FCB-Transferchef Herrmann sagt, was der neue Trainer mitbringen muss
Schön, dass Sie Zeit für uns haben, aber sollten Sie nicht gerade eigentlich Gespräche mit potenziellen neuen Trainern führen?
Andreas Herrmann: Wir waren gut vorbereitet. Einen möglichen Kandidatenkreis haben wir immer auf einer Liste. Womit ich nicht sagen will, dass wir schon länger Zweifel an Stephan Lichtsteiner hatten. Wie bei Spielern betreiben wir auch bei Trainern jederzeit Scouting, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.
Wie kommt ein Trainer auf die FCB-Liste?
Durch Tipps, die man aus dem Netzwerk erhält. Durch Beobachtungen, die man selbst macht. Es ist ähnlich wie bei den Spielern, nur vielleicht weniger datengetrieben.
Steht der neue Trainer – wer auch immer es sein wird – auf dieser Liste? Oder haben auch Bewerber eine Chance, die sich proaktiv beim FC Basel melden?
Wir gehen Wunschkandidaten proaktiv an, haben aber auch die Bewerbungen zur Kenntnis genommen und gewisse Kandidaten diskutiert. Wobei es mich – ohne Namen zu nennen – schon überrascht hat, wer sich da mit welchen Gehaltsvorstellungen meldet.
Was muss der neue FCB-Trainer können?
Er sollte für einen proaktiven, dominanten Spielansatz stehen und junge Spieler fördern und entwickeln können. Ausserdem sollte er bei vorherigen Stationen nachgewiesen haben, dass er mit einem Klub überperformen oder ihn auf das nächste Level heben kann. Aufgrund der immer möglichen Umstrukturierung im Kader und der Unruhen neben dem Platz, die ein Klub wie der FCB einfach mit sich bringt, suchen wir zudem jemanden, der krisenresistent ist. Jemand, der mit der Wucht eines Klubs wie dem FC Basel umgehen kann und bereits Erfahrungen in schwierigen Situationen gesammelt hat. Zusammen wollen wir wieder ein Fundament legen, auf dem man aufbauen kann.
Welche Rolle spielt eine gute Kommunikation?
Für jeden Trainer im Fussball ist das ein sehr wichtiger Faktor. Eine klare Kommunikation ist etwas, was wir voraussetzen.
Darf der neue Trainer Ablöse kosten?
Eher nicht, nein. Wir schauen nach Trainern, die frei sind oder Klauseln in ihren laufenden Verträgen haben.
Wie weit ist die Suche – Stand Mittwoch, 15 Uhr – fortgeschritten?
Relativ weit. Wir sind in den finalen internen Gesprächen und müssen nur noch entscheiden, welcher Kandidat es wird. Der Ball liegt bei uns.
Wer fällt die Entscheidung? Sie oder David Degen?
Die Sportkommission, in der auch Chefscout Marko Filipovic und der sportliche Leiter Valentin Stocker sitzen. Wir diskutieren alles zusammen, tauschen uns permanent aus und legen die Rahmenbedingungen fest. Die Verhandlungen führe dann ich. David Degen nimmt sich aus dem Tagesgeschäft eigentlich komplett raus, wird aber gerne informiert und gibt Inputs. Aber deutlich weniger, als das in der Vergangenheit der Fall war, wie mir erzählt wurde. Die Entscheidungen fällen Marko, Valentin und ich.
Wann wird die Entscheidung verkündet?
Nach dem St. Gallen-Spiel gibt es noch drei Trainingstage. Im Anschluss hat die Mannschaft fünf Tage frei, ehe der neue Trainer seine Arbeit aufnehmen soll.
Bekommt der Neue erneut einen langfristigen Vertrag?
Wir wollen wirtschaftlich möglichst wenig Risiko eingehen. Die Vertragslänge spielt dabei keine so grosse Rolle, weil es meist Klauseln gibt, was im Fall einer vorzeitigen Trennung passiert.
Also hat der FCB nicht auf den Kauf eines neuen Stürmers verzichtet, weil er noch drei Cheftrainer bezahlen muss?
(Lacht) Diese Überlegung haben wir nicht gemacht.
Der Neue kommt aus dem Ausland. Warum macht eine Schweizer Lösung keinen Sinn?
Wir haben uns dem Schweizer Markt nicht verschlossen. Wir sind komplett offen für Kandidaten aus allen möglichen Ländern. Aber es ist schon korrekt, dass der Blick eher in Richtung Ausland geht.
Warum hat sich der FC Basel vor einer Woche von Stephan Lichtsteiner getrennt?
Die spielerische Entwicklung ist nicht so eingetreten, wie wir uns das erhofft hatten. Dadurch sahen wir unsere sportliche Entwicklung gefährdet. Durch die zwei Heimniederlagen kam zusätzlich eine gewisse Dynamik dazu, die uns das Gefühl gab, dass Energie aus der Mannschaft entweicht.
Wurde die Trainerdiskussion intern auch schon im Sommer geführt?
Nein. Wir wollten Stephan nach einer turbulenten Rückrunde eine komplette Vorbereitung geben und durch Transfers Qualität und eine neue Energie in die Mannschaft bringen.
Wie war Ihre erste offizielle Trainerentlassung?
Unangenehm und etwas, was ich natürlich nicht gerne gemacht habe. Es waren David Degen und ich, die Stephan am Mittwoch auf der Geschäftsstelle in einem relativ kurzen Gespräch die Nachricht überbracht haben.
Kommen wir zum zweiten Thema: der Transferbilanz. Wie fällt diese aus?
Gut. Wir sind zufrieden und haben einen ausgewogenen Kader, mit dem wir oben mitspielen wollen. Wichtige Verstärkungen konnten wir früh realisieren und befanden uns dann lange in einer Position, in der wir nur auf Abgänge reagieren mussten, die dann teilweise nicht wie geplant kamen.
Sie sprechen Philip Otele und Metinho an. Warum sind die beiden Wechselwilligen noch hier?
Beide hatten Angebote. Allerdings nicht zu den Konditionen, die wir uns vorstellen. Das haben wir mit beiden auch besprochen, als klar war, dass sie hierbleiben. Und dies haben sie auch beide verstanden.
Im Juli wurden noch ein Stürmer und ein Linksverteidiger versprochen. Warum wurden diese Verstärkungen nicht realisiert?
Im Sturm sind wir mit Zan Celar, Giacomo Koloto und Otele, der auch in der Spitze spielen kann, auch nach dem Abgang von Albian Ajeti gut besetzt. Wir hätten zwar die Möglichkeit gehabt, uns noch mit einem Stürmer zu verstärken. Doch für eine Nummer 3 haben wir über Preisdimensionen gesprochen, die im Vergleich zur möglichen Spielzeit keinen Sinn ergeben hätten.
War eine Rückholaktion von Arthur Cabral ein Thema?
Tatsächlich ja. Aber nur kurz, da schnell klar war, dass sich das wirtschaftlich nicht realisieren lässt. Botafogo hat ja vor einem Jahr noch 12 Millionen für ihn gezahlt.
Warum kam kein neuer Linksverteidiger?
Links waren Moussa Cissé und Coleen Louis vorgesehen. Nach der Knieverletzung von Louis erwies es sich als schwer absehbar, wie lange er fehlen würde. Als wir Klarheit hatten, dass er zur Länderspielpause wieder einsatzbereit sein sollte, haben wir von einer weiteren Verstärkung Abstand genommen.
Sollte mit Raoul Petretta nicht ein «ehemaliger Basler», wie Sie im Juli sagten, geholt werden?
Namen möchte ich an dieser Stelle keine bestätigen. Mit Coleen als Stammspieler, der bald wieder fit ist, und Moussa als Challenger sind wir gut aufgestellt. Zumal wir mit Clément Michelin am Deadline Day noch einen erfahrenen Spieler verpflichten konnten.
Der gemäss «Transfermarkt» aber erst zweimal als Linksverteidiger in einem Profispiel auflief.
Diese Statistik stimmt nicht. Er hat deutlich häufiger links gespielt, wurde auch während Spielen von der einen auf die andere Abwehrseite geschoben und sagte uns, dass er sogar lieber links spielt, weil er Situationen gerne nach innen auflöst.
War es keine Option, einem Nachwuchsspieler eine Chance als Backup-Aussenverteidiger zu geben?
Wir haben jederzeit mehrere Jungs aus dem Nachwuchs im Training dabei. Seit dieser Saison zum Beispiel Jean Doucouré und Noah Kakor. Auch Rechtsverteidiger Darren Okoh macht uns Spass und hat zuletzt ebenfalls mit der ersten Mannschaft trainiert. Auch Evann Senaya, der aktuell an Rapperswil-Jona verliehen ist, macht es gut. Aber für das, was von ihnen in der ersten Mannschaft erwartet wird, ist es noch einen Tick zu früh. Doch wir haben bewusst die Vertragslänge von Clément Michelin nur auf zwei Jahre beschränkt, damit wir keinen eigenen Spieler blockieren.
Was hat im Transferfenster sehr gut funktioniert?
Auf den Flügeln haben wir ein Luxusproblem, weil alle sofort funktioniert haben. Auch Aaron Malouda, der noch nicht so viel gespielt hat, scharrt mit den Hufen. Der Konkurrenzkampf und das Niveau sind hoch. Auch mit Akpe Victory und Zan Celar sind wir extrem zufrieden. Das waren auch Punkte, die für die Arbeit von Stephan Lichtsteiner gesprochen haben. Er hat diesen Spielern Vertrauen geschenkt.
Was hat nicht wie gewünscht funktioniert?
Wir hätten Spieler wie Dominik Schmid oder Andrin Hunziker gerne behalten, aber wenn die Spieler andere Chancen haben, muss man das respektieren, zumal wir wirtschaftlich unsere Grenzen haben.
Gab es eine finanzielle Vorgabe, wie viel Transferplus im Sommer erwirtschaftet werden muss? Aktuell steht der FCB bei rund 15 Millionen im Plus.
Nein. Der Klub steht wirtschaftlich solide da. Wir sind nicht dringend auf Verkäufe angewiesen.
Wer soll in Zukunft die Achse des FC Basel bilden?
Sicher Flavius Daniliuc, dem wir eine grössere Rolle zutrauen und der immer mehr Verantwortung übernimmt. Becir Omeragic, der auf der Sechs oder als Innenverteidiger eingesetzt werden kann. Zan Celar, der als 27-Jähriger sofort eingeschlagen hat. Auch Jonas Omlin und Mirko Salvi sollen den FCB in Zukunft führen. Und natürlich Xherdan Shaqiri.
Wie geht es mit ihm weiter?
Wir sind nach wie vor in sehr positiven und transparenten Gesprächen mit ihm und seinen Beratern. Ich gehe davon aus, dass wir vielleicht in den nächsten Wochen oder Monaten konkret etwas verkünden können.
Dass er in Luzern genauso viele Skorerpunkte verbucht wie in 23 Spielen unter Lichtsteiner, kann kein Zufall sein.
Er wurde ein Stück weit auch anders eingesetzt als vorher. Er war durch die Spieltaktik näher am gegnerischen Tor positioniert und damit in Räumen, wo er mehr kreieren und für Gefahr sorgen kann. Wenn die Wege zum Tor kürzer sind, kommt es seiner Spielweise entgegen.
Muss der FCB so spielen, dass Shaqiri glänzen kann, oder muss er unabhängiger von seinem Star werden?
Die Kunst ist es, beides zu schaffen. Shaq ist ein absoluter Unterschiedsspieler für uns, das ist klar. Aber es ist auch in unserem Sinn, wenn wir nicht komplett von ihm abhängig sind. Fussballerisch ist Shaq in der Liga unantastbar. Da lohnt es sich, ihn in gefährliche Zonen zu bringen. (schweizheute.ch)
