Die Schweizer zwischen Albtraum und «Freilos»
Vor einem Jahr rauschte die Schweiz in den Gruppenspielen auf Platz 1. Danach die vermutlich bequemste Autobahnfahrt in einen WM-Final, die es je gegeben hat: Österreich im Viertelfinal (6:0) und Dänemark im Halbfinal (7:0). Zwei Pflichtübungen ohne Widerstand. Noch nie in der Geschichte ist ein Team so einfach in den Final vorgerückt. Dort warteten dann die Amerikaner – und die Realität: 0:1 nach Verlängerung. Die Schweiz wartet nach wie vor auf einen WM-Titel.
Der Modus ist eigentlich gerecht: Wer in der Zeit siegt, soll in der Not die leichteren Gegner bekommen. Der Erste spielt im Viertelfinal gegen den Vierten der anderen Gruppe und der Zweite gegen den Dritten. Ein System, das Leistung belohnt. Eigentlich.
Das bedeutet für die Schweizer: Mit Rang 1 oder 2 können sie Schweden ausweichen. Unter normalen Umständen müssten die Schweden in der anderen Gruppe mindestens Rang 2 erreichen. Nicht schon im Viertelfinal gegen Schweden! Das ist das erste Zwischenziel auf dem Weg in den Final.
An Schweden führt kein Weg vorbei
Es gibt ein paar Gewissheiten im Leben und im Sport: Das Leben ist endlich, wir müssen Steuern bezahlen, der FC Aarau kann nicht aufsteigen und die Schweiz kann im Eishockey gegen Schweden einfach nicht gewinnen, wenn es wirklich zählt.
Kanada? Haben wir schon zweimal im Halbfinal gebodigt. Die Tschechen? Räumten wir 2013 im Viertelfinal auf dem Weg in den Final aus dem Weg. Die Finnen? Konnten uns 2018 auf dem Weg in den Final im Viertelfinal nicht aufhalten. Aber an den Schweden führt einfach kein Weg vorbei.
Wir haben 4 der letzten 30 Partien verloren und jedes Mal, wenn es wirklich zählte: 2006 im Olympischen Viertelfinal, 2017 im WM-Viertelfinal sowie 2013 und 2018 im Final. Soeben waren wir in den beiden Testspielen vor der WM chancenlos: 1:8 am 30. April und 0:3 am 9. Mai. Schweden ist unser Albtraum. Logisch also, dass uns die Schweden mögen.
Die «taktische Niederlage» der Schweden
Sie haben sogar schon absichtlich verloren, um gegen die Schweiz antreten zu können. Es war beim Olympischen Turnier 2006 in Turin. Die Schweiz besiegte in den Gruppenspielen Weltmeister Tschechien (4:3) und die kanadischen NHL-Profi (2:0). Dann kommt der 21. Februar 2006. Ein Tag der Schande. Die Schweiz spielt um 12:35 Uhr das letzte Gruppenspiel gegen Italien (3:3) und erreicht Rang 2. Die Schweden treten um 20:05 Uhr gegen die Slowaken an und wissen vor ihrem letzten Gruppenspiel nun ganz genau, was zu tun ist. Wenn sie verlieren, ist der 3. Gruppenplatz und damit die Schweiz als Viertelfinalgegner garantiert. Also verlieren sie absichtlich 0:3, bekommen die Schweiz als «Freilos» im Viertelfinal, gewinnen 6:2 und werden am Ende Olympiasieger.
Der schwedische Nationaltrainer Bengt-Ake Gustafsson hat später den «Bschiss von Turin» zugegeben und sibyllisch von einer «taktischen Niederlage» gesprochen. Das ist so, wie wenn ein Bankräuber seinen Überfall als «alternative Geldbeschaffung» verharmlost.
Seit 2006 sind 20 Jahre vergangen und wir haben inzwischen dreimal den WM-Final erreicht.
Neue Stadien, neue Generation, alles professioneller und moderner. Aber am Verhältnis zu den Schweden hat sich nichts geändert. Deshalb ist die aktuelle Ausgangslage ein Albtraum: Die Schweiz steht auf Platz 1 und wird selbst im Falle einer Niederlage gegen Finnland im letzten Gruppenspiel am Dienstag mindestens auf Rang 2 bleiben. Die Schweden haben bereits gegen Kanada und Tschechien verloren und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie sich auf Rang 3 oder 4 für den Viertelfinal qualifizieren. Das bedeutet für die Schweizer: Der Lohn für die grandiose Vorrunde könnte im Viertelfinal ausgerechnet Schweden heissen.
Wenigstens können uns die Schweden nicht mehr betrügen: Sie treten am nächsten Dienstag bereits um 16:20 Uhr zum letzten Gruppenspiel gegen die Slowakei an (wie damals 2006…). Aber zu diesem Zeitpunkt kennen sie das Resultat der letzten Partie der Schweizer gegen Finnland (Spielbeginn 20.20 Uhr) noch nicht. Sie können uns also – anders als 2006 – nicht betrügen.
So wird man Weltmeister
Aber die Gefahr besteht, dass wir als Lohn für die grandiosen Gruppenspiele im Viertelfinal den Albtraumgegner Schweden bekommen. Tschechien wäre als Gegner im Viertelfinal zwar kein «Freilos» wie im Vorjahr Österreich. Aber gegen die Tschechen haben wir bereits einmal einen WM-Viertelfinal gewonnen (2013) und soeben auch am 10. Mai das letzten Vorbereitungsspiel vor der WM (6:1).
Die Slowakei im Viertelfinal? Auch kein unbesiegbarer Titan. Und im theoretisch besten Fall wäre der Lohn für Platz 1 Norwegen als Gegner im Viertelfinal. Das wäre dann tatsächlich ein «Freilos».
Wobei: Wer Weltmeister werden will, darf sich eigentlich gar nicht mehr darum kümmern, wer der nächste Gegner sein könnte. Wer Weltmeister werden will, muss einfach jedes Spiel gewinnen. Notfalls halt auch zum ersten Mal dann, wenn es zählt, gegen Schweden.
