Chaos und Machtkampf im Ambri – will denn niemand Chris DiDomenico?
Kurz vor Mitternacht kommt die Meldung aus Ambri.
Es geht um Chris DiDomenico (37). Gemeldet hat sich ein verlässlicher Gewährsmann. Also dürfte es stimmen. Wobei ja auch das beim Chaos in Ambri nicht sicher ist.
Nun denn: Hektisch versuchte gestern Abend Verbandssportchef Lars Weibel Chris DiDomenico noch vor dem Transferschluss um Mitternacht zu einem anderen Klub zu transferieren. In der National League, in der Swiss League oder im Ausland. Bozens Besitzer und Manager Dr. Dieter Knoll war stark interessiert. Aber «DiDo» lehnte einen Wechsel zum SCB Italiens ab. Der Versuch eines Transfers in die DEL (Straubing) scheiterte doch noch und auch die Bemühungen, den ungeliebten Topskorer zu Christian Dubé nach Biel abzuschieben, war nicht von Erfolg gekrönt.
Das hat es noch nie gegeben: Einem Klub gelingt es nicht, den mit Abstand besten Spieler, den Topskorer des Teams, die Nummer 10 der Liga-Skorerliste, bei der Konkurrenz unterzubringen. Was für ein grandioses Theater!
Was den Unterhaltungswert erhöht: Ambris künftiger Sportchef Lars Weibel wird nach wie vor zu hundert Prozent vom Verband bezahlt, wo er noch bis zum 1. Juni als Sportchef angestellt ist. Er darf sich offiziell noch nicht zu seiner künftigen Aufgabe in Ambri äussern und nicht für Ambri arbeiten (deshalb ein Phantom-Sportchef), weibelt aber bereits auf allen Kanälen für Ambri. Aus Tarngründen muss jeweils Interims-Sportchef Alessandro Benin telefonieren. Sozusagen als «Hosentelefon-Diener» des künftigen Sportchefs, der jetzt schon alle Entscheidungen trifft.
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen Trainer Jussi Tapola und Topskorer Chris DiDomenico. Es ist die wohl grösste Torheit eines Ambri-Trainers seit Einführung der Playoffs (1986): Der Finne provoziert, ja zelebriert den Eklat mit seinem mit Abstand besten und wirkungsvollsten Einzelspieler. Er hat den Kanadier am Samstag nicht einmal mehr zum Auswärtsspiel nach Zug mitgenommen. Zuvor hat er ihn bereits im Heimspiel gegen Davos mit lediglich 8:09 Minuten Eiszeit gedemütigt. Dabei hatte Jussi Tapola seinen grandiosen Einstand – das 3:2 im Derby gegen Lugano – und kurz darauf das 3:2 gegen Lausanne – weitgehend seinem Topskorer zu verdanken, der an vier der sechs Tore beteiligt war und sich keine Minus-Bilanz notieren lassen musste.
Seit der Machtkampf eskaliert, hat Ambri nur noch verloren: Chancenlos beim 2:5 gegen Davos, ohne Brot beim 1:4 in Zug. Die Demütigung von Chris DiDomenico hat das Team ganz offensichtlich nicht zu einer Sonderleistung motiviert. Mehr denn je gilt: Sage mir, wie es Chris DiDomenico geht und ich sage Dir, wie es um Ambri steht.
Der Kanadier war Ende Oktober 2024 im Tausch mit Jakob Lilja (inzwischen Operetten-Ausländer bei Zug) von Gottéron zu Ambri gekommen. Das ganze Theater ist umso absurder, weil ja der Vertrag von «DiDo» Ende Saison sowieso ausläuft. Und wenn er tatsächlich noch bis Ende Saison in der Leventina ausharren muss: Wen schickt Ambri am 11. März zur Ehrung der PostFinance-Topskorer nach Bern? Er hat in der teaminternen Skorerliste so viel Vorsprung, dass er bis zum Ende der Qualifikation Topskorer bleiben wird. Sollte der Kanadier nicht nach Bern entsandt werden, sollte die Postbank intervenieren.
Nun denn: Das Geschirr ist zerschlagen. Jussi Tapola kann halt nicht aus seiner Haut fahren. Seine Autorität duldet keinerlei Freiräume für die Spieler. Seine taktische Gleichmacherei – verpackt unter der Etikette «Das Team ist alles» – ist absolut. Aber er hat bei seinen zwei letzten Arbeitgebern trotz maximalem Erfolg (Champions League gewonnen, Meister bei Tampere) und bemerkenswertem Erfolg (in Bern) deswegen letztlich die Kabine verloren.
Das Spielerreservoir in Tampere war gross genug und deshalb funktionierte diese «My-way-or-Highway-Methode» maximal. Und auch in Bern standen ihm gerade noch genug Spieler zur Verfügung und es reichte zuletzt immerhin zum 3. Schlussrang. Aber am 1. Oktober ist er trotzdem gefeuert worden. Für einen 3. Rang würden die Berner heute den Hockeygöttern auf den Knien danken.
In Ambri kann ein so autoritärer Trainer nicht funktionieren. Aus einem ganz einfachen Grund: Ausser Chris DiDomenico steht dem Coach kein Stürmer zur Verfügung, der das Talent, die Erfahrung, das Charisma, die Energie und die Leidenschaft hat, um das Team anzutreiben und ein Spiel zu entscheiden. Die Stürmer mit Schweizer Lizenz taugen höchstens für die zweite, die meisten nur für die dritte und vierte Linie und Dominic Zwerger hat sich längst in die innere Emigration zurückgezogen und freut sich auf seine Zukunft in Biel. Auch Kultstürmer Inti Pestonis Eiszeit ist unter Jussi Tapola auf unter 10 Minuten geschrumpft und er hat keinerlei Einfluss mehr aufs Spiel.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Diese Forderungen «Das Team ist alles» und «Keine Freiräume für Stars» kommem bei einem Teil der Fans natürlich überall gut an. Es ist bewährter Populismus und immer noch der einfachste Führungsstil. Aber ein wirklich grosser Trainer ist dazu in der Lage, sensible Spieler zu führen und ins Spiel zu integrieren. In Ambri ist diese Sensibilität sogar die Voraussetzung, ja ein Teil der Kultur, um ein Maximum aus dem Team herauszuholen.
Jussi Tapola ist nach Luca Cereda (Rücktritt) und Eric Landry (gefeuert) bereits Ambris dritter Bandengeneral in der laufenden Saison. Eric Landry und sein Assistent René Matte sind offiziell des Amtes enthoben worden, aber inoffiziell hatten sie, ermüdet vom endlosen Theater, um die Erlösung vom Amt ersucht. So berichten es jedenfalls verlässliche Gewährsleute. Und so hat Phantom-Sportchef Lars Weibel halt Jussi Tapola verpflichtet.
Wer als Chef nicht fähig ist, mit dem Topskorer und einem der besten Stürmer der Liga auszukommen, gehört nicht zu den Grossen der Branche. Erst recht, weil Chris DiDomenico keineswegs gegen die Autorität des Trainers rebelliert. Er ist lediglich einer, der nicht verlieren will und kann und alles versucht, um ein Spiel zu gewinnen und es dabei hin und wieder übertreibt. Ein manchmal etwas kindischer Schillerfalter, der einfach spielen will wie ein Kind im Sandkasten und sich in der Partie gegen Lausanne einen Restausschluss eingehandelt hat, weil er den Stock – also das Spielzeug eines Gegenspielers – während eines Spielunterbruchs absichtlich zerbrochen hat.
Sind in Ambri eigentlich alle verrückt geworden? Nein. Es ist das logische Chaos, das sich immer mehr ausbreitet, seit Sportchef Paolo Duca und Trainer Luca Cereda zurückgetreten sind und Präsident Filippo Lombardi sein Amt aufgegeben hat.
Ein Problem ist das diese Saison nicht. Ambri muss zwar gegen Ajoie zum Playout antreten und der Verlierer theoretisch seinen Platz in der National League gegen den Sieger der Swiss League im Rahmen der Liga-Qualifikation verteidigen. Aber es ist ein reiner Operetten-Abstiegskampf. Nur Visp und La Chaux-de-Fonds sind berechtigt, zu dieser Liga-Qualifikation anzutreten. Beide Klubs sind – wenn sie es denn überhaupt in den Final schaffen – bei weitem nicht gut genug, um in der Liga-Qualifikation Ambri oder Ajoie herauszufordern.
Aber wenn es in Ambri so weitergeht, dann wird nicht Ajoie in den nächsten drei Jahren um seinen Platz in der höchsten Liga zittern. Sondern Ambri. Wer sagt, die Berufung von Lars Weibel zum Sportchef sei Ambris riskantester Personalentscheid im 21. Jahrhundert, ist kein Schelm. Sondern ein Prophet.
