Volle Stadien, kein WM-Feeling bei uns – 7 Erkenntnisse nach der Gruppenphase der Mega-WM
WM-Feeling kommt in Europa nicht auf
Es ist eine Weltmeisterschaft und keine Europameisterschaft. Klar, dass die FIFA deshalb nicht immer nur aufs europäische TV-Publikum Rücksicht nehmen kann. Aber Fakt ist auch, dass hierzulande nur wenig WM-Stimmung aufkommt. Mehr als die Hälfte der Spiele findet in Mitteleuropa mitten in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden statt. Ohne Ferien, Flexibilität bei den Arbeitszeiten oder extremen Schlafmangel ist es nicht möglich, alle Partien mitzuverfolgen.
Dazu kommt die Unregelmässigkeit im Spielplan. Aufgrund der mehreren Zeitzonen in Nordamerika werden die WM-Spiele immer wieder zu anderen Zeiten angepfiffen. Manchmal beginnt die erste Partie des Tages schon um 18 Uhr Schweizer Zeit. Manchmal – wie gestern Samstag zum Abschluss der Gruppenphase – gab es den ersten Anpfiff erst um 23 Uhr Schweizer Zeit. Das ist ein starker Kontrast zur Berechenbarkeit der WM in Katar, wo die Spiele immer um 11 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr und 20 Uhr begannen. Wenn du nie sicher bist, ob tatsächlich Spiele stattfinden, die du zu vernünftigen Zeiten schauen kannst, kann keine Euphorie entstehen.
Immerhin: Ein wenig Party gab es nach dem Schweizer Sieg gegen Kanada doch noch
Die Kleinen können mithalten
Nachdem die FIFA beschloss, die WM von 32 Teams auf 48 Teilnehmer zu expandieren, waren die Bedenken gross. Als man sah, dass sich Teams wie Curaçao, Kap Verde, Usbekistan oder Jordanien für die WM qualifizierten, wurden sie noch grösser. Wie wirkt sich das auf die Qualität der Spiele aus? Sind diese kleinen WM-Neulinge nur Kanonenfutter?
Die Antwort: nein. Klar waren Usbekistan oder Jordanien in ihren Gruppen am Ende chancenlos. Aber die «Kleinen» waren – mit Ausnahme des 7:1-Siegs von Deutschland gegen Curaçao – nie chancenlos. Kap Verde rang Spanien, Uruguay und Saudi-Arabien Unentschieden ab und schrieb mit dem Vorstoss in den Sechzehntelfinal eine unglaubliche Geschichte. Auch Curaçao holte bei einem 0:0 gegen Ecuador sensationell seinen ersten WM-Punkt. Die Neulinge waren an dieser WM eine Bereicherung.
Der Modus braucht Anpassungen
Die Aufstockung auf 48 Teams war also nicht grundsätzlich ein Fehler. Aber der Modus ist bei Weitem nicht perfekt. Die Tabelle mit den besten Gruppendritten sorgt für Situationen, die es am grössten Sportevent der Welt nicht geben darf. Die Teams der «hinteren» Gruppen sind bevorteilt, da sie genau wissen, welche Resultate sie brauchen, um die K.o.-Phase zu erreichen.
Österreich und Algerien wussten zum Abschluss der Gruppenphase, dass ein Unentschieden beiden Teams zum Weiterkommen reichen würde. Zwar kam es nicht zum befürchteten Nichtangriffspakt – im Gegenteil, das Spiel endete 3:3 mit einem absolut dramatischen Ende. Und doch ist auffällig, dass es mit Algerien, Kongo und Ghana alle drei Dritten der Gruppen, die zuletzt zum Einsatz kamen, in den Sechzehntelfinal geschafft haben.
Die FIFA muss über die Bücher, damit dieser Wissensvorteil für die Teams in den hinteren Gruppen nicht mehr besteht – zumindest bis 2038. Dann plant der Weltverband angeblich die nächste Expansion auf 64 Teams.
Die Stadien sind voll
Was wurde vor dem WM-Start nicht alles geschrieben: Die teuren Tickets und die noch teureren Unterkünfte halten die Fans davon ab, für die WM nach Nordamerika zu reisen. Es gab die Befürchtung, dass die Stadien teilweise halbleer sein würden. Die Realität sieht anders aus.
Zwar gab es einige Ausnahmen – beim Spiel Schweiz gegen Katar blieben einige Zuschauer für die zweite Halbzeit in der Mittagshitze von San Francisco in den Katakomben. Doch gemäss Angaben der FIFA habe die Auslastung bei allen Spielen immer zwischen 98 und 100 Prozent betragen. Gewiss ist da manchmal etwas Trickserei dabei, wie beim Spiel zwischen den Niederlanden und Japan, wo freiwillige Helfer teure VIP-Boxen füllen durften. Aber im Grossen und Ganzen sind die Stadien tatsächlich gefüllt und die Stimmung vor Ort ist hervorragend.
Die Alten können es immer noch …
Auch sie waren im Vorfeld des Turniers ein grosses Thema: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Die Fussballwelt fragte sich, wie die beiden auf der grösstmöglichen Bühne noch performen. Die Antwort? Sie fällt unterschiedlich aus. Lionel Messi brilliert von A bis Z. Zum WM-Auftakt beim 3:0 gegen Algerien erzielt der Argentinier einen Hattrick. Beim 2:0 gegen Österreich ist er ebenfalls für alle Tore zuständig. Beim 3:1 gegen Jordanien sitzt er lange auf der Bank, ehe er doch noch eingewechselt wird und per Freistoss trifft. Messi beendet die Vorrunde als bester Spieler und bester Torschütze der Gruppenphase.
Die Bilanz von Cristiano Ronaldo ist etwas durchzogener. Beim 1:1 Portugals gegen den Kongo ist er genauso unsichtbar wie im letzten Gruppenspiel beim 0:0 gegen Kolumbien. Doch dazwischen zeigt er beim 5:0 gegen Usbekistan mit zwei Toren, dass auch er es immer noch draufhat – zumindest, wenn der Gegner nicht gerade internationale Topqualität mitbringt.
… abgesehen von den Goalies
Wobei, so ganz stimmt diese Überschrift nicht, denn es gibt einen alten Goalie, der vollends überzeugt hat: Josimar José Évora Dias, besser bekannt als Vozinha von Kap Verde. Der 40-Jährige liess bei seinem ersten WM-Auftritt Spaniens Superstars verzweifeln. Zwar hatte auch er seine schwachen Momente – unter anderem beim 2:2 gegen Uruguay. Doch auch er schafft es wie Lionel Messi in unser Team der Gruppenphase von Sofascore. Und auf Instagram schoss er kometenhaft nach oben: aus 50'000 Followern zum WM-Beginn wurden mittlerweile 17,1 Millionen Follower.
Andere ältere Torhüter hatten da deutlich mehr Mühe. Etwa Uruguays Fernando Muslera, auch er 40-jährig. Der 137-fache Nationalspieler wurde von Trainer Marcelo Bielsa, trotz zwischenzeitlichen Rücktritts und Comebacks im vergangenen März, immer noch als Nummer 1 aufgestellt, war dieser Aufgabe aber nicht mehr gewachsen. In jedem seiner drei Spiele hatte Muslera einen Patzer zu verzeichnen und war einer der Hauptschuldigen am Vorrundenaus der Uruguayer.
Und dann ist da noch Manuel Neuer, ebenfalls 40 Jahre alt. Er wurde von Julian Nagelsmann nicht nur für die WM reaktiviert, sondern dem bisherigen Stammgoalie Oliver Baumann als Nummer 1 vor die Nase gesetzt. Ein Poker, der bislang nur bedingt aufgeht. Anders als Muslera hat Neuer bislang noch kein Gegentor direkt verschuldet, doch er konnte sich auch noch nicht auszeichnen. Die Statistik spricht gegen den Weltmeister von 2014: Sieben Torschüsse brachten Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador zustande, vier davon landeten im Tor. Und in jedem Spiel war gleich der erste Torschuss ein Treffer. So ist in Deutschland vor dem Start der K.o.-Phase wieder eine Torhüterdiskussion entfacht.
Der Nati steht vieles offen
Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat an der WM nicht nur überzeugt und trotzdem die Pflicht souverän erledigt. Auf das ärgerliche 1:1 zum Auftakt gegen Katar folgten Siege gegen Bosnien-Herzegowina und Co-Gastgeber Kanada. Dank Platz 1 in der Gruppe B hat sich die Mannschaft von Murat Yakin nun eine gute Ausgangslage verschafft.
Weil in den anderen Gruppen Uruguay (nur auf Platz 3 hinter Kap Verde) und Portugal (nur auf Platz 2 hinter Kolumbien) patzten, hat sich das Schweizer Viertel des Turnierbaums zumindest auf dem Papier etwas geöffnet. Mit Siegen gegen Algerien und Kolumbien oder Ghana könnte die Nati in den WM-Viertelfinal einziehen. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte in der zweiten K.o.-Runde Portugal gewartet, gegen das die Schweiz vor vier Jahren in Katar beim 1:6 im Achtelfinal chancenlos war. Aber: Je besser die Ausgangslage, desto grösser wird auch die Enttäuschung, falls es doch schiefgehen sollte.
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