Seine Aura ist verflogen – was, wenn Charlin doch nur ein Lottergoalie ist?
Coaches, Spieler, Agenten und Sportchefs denken. Aber die Hockey-Götter lenken.
Der Viertelfinal zwischen Servette und Lausanne ist ein Lehrstück über die Illusion der Kontrolle. Erst das siebte Spiel heute Abend in Genf bringt die Entscheidung. Denn das Drehbuch folgt den Launen der Hockeygötter. Nicht der Planung und der Logik. Vor allem auf der hoch heiklen Goalie-Position. Und zwar bei beiden Teams.
Wagt es niemand zu sagen?
Als Servettes Coach Ville Peltonen im sechsten Spiel in der 34. Minute nach dem dritten Gegentreffer Stéphane Charlin (25) vom Eis nimmt, ist das nicht nur ein üblicher Akt der Verzweiflung. Denn: Robert Mayer (36) kommt, das Spiel kippt und aus dem 0:3 wird 4:3 nach Verlängerung.
Nun steht die bange Frage im Raum: Ist Stéphane Charlin womöglich gar nicht so gut, wie alle sagen, am Ende gar ein «Lottergoalie?» Wagt es niemand zu sagen, dass der Kaiser nackt ist?
Steiler Aufstieg
Er war ein «schlampiges Genie» aus dem eigenen Nachwuchs, dem niemand mehr eine Chance geben wollte. Und so landet Charlin im Sommer 2023 in Langnau und reift im Gotthelfland in nur zwei Jahren zum besten Torhüter und MVP der Liga. Talent, Krise, Läuterung, Triumph. Kasse machen. Die Verhandlungen mit interessierten NHL-Organisationen forciert sein schlauer Agent Gaëtan Voisard nicht. Aus gutem Grund: Die Rückkehr nach Genf im Sommer 2025 mit einem Vierjahresvertrag soll der nächste logische Schritt sein.
Wenn einer in Langnau hinter einem bescheidenen Team brilliert, dann muss er hinter einer Spitzenmannschaft erst recht dominieren und aus dem Besten der Liga kann der Beste Europas werden. Ein Aufgebot fürs Olympische Turnier wird nicht ausbleiben und dann ist die Verhandlungsposition mit Interessenten aus Nordamerika eine noch viel bessere. So die Theorie. So die Rechnung. Sie ist nicht aufgegangen.
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Die Aura verfliegt
In Genf ist Stéphane Charlin ein gewöhnlicher Torhüter geworden. Die Fangquote sinkt, die Sicherheit schwindet, die Aura verfliegt. Gerade noch 89,44 Prozent Fangquote in diesem Viertelfinal, gar nur noch 82,35 Prozent bis zu seiner Auswechslung am Dienstag. Das Olympia-Aufgebot? Ohne ihn. Der NHL-Traum? Bleibt wohl ein Traum.
Dafür ist Robert Mayer, der gefallene Meisterheld von 2023 unverhofft zu einem Comeback gekommen. Mit Vertrag bis 2027 ist er die berühmteste und bestbezahlte Nummer 2 in der Geschichte unseres Hockeys. Und jetzt hat er unverhofft seinem Team die Wende im Spiel 6 ermöglicht.
Das macht die Situation delikat: Stéphane Charlin ist der Mann der Zukunft. Robert Mayer, der Mann der Vergangenheit als Retter in der Not, die Charlin mitverursacht hat? Ein Albtraum für Sportdirektor Marc Gautschi.
Diskussionen auch beim Gegner
Doch auch in Lausanne ist die Ordnung nicht mehr als eine fragile Fassade. Sportdirektor John Fust holt im Sommer 2025 Connor Hughes (29), seinen Finalhelden von 2024, nach einem einjährigen missglückten Nordamerika-Abenteuer mit Vertrag bis 2031 zurück. Dessen Abwesenheit nutzt Kevin Pasche (23), um auch Finalheld zu werden. Nun hat John Fust zwei Torhüter, die Anspruch auf die Nummer 1 erheben und sich sowieso nicht mögen. In der Qualifikation lässt sich diese Spannung noch verwalten. Einsatzzeiten werden brüderlich verteilt, Egos moderiert, Konflikte vertagt.
Nun ist Kevin Pasche im Viertelfinal die Nummer 1. Sein Agent – wiederum Gaëtan Voisard – hat John Fust reinen Wein eingeschenkt: Sein Klient ist die Nummer 1 in den Playoffs und auch nächste Saison. Sonst wird er nach Vertragsablauf im Frühjahr 2027 gehen. Nicht nur Zug und Bern zahlen jeden Preis.
Doch das kann sich Lausanne nicht leisten: Pasche ist im Klub gross geworden, hat die Zukunft vor sich und ist populär in der Stadt. Die naheliegende Lösung – Hughes samt Vertrag bis 2031 wegtransferieren – ist ebenso logisch wie heikel. Nach wie vor steht die Offerte vom SCB, ausgefertigt noch vom mittlerweile gefeuerten Sportchef Diego Piceci: Ein Wechsel nach Bern. Das ist aber nur zu verantworten, wenn Pasche seine Position als Nummer 1 bestätigt.
Was, wenn Lausanne schon im Viertelfinal scheitert und Kevin Pasche mitschuldig ist? Ein Albtraum für John Fust.
