Deutschlands Probleme sind schlimmer als du denkst
Beispiel Audi: Der Autobauer aus Bayern gehörte lange zum Stolz der deutschen Premium-Marken. Noch vor kurzem riss sich die Welt um das Statussymbol mit dem Slogan «Vorsprung durch Technik». Das mit dem Vorsprung war einmal. Im einst so wichtigen China-Geschäft ist Audi hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. «Allein der Marktneuling und Smartphone-Hersteller Xiaomi hat in China im Premiumbereich aus dem Stand fast zehn Mal so viele E-Autos verkauft wie der einstige Marktführer Audi», stellt Frank Sieren in seinem Buch «Der Auto-Schock» fest.
Die Autoindustrie ist bekanntlich das Herz der deutschen Wirtschaft, und dieses Herz braucht dringend einen Schrittmacher. Seit vier Jahren dümpelt die Wirtschaft vor sich hin, und gerade VW, Mercedes und BMW und ihre Zulieferer stellen derzeit Mitarbeiter im grossen Stil auf die Strasse. Weitere Entlassungen im fünfstelligen Bereich sind angekündigt.
Oliver Richtberg vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) spricht daher von einem Tipping-Point in eine negative Richtung. «Die Unternehmen können den aktuellen Stand der Beschäftigung nicht mehr aufrechterhalten, selbst wenn sie es wollen», erklärte er gegenüber der «Financial Times».
Eine Zeitlang konnte der Aderlass der Autoindustrie durch neue Stellen im Gesundheitsbereich und der staatlichen Verwaltung aufgefangen werden. Doch inzwischen funktioniert das nicht mehr. Seit 2022 ist die Arbeitslosenquote von 5,1 auf 6,3 Prozent geklettert, auf den höchsten Stand seit 14 Jahren. Besserung ist nicht in Sicht. Die jüngsten Zahlen des ifo Instituts in München zeigen, dass die Unternehmer pessimistisch in die Zukunft schauen. Sie «haben wenig Vertrauen auf einen baldigen Aufschwung», wie Ifo-Präsident Clemens Fuest im «Wall Street Journal» erklärt.
Der Pessimismus der Unternehmer hat einerseits politische Gründe. Der von Kanzler Friedrich Merz vollmundig angekündigte «Herbst der Reformen» musste vertagt werden. CDU und die Sozialdemokraten sind in einen Endlos-Renten-Streit verwickelt, der im schlimmsten Fall gar zu einem Bruch der schwarz-roten Koalition führen kann.
Dabei ist das deutsche Rentensystem nicht mehr mit einer Pflästerlipolitik zu retten. Es braucht eine radikale Reform. Im kommenden Jahr sind ein Viertel des gesamten Budgets für die Subvention des Rentensystems vorgesehen. Auch wenn die Schuldenbremse mittlerweile teilweise aufgehoben ist, schränkt dies den Spielraum der Regierung massiv ein.
Apropos Schuldenbremse: Bekanntlich sind die Rüstungsausgaben davon ausgenommen. Deshalb besteht die Hoffnung auf einen umgekehrten «Schwerter zu Pflugscharen»-Effekt, will heissen, dass die in der Autoindustrie verlorenen Jobs durch die Rüstungsindustrie kompensiert werden können. Schliesslich kann, wer Autos baut, auch Panzer zusammenschrauben.
Diese Hoffnungen sind eine Illusion. Obwohl die deutsche Rüstungsindustrie tatsächlich boomt, ist sie gerade mal für zwei Prozent aller Jobs im Metallsektor zuständig. Die vermehrte Produktion von Panzern und anderen bewaffneten Fahrzeugen hat wohl dazu geführt, dass seit 2022 die Beschäftigung in diesem Bereich um 29 Prozent auf 8159 Mitarbeiter angestiegen ist, das ist jedoch «weniger als die 8420 Mitarbeiter, die in der Spielzeug-Industrie tätig sind», wie die «Financial Times» lakonisch feststellt.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Clinch zwischen dem «China-Schock» und dem amerikanischen Zollhammer. Das bedeutet konkret, dass sie auf der einen Seite von chinesischen Gütern bedrängt wird, die um ein Vielfaches billiger und qualitativ gleichwertig sind. «Das Meiste, das deutsche Mittelstandsfirmen heute herstellen, können chinesische Unternehmen genauso gut», stellt Thilo Köppe von der Beratungsfirma Vindelici fest.
Philipp Bayat von der Bauer Kompressoren Group führt dazu ein drastisches Beispiel an. Eine deutsche Werkzeugmaschine zum Preis von 130’000 Euro wurde ihm von einem chinesischen Konkurrenten für weniger als 28’000 Euro angeboten.
Der Zollhammer schmerzt
Obwohl die EU sich mit den USA auf einen Zoll von 15 Prozent geeinigt hat, schmerzt er. Die Krone Group stellt Landwirtschaftsmaschinen her, die USA sind für sie ein wichtiger Markt. Eine Ballenpresse für das Einsammeln von Heu, die bisher 170’00 Dollar gekostet hat, wurde wegen des Zolls über Nacht um 25’000 Dollar teurer. «Wir sind, was die USA betrifft, zurückhaltender geworden», erklärt daher Firmeninhaber Bernard Krone.
«China-Schock» und Zollhammer sind jedoch nicht allein für die deutsche Misere verantwortlich, auch die wegen des Krieges in der Ukraine hohen Energiepreise nicht. «Financial Times»-Kolumnist Martin Sandbu stellt fest, dass die anderen europäischen Länder mit den gleichen Widrigkeiten konfrontiert sind. «Es gibt keine Krise der europäischen Industrie, nur eine deutsche», schreibt er.
Sandbu spricht von einem Rätsel: «Der Niedergang der deutschen Industrie ist aussergewöhnlich, die dafür angeführten Gründe sind es nicht. Die Erklärungen – Schwierigkeiten bei Export und hohe Energiepreise – reichen nicht aus.»
Auch wenn es schmerzt, die Deutschen müssen sich einer neuen Realität anpassen, speziell die Autoindustrie. «Dabei müssen wir uns im Klaren sein: Die Kerntechnologie im Bereich E-Mobilität und Vernetzung kommt bei den neuen deutschen E-Autos schon von Chinesen», so Frank Sieren. «Und die machen nun das Gleiche mit uns wie wir früher mit ihnen in den Joint Ventures. Sie geben uns nicht die allerneuesten Entwicklungen.»
