Die «NHL der Amateure» ist das «Problem» unseres Hockeys
Das Wehklagen über die Schwierigkeiten der zeithöchsten Liga begleitet unser Hockey seit Jahren wie das Glockengeläut die Kuhherde. Die letzten Tage haben aufgezeigt, warum es einfach keine Veränderungen gibt. Warum trotz hitzigen Debatten doch alles so bleibt, wie es ist.
Der neue Verbandspräsident Urs Kessler hat das Problem erkannt: Es gibt eigentlich eine Liga zu viel. Die 2017 gegründete nationale Amateurliga (MyHockey League) sollte eigentlich mit der Swiss League fusioniert werden. So würde eine mindestens 20 Teams umfassende «Hybrid-Liga» entstehen. Mit Ausbildungsklubs und solchen, die mit Profibetrieb den Aufstieg anstreben. Die 1. Liga wäre dann wieder, wie vor 2017, die höchste, in regionale Gruppen aufgeteilte Amateurliga. So weit, so gut, so vernünftig.
Aber den Zusammenschluss mit der Swiss League gibt es nur mit der Zustimmung der Amateur-Abteilung des Verbandes. Und dort denkt zu Recht niemand daran, etwas zu ändern. Denn eines haben die letzten Tage gezeigt: Die MyHockey League ist die «NHL des Amateurhockeys».
Mit Hockey Huttwil und dem EHC Seewen haben zwei Klubs ein Finaldrama aufgeführt und offenbart, wie gut Amateurhockey sein kann. Seewen verteidigte seinen Titel in fünf intensiven Spielen, zeitweise auf dem Niveau einer gewöhnlichen SL-Partie. Theoretisch wären die sportlichen Voraussetzungen für den Aufstieg für beide Teams erfüllt. Aber die Seebner oder die Huttwiler denken nicht einmal im Traum daran, in die Swiss League aufzusteigen.
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Für weniger als eine Million sind beide Klubs dazu in der Lage in einer zweckmässigen Infrastruktur hochklassiges Hockey zu zeigen. Die meisten Spieler sind in den höchsten Juniorenligen ausgebildet worden. Sie sind läuferisch, technisch und taktisch auf gutem Niveau. Aus verschiedensten Gründen setzen sie auf eine Karriere im Beruf und nicht im Profihockey.
Der EHC Seewen ist so etwas wie die «Schwyzer Nationalmannschaft» mit starker regionaler Verwurzelung. Beide Klubs werden effizient gemanagt und von der lokalen Wirtschaft getragen. Bestens funktionierender, hochstehender Amateursport in Zeiten des immer teurer werdenden Profi-Business. Seewen und Huttwil als «Gallische Hockey-Dörfer», die sich im Windschatten von übermächtigen NL-Organisationen (Zug, Bern, Langnau) behaupten.
Die Stimmung war bei den fünf Finals grandios. 1200 Fans in Seewen, zuletzt fast 2000 in Huttwil. Ein faires Publikum, keine Schmähgesänge gegen die gegnerische Mannschaft. Keinerlei Sicherheitsprobleme und ein hoher Funktionär des Internationalen Eishockey-Verbandes, der Zaungast war, staunte: «Diese friedliche Stimmung gibt es eigentlich sonst nur noch bei einer WM.» Hockey so, wie es sich Romantiker vorstellen. Oder wie die Seebner sagen: «Säb isch Hockey.»
Es gibt keinen Grund für die besten Amateur-Teams in die Swiss League aufzusteigen wo der Aufwand in jeder Beziehung, auch finanziell, viel grösser ist. Aber die Einnahmen nicht entsprechend gesteigert werden können. Dazu ein einfaches Beispiel: Arosa mobilisierte in der Saison 2024/25 in 21 Heimspielen inkl. Playoffs 14'640 Fans und ist im Frühjahr 2025 in die Swiss League aufgestiegen. In der zweithöchsten Liga kamen soeben in 25 Heimspielen gerade mal 15'812 Zuschauerinnen und Zuschauer. Da braucht es kein Studium an einer Wirtschafts-Hochschulstudium, um zu erkennen, dass diese Rechnung auf Dauer nicht aufgehen kann.
Das bedeutet: Die Swiss League wird in den nächsten Jahren mit ziemlicher Sicherheit keine neuen Teams als Aufsteiger bekommen. Aber voraussichtlich weitere wegen finanziellen Schwierigkeiten verlieren. Langenthal ist im Frühjahr 2023 aus wirtschaftlichen Gründen freiwillig in die MyHockey League abgestiegen, Winterthur folgt am Ende dieser Saison.
Eigentlich logisch: Der nationale Sportmarkt kann keine zweite Eishockey-Profiliga finanzieren. Ein Problem, das auch andere Hockeyländer kennen. Der Markt wird in den nächsten Jahren die «Reamateurisierung» der Swiss League, eine weitere Reduktion der Saläre und der Anzahl Teams erzwingen.
Eine vernünftige Lösung wäre die von der National League vorgeschlagene Integrierung der höchsten Juniorenliga in die Swiss League. Das wäre ausbildungstechnisch sinnvoll und kommerziell machbar. Aber die «ideologischen Differenzen» zwischen der juristisch unabhängigen National League und der Swiss League unter dem Dach des Verbandes sind so gross, dass reflexartig jeder Vorschlag der National League als «böse» gebodigt wird. Und von der Swiss League oder vom Verband gibt es bis heute keine machbaren Reformvorschläge.
Der Swiss League wird mittelfristig wohl das «NHL-Rezept» bleiben: Von 1942 bis 1967 umfasste die NHL lediglich 6 Teams (Original Six). Die Rangers, Toronto, Detroit, Montréal, Boston und Chicago. Die Regular Season umfasste zwischen anfänglich 50 und zuletzt 70 Partien. Vier Teams qualifizierten sich für die Playoffs. Eine umfangreichere Liga liess sich damals im Sportmarkt nicht finanzieren.
Sieht so mittelfristig die Zukunft der Swiss League aus? Nach und nach eine Reduktion auf acht oder gar sechs Teams? Am Ende gar eine Swiss League nach dem Vorbild der «Original Six» der NHL mit La Chaux-de-Fonds, Sierre, Visp, Olten, Thurgau und Basel? Gut möglich, dass die GCK Lions aus der Swiss League aussteigen, wenn die von der National League angestrebte U23-Liga ab 2027 oder 2028 funktionieren sollte. Arosa, Bellinzona und Chur sind auf Dauer ohnehin nicht finanzierbar. Weil die Klubs der National League, sobald die U23-Liga funktioniert, ihre Spieler nicht mehr zum «Nulltarif» zur Aus- und Weiterbildung den Klubs in der Swiss League überlassen werden.
Eine auf die traditionellen SL-Klubs reduzierte Liga würde eine bessere TV-Produktion ermöglichen. Mit etwas Verhandlungsgeschick müsste es machbar sein, ein «Spiel der Woche» und ausgewählte Playoff-Partien in Leutschenbach oder bei MySports unterzubringen und so für eine viel bessere Sichtbarkeit (und Vermarktung) zu sorgen. Basel gegen Olten rockt selbst bei acht Partien pro Saison mehr als ein Pflichtspiel gegen Bellinzona.
Die MyHockey League hat gute Aussichten, sich als «NHL der Amateure» gut zu positionieren. Neu kommt nun auch noch Winterthur dazu (steigt freiwillig aus der Swiss League ab) und so ergibt sich für die oberste Amateurliga sogar die Möglichkeit, während der Qualifikation eine Ost- und Westgruppe zu bilden. Dübendorf, Winterthur, Frauenfeld, Oberthurgau, Bülach und Wetzikon im Osten. Huttwil, Langenthal, Thun, Lyss, Franches Montagnes und Seewen im Westen. Vier Partien gegen die Teams der eigenen, zwei gegen die Vertreter der anderen Gruppe. 32 Spiele. Mehr Derbys, kürzere Reisen, weniger Aufwand, höherer Ertrag.
Die ewigen Diskussionen um die «unreformierbare» Swiss League sind bei Lichte besehen kein Krisen-Symptom. Eher ein gutes Zeichen für die Vitalität unseres Hockeys. Das «Problem» ist die «NHL der Amateure» – aber eben kein Problem und daher die Anführungszeichen. Eher ein Zeichen der Vitalität unseres Hockeys, das nicht nur vom Profigeschäft ganz oben lebt. Die Swiss League ist ins Niemandsland zwischen der boomenden National League und einer vitalen Amateurliga geraten und hat noch keine Identität gefunden. Das ist eigentlich kein soooo grosses Problem.
