der narzisstische Diktator noch ewig im Amt bleiben und Russland wieder zu alter Grösse wachsen lassen will.
Die kuriose Geschichte vom Mönch, der zwar tot, aber angeblich nicht gestorben sein soll, nährt die Hoffnung abergläubiger Menschen, dass «Heilige» den Tod überwinden können.
Mit Machtgier Tod verdrängen
Wahrscheinlich ist seine Machtgier psychologisch gesehen eine «Therapie», um den Tod zu verdrängen. In seinem Allmachtswahn fühlt er sich wahrscheinlich unsterblich.
Ein ähnliches Muster dürfte auch bei vielen Superreichen spielen. Obwohl sie in Milliarden schwimmen, rackern sie sich täglich ab, um das Vermögen weiter zu vermehren. Auch hinter diesem irrationalen Verhalten stecken wohl Todesängste, die verdrängt werden.
Wie auch immer wir es mit dem Tod halten: Er wird uns alle einholen. Und das ist gut so.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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