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YB-Sportchef Christhoph Spycher hofft auf die Honigtöpfe der CL-Gruppenphase.
YB-Sportchef Christhoph Spycher hofft auf die Honigtöpfe der CL-Gruppenphase.
Bild: KEYSTONE
Interview

Spycher: «Das ist mit normalem Menschenverstand nicht mehr zu begreifen»

YB-Sportchef Christoph Spycher spricht vor den Playoff-Spielen um den Einzug in die Champions League gegen Ferencvaros Budapest über Geld, persönliche Ambitionen und er erklärt, was ihn am Fussball-Business stört.
18.08.2021, 14:0218.08.2021, 14:05
etienne wuillemin / ch media

Christoph Spycher, die Young Boys spielen gegen Ferencvaros Budapest um die Champions League. Was entgegnen Sie Stimmen, die sagen: Die Qualifikation ist Pflicht?
Christoph Spycher: Es ist längst für keinen Schweizer Verein mehr Pflicht, in eine Gruppenphase der Champions League zu kommen. Ferencvaros ist ungarischer Meister, war schon vor einem Jahr in der Königsklasse. Ja, es ist ein Gegner, den wir besiegen wollen und können. Aber als Denkanstoss: In Ungarn ist auch nicht gerade Staatstrauer ausgebrochen, als sie das Los «YB» gesehen haben.

Vor einem Jahr scheiterte YB in der dritten Qualifikations-Runde zur Champions League am dänischen Vertreter Midtjylland. Welche Erfahrungen kann man daraus mitnehmen?
Die Ausgangslage ist nicht vergleichbar. Vor einem Jahr gab es kein Rückspiel wegen der Pandemie. Wir spielten in Dänemark, und 20 schlechte Minuten haben dazu geführt, dass wir ausgeschieden sind. Auch gegen Bratislava hatten wir nun 20 schlechte Minuten, und gegen Cluj ermöglichten wir dem Gegner zweimal ein frühes Tor – aber wir hatten die Möglichkeit zu reagieren. Und die Reaktionen waren stark. Nun braucht es abermals zwei Top-Leistungen.

Zwischen den beiden Playoff-Spielen muss YB in der Liga nicht antreten. Das Spiel gegen Lugano wurde verschoben, die Liga hat das Gesuch von YB gutgeheissen. Haben Sie das so erwartet?
Wir haben uns überlegt, aus sportlichen Gründen darum zu bitten. Nicht in der 2. oder 3. Qualifikationsrunde, aber jetzt im Playoff. Es geht schliesslich nicht nur für uns um sehr viel, sondern auch für den Schweizer Fussball. Punkte für den Koeffizienten, Prestige – wir haben eine Botschafter-Rolle. Und es geht auch um Geld für die anderen Schweizer Vereine. Der Solidaritätsbeitrag ist eine schöne Summe, im Jahr 2018/19 bei unserer letzten Champions-League-Teilnahme waren es etwa 500'000 bis 600'000 Franken pro Schweizer Verein, der nicht in einer Gruppenphase war. Nun wären es aller Voraussicht nach nochmals bis zur Hälfte mehr. Gleichwohl verstehe ich, dass es auch kritische Stimmen gab.

YB würde mit der Champions League mindestens 25 Millionen Franken einnehmen – ohne Ticketverkäufe. Können Sie das vor diesem Playoff ausblenden?
Ja, das steht überhaupt nicht im Vordergrund. Das war schon 2018 so, ich freute mich für Team und Trainer, weil ich weiss, was es ihnen bedeutet. Aber wenn wir als Verein mit der Champions League planen würden, hätten wir einiges falsch gemacht. Logisch ist aber auch, dass uns gewisse Dinge in der Zukunft erleichtert würden wegen dem Geld, das die Champions League garantieren würde.

Wie steht es um den Schweizer Fussball in Europa?
Nicht gut. Wir müssen dringend Resultate liefern. Lange qualifizierten sich fünf Schweizer Mannschaften für Europa. Das bedeutete dann eben auch, dass die errungenen Punkte durch fünf geteilt wurden. Jetzt wird immerhin nur noch durch vier geteilt. Das gibt uns die Möglichkeit, mehr Punkte zu gewinnen. Schade, sind nicht drei Schweizer Vereine in einer Gruppenphase.

Wie kommt die Schweiz aus dem Tief heraus?
Es wird nicht einfach. Denn eines ist klar: Heutzutage gibt es Länder, die zahlen Saläre, die sind jenseits von Gut und Böse – und der Schweiz schon längst entrückt. Belgien ist so ein Beispiel. Auch mit den tschechischen Spitzenvereinen können wir nicht mithalten. Serbien ist ein weiteres Beispiel, dort können einige Vereine aus steuerlichen Gründen Pakete anbieten, von denen wir weit entfernt sind. Ein Spieler, der bei Roter Stern Belgrad 10'000 Euro Netto verdient, kostet den Verein 12'000 Euro – bei uns wären es über 20'000 Euro mit allen Dingen, die dazukommen. Es ist eine Situation, die dazu führt, dass es Spieler gibt, die früher in die Schweiz gekommen wären, heute anderswo landen.

Volle Konzentration bei YB auf die bevorstehende Aufgabe.
Volle Konzentration bei YB auf die bevorstehende Aufgabe.
Bild: keystone

Hat die Schweiz den Anschluss definitiv verpasst, oder wird sich das wieder ändern?
Es ist unrealistisch zu hoffen, dass sich die Vermarktungsgelder in der Schweizer verdreifachen werden. Sie gehen eher noch zurück. Darum bleibt nur der Ansatz, noch klarer auf die Nachwuchsförderung zu setzen. Bedingungen schaffen, unter denen die Jungen konstant gute Leistungen bringen können.

Welchen Einfluss hatte die Pandemie?
Es war ein tiefer Einschnitt für alle. Nicht nur für den Fussball, für viele Geschäftsfelder.

Wie sehr hat YB unter Corona gelitten?
Der Umsatz ist 2020 um 33 Millionen Franken gesunken gegenüber dem Vorjahr. Als ich diese Zahl zum ersten Mal hörte, dachte ich schon: Wahnsinn. Dass es so krass werden würde, hätte ich anfangs der Pandemie nie gedacht. Die Zahl ist massiv, tut sehr weh, aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Weil wir viele Massnahmen trafen, um die Ausgaben zu senken. Und weil wir vom Bund Hilfsgelder beziehen konnten. Der Jahresverlust betrug am Ende fünf Millionen Franken, das können wir verschmerzen, weil wir gute Jahre hatten zuvor. Weil wir immer sagten: Wir wollen nicht überborden, sondern das Geld auf die Seite legen, wenn einmal schlechte Jahre kommen. Dementsprechend können wir unseren Weg weitergehen.

Welche Bedingungen muss YB bezüglich Lohnkosten erfüllen in den nächsten fünf Jahren?
Die Fixlöhne dürfen in den nächsten fünf Jahren nicht steigen. Aber wir müssen sie auch nicht senken. Das macht Sinn, weil wir in den letzten Jahren trotz steigendem Erfolg die Fixlöhne stetig reduziert haben. Nun sind wir auf einem Level angekommen, wo wir sagen müssen: Weiter runter gehen können wir nicht, sonst müssen wir uns aus dem Titelkampf verabschieden.

Die YB-Pressekonferenz vor dem Ferencvaros-Hinspiel.

Sie erwähnen den Titelkampf – erwarten Sie in dieser Saison in der Schweiz wieder ein echtes Duell?
Wir haben unseren Spielern klar gesagt: Eine Saison wie die letzte wird es nie mehr geben. Wir waren extrem konstant. Und die Konkurrenz hatte Probleme. Die ersten Spiele haben gezeigt, dass unsere Konkurrenz einen Schritt nach vorne gemacht hat. Wir müssen unsere Pace hochhalten, wir sind nach drei Meisterschaftsrunden und vier Punkten weit davon entfernt, in Panik zu verfallen. Aber natürlich sind wir genauso wenig euphorisiert.

Fünf Punkte beträgt der Rückstand nach drei Spielen auf den FCB bereits, Ende August kommt es zum Direktduell in Basel. Einen solchen Druck verspürte YB lange nicht mehr.
Letzte Saison nicht, nein. Aber in der vorletzten gab es das Rennen mit St.Gallen, als wir uns erst kurz vor Schluss absetzten. Nun hat die Konkurrenz in Basel und Zürich bis anhin überzeugt, das ist positiv für den Schweizer Fussball.

Sind Sie überrascht, wie schnell die Wende von Chaos zur Ruhe in Basel gelungen ist?
Das ist die spezielle Eigenheit des Fussballs. Das haben wir in Bern ja zur Genüge erlebt. Der Fussball ist so ein emotionales Geschäft, es geht so schnell hoch, aber auch wieder runter. Darum ist auch eine der grössten Schwierigkeiten, sachliche Analysen vorzunehmen und sich nicht von den Emotionen leiten zu lassen.

Sie sind nun fast fünf Jahre Sportchef bei den Young Boys. Immer mal wieder wecken Sie Interesse im Geschäft. Der Schweizer Fussball Verband hätte Sie gerne als Nati-Direktor verpflichtet. Eintracht Frankfurt hätte Sie gerne als Sport-Direktor gehabt. Haben Sie noch nie gedacht: Was will ich noch erreichen mit YB?
Es ist kein Geheimnis, dass es schon Interessen an mir gab. Aber dazu äussere ich mich öffentlich nicht. Was ich sagen kann: Ich erwarte von meinen Spielern, dass sie Verträge erfüllen. Also bin ich der letzte, der davonläuft und meinen eigenen Kontrakt bricht (er läuft bis Ende 2022, d.Red). Dazu kommt: YB bedeutet mir sehr viel, ich kann mit tollen Menschen zusammenarbeiten. Ich habe sehr viele Kompetenzen, ich kann so arbeiten, wie ich möchte, da habe ich klare Vorstellungen. Gleichwohl kann ich nicht sagen, wie meine Zukunft auf Jahre hinaus aussieht. Es wird sich zeigen, was mich in drei, fünf oder zehn Jahren reizt. Das ist etwas, was ich rasch gelernt habe: In unserer schnelllebigen Welt kann man nie wissen. Und ich nehme mir das Privileg raus und sage: Ich mache das, worauf ich Lust habe.

Aktuell fokussiert sich Spycher voll und ganz auf seine Aufgaben bei YB.
Aktuell fokussiert sich Spycher voll und ganz auf seine Aufgaben bei YB.
Bild: KEYSTONE

Sie haben 2017 mal gesagt: «Es müssen sich einige Dinge ändern, sonst arbeite ich mich kaputt». Gibt es noch Momente, wo Sie aufpassen müssen, sich nicht zu überlupfen?
Das ist in jeder Führungsfunktion ein Dauerthema. Und nie abgeschlossen. Der Fussball ist so ein emotionales und dynamisches Feld, da ist Planung schwierig. Es ist ein Tages-Geschäft. Man kann einige Dinge aufgleisen, oder versuchen, Verantwortung abzugeben. Aber wenn es brennt, oder wenn es Entscheide zu treffen gilt, muss ich selbst da sein. Dann kann ich nicht einfach sagen: Ich bin mal zwei Wochen in den Ferien. Und dann würde ich auch noch gerne eine längere Reise machen. Das geht nicht. Und mit Corona ist noch einmal eine riesige Last an Arbeit dazugekommen. Trotzdem gilt: Ich fühle mich wohl bei YB. Und habe ein Arbeitsumfeld, das für mich stimmt.

Wann kann sich Christoph Spycher einmal erholen?
Ich habe immer eine sehr schöne Zeit mit der Familie über Silvester, das hat sich bewährt. Im Sommer ist es schwierig, das ist klar. Nach der Transferzeit kann ich wohl im Herbst einige Tage freinehmen. Vor zwei Jahren waren wir in Florida, das war sehr schön. Eine gewisse Flexibilität braucht es einfach, das ist klar, seit Corona sowieso.

Schlussfrage: Was halten Sie vom neuen Nationaltrainer Murat Yakin?
Er ist eine spannende Wahl. Was er sicher hat: Er ist taktisch unglaublich gut, kann Gegner sehr gut lesen und die eigene Mannschaft gut darauf einstellen. Wichtig scheint mir – aus reiner Aussensicht betrachtet – die eigene Identifikation mit der Nati. Da ist Murat mit seiner Erfahrung als ehemaliger Nati-Spieler eine gute Wahl. Die Identifikation mit dem Team war ja eine Dauerdebatte rund um die Nati, bis zum Frankreich-Spiel im EM-Achtelfinal. Ich habe mich sehr gefreut für die Nati und die Schweiz über den Erfolg. Andererseits war es für mich befremdend, zu sehen, wie einige Spieler zunächst beinahe zu Ländesverrätern gemacht und dann innert kürzester Zeit zu Helden stilisiert wurden. Das ist mit normalem Menschenverstand nicht mehr zu begreifen. Ja, der Fussball lebt in den Extremen. Aber sie werden immer noch grösser.

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quelle: keystone / thomas hodel
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