Doppelt so gut wie 2009 und Jan Cadieux kommt nicht mehr in Versuchung
Glanzvoll, spektakulär oder gar magisch wie das 6:1 gegen Deutschland oder das 9:0 gegen Österreich war diese Partie nicht. Kurzweilig und stimmungsvoll aber schon. Auch dank des zweiten, wegen Offside annullierten Treffers, den Gottérons meisterlicher Titan Reto Berra kurz vor Schluss kassiert hatte.
Vor allem aber gibt es eine Besonderheit: Zwölf Stürmer haben nun bei dieser WM mindestens ein Tor erzielt. Gegen die Briten haben sich nämlich auch noch Nino Niederreiter (gleich zwei Mal) und Simon Knak in die Skorerliste eingeschrieben. Das Dutzend ist voll.
Zwölf Stürmer – als jeder bei vier kompletten Linien! – mit mindestens einem Tor bereits nach fünf Spielen. Wenn wir die Namen aufzählen, dann erkennen wir die historischen Dimensionen dieses offensiven Wahnsinns: Nino Niederreiter. Simon Knak. Nico Hischier. Timo Meier. Sven Andrighetto. Denis Malgin. Ken Jäger. Pius Suter. Damien Riat. Christoph Bertschy. Calvin Thürkauf. Theo Rochette. Sie alle haben nun in Zürich bereits mindestens einmal gejubelt.
Ein solches Dutzend hat es nach nur fünf WM-Partien noch gar nie gegeben. Nicht einmal die sowjetischen WM-Teams der 1960er, 1970er und 1980er Jahre, die ein bis heute unerreichtes offensives Kollektiv entwickelt hatten (the Big Red Machine) kamen je auf eine solche offensive Breite und Ausgeglichenheit. Die Schweiz, die grosse, rote Offensiv-Maschine des 21. Jahrhunderts. Eine Bezeichnung, die noch vor wenigen Jahren wie eine literarische Übertreibung geklungen hätte.
Noch 2009, bei der letzten WM in der Schweiz (Bern und Kloten) hatte der damalige Nationaltrainer Ralph Krueger nur eine einzige echte Offensiv-Linie. Die anderen drei mussten sich in erster Linie um Defensivarbeit kümmern. Die Schweiz lebte von einer einzigen offensiven Formation. Der Rest – die drei anderen Linien – arbeitete, kämpfte, blockte Schüsse und zerstörte gegnerische Angriffe mit der Bescheidenheit eines Handwerkerbetriebs und verbrachte die meiste Zeit in der neutralen und der eigenen Zone. Während des ganzen Turniers trafen nur fünf Stürmer ins gegnerische Tor. Jetzt sind es zwölf – die Schweizer sind heute tatsächlich mindestens doppelt so gut wie 2009, als es nicht einmal für den Viertelfinal gereicht hat.
Die Briten waren also chancenlos. Aber auch mutige, tapfere und robuste Statisten. Obwohl sie nur über eine Operetten-Offensive verfügen (drei Tore in den ersten drei Partien) erzielten sie einen Treffer (zum 1:3) und ein zweiter zum 2:4 wurde kurz vor Schluss wegen Offside nicht gegeben. Kein «zu null» also für Reto Berra.
Das ist vielleicht gut so. So kommt Nationaltrainer Jan Cadieux gar nicht mehr in Versuchung, im Viertelfinal einen anderen letzten Mann als Leonardo Genoni einzusetzen. Wir erinnern uns: 2023, als die Schweizer auch schon gut genug waren um Weltmeister zu werden, stellte Patrick Fischer im Viertelfinal nicht Leonardo Genoni ins Tor. Sondern Servettes damaligen Meistertorhüter Robert Mayer. Die Schweizer verloren den Viertelfinal gegen Deutschland schmählich (1:3).
