Der Fall ist heikel: Böse Absicht oder Unfall? Ist es Absicht, dann muss Chris DiDomenico mit bis zu sieben Spielsperren rechnen. Ist es ein Unfall, dann ist gar ein Freispruch oder ein milderes Urteil (höchstens drei Sperren) möglich.
Die Video-Bilder zeigen nur eines zweifelsfrei: Der SCB-Kanadier bleibt mit der Schlittschuhspitze im Schlittschuh des Schiedsrichters hängen und bringt ihn zu Fall.
Zur Verteidigung von Chris DiDomenico: Das Spiel läuft gerade in der Ecke (links im Video, nicht sichtbar). Er will sich so schnell wie möglich dorthin begeben und auf dem direkten Weg dorthin ist der Schiedsrichter in der Lauflinie. Da sich auch der Schiedsrichter bewegt (er läuft rückwärts) ist die Situation unberechenbar: Es sind zwei «Objekte», die sich in gegenläufiger Bewegung nähern und schliesslich aufeinandertreffen. Ein Zusammenstoss, zufällig, nicht berechenbar. Also Freispruch.
Es ist allerdings die Pflicht des Spielers, einen Zusammenstoss mit dem Schiedsrichter zu vermeiden. Die Unparteiischen sind richtigerweise «unberührbar». Zumal sie nicht durch eine entsprechende Ausrüstung geschützt sind und nicht mit einem Angriff rechnen müssen. Die Regelauslegung ist streng, der Spielraum eng, im Zweifel für den Schiedsrichter und gegen den Spieler.
Das Video kann die alles entscheidende Frage nicht beantworten: Hat Chris DiDomenico den Schiedsrichter überhaupt gesehen oder war er bereits auf die vor ihm liegende Spielszene konzentriert? Die Bilder zeigen seine Blickrichtung nicht. Falls er den Schiedsrichter gesehen hat, ist es ein grober Regelverstoss. Denn Ausweichen ist möglich, kein zweiter Spieler ist in den Fall involviert oder behindert Chris DiDomenico in der Bewegungsfreiheit. Falls er den Schiedsrichter gesehen hat, ist es ein böses Foul.
Das bedeutet: Wir haben auf den Video-Bildern nur den Beweis der Tat. Aber wir wissen nicht, ob die Tat hätte verhindert werden können, ob es böse Absicht oder einfach ein Unfall ist.
Das erstinstanzliche Urteil wird frühestens Ende Woche erwartet. Gibt es mehr als drei Spielsperren, wird sich Rekurs lohnen. Gut möglich, dass eine nächsthöhere Instanz die Bilder dann anders beurteilt.
Chris DiDomenico ist eine leidenschaftliche, temperamentvolle Kämpfernatur und beim SCB der wirkungsvollste Einzelspieler. Ja, er war in dieser Saison so etwas wie SCB-Spielertrainer. Eine Sperre gegen ihn würde den SCB in einer heiklen Phase schwächen. Der Kanadier unternimmt alles, um ein Spiel zu gewinnen. Er wird provoziert, er provoziert und hin und wieder brennen ihm die Sicherungen durch. Wie letzte Saison im letzten Spiel für Gottéron, als er in der Halbfinalpartie gegen die ZSC Lions im Hallenstadion für ein hitziges Beinstellen bei ZSC-Captain Patrick Geering zwei Spielsperren kassierte, die er diese Saison beim SCB absitzen musste.
Aber gegen Schiedsrichter ist er im Laufe seiner Karriere nie tätlich geworden. Er ist in diesem Zusammenhang nicht vorbestraft. Und einen absichtlich herbeigeführten Zusammenstoss mit einem Schiedsrichter gibt es im Hockey eigentlich gar nicht.
Trotzdem geht es hier um die Frage: Absicht oder Unfall?
Wenn er kein Motiv hatte, warum sollte er dann den Schiri absichtlich umfahren? Es fährt doch kein Spieler grundlos den Schiri um...