Der «treue Roman», der letzte wahre Romantiker unseres Hockeys
Als watson enthüllt, dass sich Roman Josi in höchst anständigem Ton bei Verbandspräsident Urs Kessler für Patrick Fischer eingesetzt hat, bricht sogleich wieder ein Mediensturm los.
Dabei hat Roman Josi nur das getan, was der Anstand gebietet: Er hat sich für einen Weggefährten eingesetzt, dem er – und seine Mitstreiter – die ruhmreichsten Zeiten verdankt, die es bisher in der Geschichte unserer Nationalmannschaft gegeben hat. Die Erregung über diesen Schritt des Anstandes ist heuchlerisch.
Natürlich weiss auch Roman Josi, dass die Amtsenthebung von Patrick Fischer nicht rückgängig gemacht werden kann. Wer es in der National Hockey League (NHL) bis zum Captain gebracht hat, kennt die Mechanismen in diesem Geschäft. Dass nicht alle seine Spielkameraden damit einverstanden sind, ist ebenso verständlich. Denn auch sie kennen die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze des Teamsportes und wissen, dass es am Ende nichts bringen wird. Jetzt nicht mehr Öl ins mediale Feuer giessen und zurück zum Alltag. Auch das ist vernünftig.
Noch einmal beim Verbandspräsidenten, dem höchsten Funktionär unseres Hockeys, mit einem Treuebekenntnis für den besten Nationaltrainer unserer Geschichte schriftlich einzustehen, adelt Roman Josi. Für den «treuen Roman» ist dieser Akt des Respektes und der Freundschaft wichtiger als die höchste «Bürgerpflicht» in diesem Geschäft: Mund halten, Opportunismus, ja nicht anecken. In einem Wort: Professionalität, die eine klare Ordnung gebietet: Der Manager managt, der Coach coacht, der Spieler spielt und mischt sich nicht in die Arbeit des Managers oder Coaches ein.
Schadet Roman Josis Aktion dem Zusammenhalt des WM-Teams? Ach, wie wunderbar lässt sich doch polemisieren: Es brodelt in der nationalen Hockeykabine! Die WM in Gefahr! Ruhe jetzt! Das alles ist – excusez l’expression – barer Unsinn. Billigste Polemik der Polemik willen auf dem Boulevard der medialen und sonstigen Eitelkeiten.
Warum sind die Stars aus der NHL in den letzten Jahren dem Ruf von Patrick Fischer gefolgt und herbeigeeilt, wann immer es möglich war? Obwohl keiner von ihnen WM-Einsätze für die Förderung seiner Karriere nötig hat und es sich leisten könnte, nach einer anstrengenden Saison in die Ferien zu gehen? Nicht der einzige, aber doch ein wichtiger Grund war die Persönlichkeit des Nationaltrainers. Er hat es verstanden, aus der WM eine sportliche «Saison-Schlussparty» zu machen, die einfach keiner verpassen wollte. Höchste sportliche Anforderungen, «gewürzt» mit Leidenschaft und Spass.
Natürlich beschäftigt die «Causa Fischer» die Spieler. Aber anders als in einer breiten Öffentlichkeit gibt es bei der Beurteilung keinen unüberbrückbaren «Graben» zwischen gut und böse. Weil sich alle einig sind: Der «Fischi» ist «ä geile Siech» (man möge den Ausdruck entschuldigen, aber so sagt man das halt) und kritisiert wird höchstens, dass er ein «Tubel» (wiederum sorry, aber so sagt man es eben) war, dass er die ganze Sache ausgeplaudert hat. Ist er in der Kabine unglaubwürdig geworden, weil er die von ihm hochgehaltenen, strengen Regeln (Motto: Nichts ist wichtiger und grösser als das Team) verletzt hat? Ja, wenn er ein gewöhnlicher Trainer wäre. Aber wer mit der Schweiz dreimal in den WM-Final kommt, ist kein gewöhnlicher Trainer. Er hätte es mit ziemlicher Sicherheit geschafft, die ganze Sache als Akt der Rebellion gegen das System, Gott und die Welt zu verkaufen.
Ja, Hockeyspieler sind wilde Kerle und ein wenig auch Rebellen. Deshalb haben sie diesen rauen Sport zu ihrem Beruf gemacht. Um erfolgreich zu sein, braucht es ein starkes, kantiges Ego und einen ausgeprägten Teamgeist zugleich. Eishockey gilt zu Recht als der letzte wahre Teamsport. Und am Ende des Tages besiegt Leidenschaft (das, was wir Teamgeist nennen) Talent. Sofern der Goalie ein guter ist. Dem Trainer obliegt es, diesen Teamgeist zu wecken. Dazu sind nur extreme Typen in der Lage. Alle erfolgreichen Trainer sind auf diese oder die andere Weise Grenzgänger. Grenzgänger wie Patrick Fischer, der in Lugano gefeuert, Nationaltrainer wird und sogleich sagt, er wolle Weltmeister werden.
Dass Roman Josi zum Abschied Anstand und Männerfreundschaft über funktionelle Professionalität gestellt und sich für ein Treuebekenntnis zu Patrick Fischer entschieden hat, zeigt auch, warum er einer der besten Spieler der Welt geworden ist. Er ist beides: Ein rauer, wilder Kerl und ein Romantiker. Der letzte wahre Romantiker unseres Hockeys. Und nun wird er das Team auf eine Linie bringen und für Jan Cadieux vorbehaltlos das sein, was er auch für Patrick Fischer war, was er stets für jeden Trainer ist: Der «treue Roman». Sozusagen Jan Cadieux‘ Spielertrainer. Wenn die Schweizer bei der WM die Erwartungen nicht erfüllen sollten, dann ganz sicher nicht wegen Roman Josis Brief. Sondern deshalb, weil Eishockey eben ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage war, ist und bleibt.
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