Gescheitert ist beim EV Zug das Management und nicht der Trainer
Manager Patrick Lengwiler (48) und sein Sportchef Reto Kläy (47) machten lange Zeit auf allen Ebenen alles richtig. So ist aus Zug ein Vorzeige-Unternehmen unseres Hockeys geworden. Eine formidable Infrastruktur, wirtschaftlich stabil, bestens in der lokalen Wirtschaft vernetzt. Der EV Zug ist zweimal Meister und zweimal Finalist geworden.
Das Problem: Seither wissen Lengwiler und Kläy, geadelt durch meisterlichen Ruhm, alles besser und der EVZ ist ein sportlicher Sorgenfall geworden. Immer noch bei weitem mit der Substanz zum Finalisten. Aber nicht mehr mit der sportlichen Führung zum Finalisten. Nicht die Boshaften fürchten sich vor den sportlichen Dämonen des SC Bern. Eher die Besorgten.
Lengwiler und Kläy haben nie richtig erkannt, dass sie im sportlichen Bereich in allererster Linie dank Dan Tangnes geworden sind, was sie heute sind. Der norwegische Meistertrainer hat mit seiner starken, charismatischen Persönlichkeit dieses Unternehmen geprägt wie nie mehr ein Trainer seit John Slettvoll in Lugano und Arno Del Curto in Davos.
Das Management, dem zu viel Geld zur Verfügung steht, hat in seiner Selbstüberschätzung und Arroganz das feine Gespür für sportliche Entwicklungen verloren. Der erste Kardinalfehler, für den Zug noch Jahre büssen muss: Die Auflösung des Farmteams ohne jede Not.
Dadurch geht der Organisation inzwischen die Möglichkeit verloren, die eigenen Talente im Erwachsenenhockey im eigenen Haus zu formen und in der hinteren Hälfte der Mannschaft für permanente Dynamik durch Konkurrenzkampf zu sorgen. Die eigenen Talente wechseln zur Konkurrenz und Talente müssen anderorts eingekauft werden. Die ZSC Lions erneuern ihr Team immer wieder durch das Farmteam.
Der zweite Kardinalfehler, der nun Michael Liniger den Job gekostet hat: Bei der «sportlichen Sanierung» im Sommer ist zwar das Problem – die ungenügenden Ausländer – erkannt worden. Aber aus nostalgischen Gründen ist Jan Kovar, der alternde Leitwolf nicht ersetzt worden. Wenn ganz oben in der Hierarchie ein Spieler steht, der seine Position nicht durch Leistung rechtfertigt, zerfällt das Team.
Trainer Liniger eine Chance zu geben, war kein Kardinalfehler. Er hat als Assistent von seinem «Lehrmeister» Tangnes viel gelernt und ist fähig, ein Profiteam zu führen. Aber er hätte eben nur eine Chance gehabt, wenn der Sportchef seine Hausaufgaben bei der Rekrutierung der Ausländer gemacht hätte.
Kommt dazu: Michael Liniger zum Trainer zu machen, war halt die einfachste Lösung und hat dem Sportchef die zeitintensive Suche nach einem grossen Trainer im letzten Frühjahr und Sommer erspart. Und es war erst noch eine Lösung im Sinne der Hockey-Romantik: Der Sportchef befördert den Kumpel aus dem gleichen ländlichen Dorf draussen in der Welt zum Trainer. Zwei aus Langnau, die es geschafft haben.
Eine schöne Geschichte. Zu schön, um wahr zu sein. Seit Anbeginn der Zeiten gilt: Ein Team mit grossen Namen und Egos braucht einen grossen Trainer. Oder wie die Nordamerikaner sagen: Die besten Pferde brauchen die besten Reiter.
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Die Bewunderung gilt aktuell der sportlichen Führung der ZSC Lions, die Marco Bayer durch alle Böden hindurch stützt. Kommt Schlendrian auf, sehen die Spieler hinter dem Trainer Sven Leuenberger und Peter Zahner auftauchen und sputen sich. Vor beiden haben sie einen Heidenrespekt. Hinter Michael Liniger stand in Zug der kluge Opportunist Reto Kläy. Vor ihm hat kein Spieler einen Heidenrespekt, schon gar nicht die Leitwölfe des Teams. So gesehen ist das Scheitern von Michael Liniger logisch. Nicht der Trainer, sondern der Sportchef und der Manager sind gescheitert.
Fehler gehören nun mal zu diesem unberechenbaren Spiel und auch im Manager- und Sportchefbüro kann die Unterlage hin und wieder rutschig sein. Lengwiler und Kläy mögen im Erfolg ein wenig den Boden unter den Füssen verloren haben, aber sie sind tüchtig, fleissig, kompetent, arbeiten viel und leben den EVZ.
Sie haben den Beistand der Hockeygötter nicht verloren und vielleicht haben sie ja mit der Wahl von Linigers Nachfolger Glück. Ja, es kann sehr wohl sein, dass Jan Kovar zu seinen Freunden bei einem Bierchen schon bald sagen wird: «Ach, hätten wir uns doch mehr angestrengt. Dann wäre der Michi noch da und wir hätten es schön …»
Benoît Groulx (57), in der KHL mit Traktor Tscheljabinks Finalist und dort im letzten November gefeuert, gilt als moderner, klar strukturierter Bandengeneral mit einem ruhigen, aber sehr bestimmten Auftreten. Einer, der die Kabine mit seiner Präsenz füllt und viel Wert auf Ordnung, Disziplin und Verantwortung legt. Seine Teams sind taktisch gut organisiert und defensiv stabil. Das wird Zugs Goalie Leonardo Genoni freuen.
Im Führungsstil ist Zugs neuer Trainer mehr fordernd als hart. Der Kanadier stellt hohe Ansprüche an Arbeitseinstellung und Professionalität, bleibt dabei aber sachlich und respektvoll. Spieler beschreiben ihn oft als fairen Kommunikator, der klare Rollen verteilt und Entscheidungen erklärt. Weich ist er nur bedingt – Nähe entsteht bei ihm über Vertrauen und Verlässlichkeit, nicht über «Kumpelhaftigkeit» wie bei Liniger.
Und nicht zu unterschätzen: Das legendäre Trainingszentrum OYM, dieses Disneyland der Askese und des Verzichts auf weltliche Genüsse, wird Zugs neuem Trainer behagen. Zumindest so lange, bis er merkt, dass es dort ja tatsächlich gar kein Bier gibt.
Mit Zug ist wieder zu rechnen und der EVZ muss kein nächster SCB werden. Entscheidend sind nicht die Fehler des sportlichen Managements, sondern die Korrektur dieser Fehler. Der Misserfolg der laufenden Saison dürfte das zarte, welke, fast verdorrte Pflänzchen der Demut in Zugs Chefetage wieder etwas grünen lassen.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
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