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Ronda Rousey (l.) starrt ihre Gegnerin Alexis Davis (r.) nieder: Rousey hat sich in den letzten Jahren zum absoluten Aushängeschild der Sportart Mixed Martial Arts (MMA) gemausert.
Ronda Rousey (l.) starrt ihre Gegnerin Alexis Davis (r.) nieder: Rousey hat sich in den letzten Jahren zum absoluten Aushängeschild der Sportart Mixed Martial Arts (MMA) gemausert.
Bild: John Locher/AP/KEYSTONE

Wie und weshalb gerade diese einst obdachlose Kellnerin Sportgeschichte schreibt

30.07.2015, 20:3531.07.2015, 14:21

Am 1. August kämpft in Rio de Janeiro die amerikanische MMA-Titelträgerin Ronda Rousey gegen Bethe Correia um die UFC-Bantam-Weltmeisterschaft. Weniger fachkundige Leute werden angesichts dieser Namen mit den Schultern zucken, Mixed-Martial-Arts-Fans hingegen frohlocken – und die Sportchronisten? Sie werden in den Geschichtsbüchern ein neues Kapitel aufschlagen: Zum ersten Mal in der Geschichte des kommerziellen Sports ist das absolute Aushängeschild einer Sportart, welche von beiden Geschlechtern professionell ausgeübt wird, eine Frau.   

Ronda Rousey (r.) wird nicht selten mit Mike Tyson (l.) verglichen, als dieser allerdings noch seine besten Zeiten hatte.
Ronda Rousey (r.) wird nicht selten mit Mike Tyson (l.) verglichen, als dieser allerdings noch seine besten Zeiten hatte.
Bild: Jae C. Hong/AP/KEYSTONE

Im Fussball, im Tennis, im Golf und auch im Hallendrachenfliegen: Der grösste Star, die Lichtgestalt, die Ikone der Branche ist stets ein Mann. Diese Regel galt bisher als in Stein gemeisselt. Daran konnten auch klingende Namen wie Steffi Graf, Jackie Joyner-Kersee oder Nadia Comaneci (Kunstturnen) nichts ändern.

Darauf, dass ausgerechnet im Mixed Martial Arts (MMA) dieser alte Zopf abgeschnitten werden würde, deutete bis vor Kurzem noch gar nichts hin: Als Dana White, Präsident des wichtigsten und grössten Mixed-Martial-Arts-Verbandes UFC, im Jahre 2011 gefragt wurde, wann er Frauen in seinen Kampfkäfigen dulden würde, kam seine Antwort postwendend: «Nie!» 

Ronda Rousey posiert für eine Jeansmarke. Die Bantam-Welmeisterin ist längst auch ein gefragter Werbe-Star. 
Ronda Rousey posiert für eine Jeansmarke. Die Bantam-Welmeisterin ist längst auch ein gefragter Werbe-Star. 
Bild: Buffalo David Bitton

Etwa zur selben Zeit an einem anderen Ort: Eine gewisse Ronda Rousey entschied sich nach drei Blitz-Siegen bei den Amateuren zu den Profis zu wechseln. Ihre Gegnerinnen hatte sie jeweils in weniger als einer Minute erledigt. Zuvor hatte die Bronzemedaillen-Gewinnerin im Judo der Olympischen Spiele von Peking 2008 als Kellnerin in ihrer Bar einen Zusammenschnitt von MMA-Kämpfen gesehen und gedacht, dass dies vielleicht eine Chance für sie wäre, sich aus der postolympischen Tristesse zu kämpfen. 

Ronda Rousey fightet sich in Peking zu Olympiabronze.

Denn was zu einem «Zwischenjahr mit Party» hätte werden sollen, wurde zum kompletten Absturz. Wie Rousey in ihrer Biographie «My Fight / Your Fight» beschreibt, musste sie phasenweise im Auto übernachten, weil sie sich keine Wohnung leisten konnte. Frühstück bedeutete eine Zigarette und ein Vodka-Espresso. Ausserdem war da noch die Vorliebe für Gras und Schmerzmittel – das gesamte Paket also. 

Die glamuröse Seite der Ronda Rousey

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Ronda Rousey – auf dem Roten Teppich
quelle: getty images north america / theo wargo/nbc
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Doch Ronda Rousey ist eine geborene Kämpferin – bereits ihre ersten Stunden auf dieser Welt wurden zum Todeskampf gegen die Nabelschnur, die sich um ihren Hals gewickelt hatte. Rousey erlitt einen Sauerstoffmangel, der ihr Hirn nachhaltig beschädigte – vollständige Sätze sprach sie erst mit sechs Jahren. 

Sie sei ein «Sleeper», pflegte ihr Vater sie jeweils aufzubauen, wenn die sprachlose Ronda sich wieder einmal nicht ausdrücken konnte und deshalb einen Wutanfall kriegte: In ihr würden Talente schlummern, die sich erst später zeigen würden. 

Ronda «Rowdy» Rousey: Im Alter von drei Jahren erhielt Sie einen «Hulk Hogan Wrestling Buddy» – eine Puppe um damit zu ringen. Für die damals sprachbehinderte Ronda das grösste Geschenk, das sie sich vorstellen konnte.
Ronda «Rowdy» Rousey: Im Alter von drei Jahren erhielt Sie einen «Hulk Hogan Wrestling Buddy» – eine Puppe um damit zu ringen. Für die damals sprachbehinderte Ronda das grösste Geschenk, das sie sich vorstellen konnte.
Bild: Jae C. Hong/AP/KEYSTONE

Ihr Vater sollte Recht behalten. Nur leider durfte er das Erwachen seiner Tochter nicht miterleben. Ron erholte sich nie mehr von einem tragischen Schlittelunfall bei dem er sich den Rücken brach. Er beendete bereits todgeweiht und nach langer leidenszeit sein Leben, als Ronda acht Jahre alt war. «Danach war nichts mehr, wie vorher», beschreibt Rousey den tragischen Moment, «danach war niemand der Familie, wie vorher.» 

Rousey versucht heute dieser Tragödie ihr bestes abzugewinnen: «Ohne Rons Tod wäre meine Mutter nicht ihrem zweiten Ehemann begegnet, wir wären nicht zurück nach Kalifornien gezogen, ich hätte keine jüngere Schwester, ich hätte nie mit Judo begonnen. Wer weiss, was aus meinem Leben geworden wäre. Ich wäre sicher nicht hier.»

«Hier», das ist auf dem unangefochtenen MMA-Thron. Und Rouseys Kampfrekord beweist, dass sie diesen nicht nur einfach wegen ihrer blonden Haaren eroberte: 

  • Ronda Rousey gewann alle ihre 11 Profikämpfe.
  • 9 der 11 Kämpfe beendete sie mit einem Armhebel. 
  • 10 ihrer 11 Kämpfe dauerten nicht einmal eine Runde. 
  • 7 ihrer 11 Kämpfe dauerten nicht einmal eine Minute. 
  • 4 der 11 Kämpfe dauerten nicht einmal 30 Sekunden. 
  • Bisher schaffte es nur eine Gegnerin (Miesha Tate) bis in die dritte Runde.
  • Ihren letzten Sieg, gegen die zuvor unbesiegte Cat Zingano, errang sie in nur gerade 14 Sekunden. Rousey schaffte damit die schnellste Titelverteidigung in der Geschichte der UFC. 
  • Rousey ist dreimalige «Female Fighter of the Year» (2012-2014)

1 Kampf in 2 Gifs: Ronda Rousey benötigt nur wenige Sekunden ... 

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... um einen Armhebel anzusetzen und den Kampf zu beenden.

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Küzlich wurde Ronda Rousey vom Business Insider zur «dominantesten lebenden weiblichen Athletin» gewählt und auch der zu Beginn zaghafte Dana White sagt: «Sie ist ein Game Changer. Sie ist einer der grössten MMA-Stars, wenn nicht der grösste.»

Doch weshalb schaffte ausgerechnet Ronda Rousey als erste Frau zum absoluten Superstar einer Sportart zu avancieren, welche auch und sogar vor allem von Männern ausgeübt wird? Dafür sprechen einige Gründe.

  • Viele Dominatorinnen ihrer Sportarten müssen sich anhören, nicht dasselbe Spektakel wie ihre männlichen Kollegen zu bieten. Ein Rousey-Fight ist hingegen wie eine riesige Feuerwerksrakete: Zuerst knallt es furchterregend, dann gibt es ein staunendes Publikum, viele «Aaahs!» und «Ooohs!» und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei. Damit steht sie den Männern in nichts nach.
  • Rousey-Fights ziehen Publikum an: Ihre Pay-Per-View-Verkaufszahlen müssen sich nicht vor denjenigen der Männer verstecken. Ihr Kampf gegen Miesha Tate war mit dafür verantwortlich, dass UFC 168 mit ca. 1,1 Millionen verkauften Pay-Per-View-Abonnementen die bisher dritt erfolgreichste Veranstaltung der UFC-Geschichte wurde. Mehr PPVs wurden nur in der goldenen Ära um das Jahr 2010 mit Brock Lesnar und Georges St.Pierre verkauft. 
  • Deshalb fördert UFC-Präsident Dana White Ronda Rousey wie und wo er nur kann.
  • Rousey hat Mut zu unverblümten (und meist cleveren) Statements. Damit eckt die 28-Jährige zwar immer wieder an. Das allerdings liegt wieder einmal im Trend, wie man bei anderen Superstars wie bei Branchenkollege Conor McGregor, bei Fussballer Zlatan Ibrahimovic oder bei Boxer Flyod Mayweather beobachtet werden kann. 
  • Einige männliche Superstars verabschiedeten sich in letzter Zeit unrühmlich: Bei Anderson Silva wurden verbotene Dopingmittel nachgewiesen und Jon Jones legte sich mit einem selbstverschuldeten Unfall mit Fahrerflucht selbst aufs Kreuz. Seither ist der Thron des absoluten Superstars bei den Männern vakant. Der Ire Conor McGregor scheint Rousey in puncto Starpotential im Moment noch am nächsten zu kommen.

Ronda Rousey im Oktagon.

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Ronda Rousey im Oktagon
quelle: ap/fr159466 ap / isaac brekken
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Auch wenn es sicherlich der Hauptverdienst von Ronda Rousey selbst ist, ihrer Dominanz, ihrer Gesamterscheinung, dass sie als erste Frau in der Geschichte eine gemischte Sportart dominiert, wird es auch geholfen haben, dass MMA eine junge Sportart ist. Weshalb? 

Alteingesessene Organisationen tun sich schwer mit Neuem. Netflix wurde nicht von Filmverleihern gegründet, sondern von einem Softwareentwickler. Spotify wurde ebenfalls nicht von der Musikindustrie ins Leben gerufen und auch die besten Elektroautos stammen nicht von der alteingesessenen Autoindustrie, sondern von Tesla

Genau so verhält es sich mit der Frauenpower und dem Sport. Die meist von grauen Herren dominierten Verbände sind zu starr und eingerostet um einer neuen Stossrichtung eine echte Chance zu geben. Leider.

Rousey wirft einen männlichen Sparringspartner auf die Bretter.
Rousey wirft einen männlichen Sparringspartner auf die Bretter.
Bild: Jae C. Hong/AP/KEYSTONE

Übrigens: Weisst du, weshalb Dana White noch vor wenigen Jahren so vehement gegen Frauen im Ring war? Er sei traumatisiert worden, als er zugesehen habe, wie ein Biest von einer Frau gegen eine Kämpferin antrat, die aussah, als habe sie vielleicht einmal ein paar Zumba-Klassen besucht. 

Es sei einer der einseitigsten und übelsten Kämpfe gewesen, die er je gesehen habe, berichtet der UFC-Präsident. Er habe sich geschworen so etwas nicht zuzulassen.

Dana White hat in einem Punkt Wort gehalten: Optische Ungleichheiten gibt es bei den Frauen in der UFC tatsächlich kaum. Dass die Kämpfe dadurch ausgeglichener wurden, stimmt hingegen nicht. Wenigstens, wenn Ronda Rousey im Oktagon steht. 

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