«Selten schmerzfrei»: Dieser Schweizer Kickboxer folgt den Spuren von Andy Hug
20.50 Uhr im «David Gym Zürich West» in Schlieren: «Ich bin sofort bei dir», sagt Fabian Lorito noch während einer seiner letzten Kraftübungen für diesen Abend. Er meint damit den vereinbarten Interview-Termin. Zehn Minuten früher als ausgemacht, beendet er sein Training, um in einer gemütlichen Lounge neben einem Box-Ring über den grössten Kampf seiner bisherigen Karriere zu sprechen.
Lorito darf am Samstag in Tokio einen K1-Kampf bestreiten. Die traditionsreichste und bedeutendste Plattform im internationalen Kickboxen. Die Vorfreude ist dem 25-Jährigen aus Möriken anzumerken. «Es ist eine riesige Chance, mich auf einer solch grossen Bühne zeigen zu können. Ich kann es kaum erwarten.»
K1-Kampf? Das wird bei vielen, die den Schweizer Sport verfolgen, einen Namen hervorrufen: Andy Hug. Einer der grössten Schweizer Sportler aller Zeiten feierte seine grössten Erfolge in Tokio. Der Aargauer gewann 1996 den K1-Grand-Prix, prägte eine ganze Generation und machte die Schweiz im internationalen Kickboxen sichtbar.
Hug, der im August 2000 mit nur 35 Jahren an Leukämie starb, war über das Kickboxen hinaus mit Japan verbunden. Er wurde von den Einheimischen als absoluter Superstar gefeiert und identifizierte sich wie kein Zweiter mit dem Land, in dem er seine grössten Erfolge feierte.
Neue Schweizer Kickbox-Hoffnung
Ist es für Lorito überhaupt möglich in solch grosse Fussstapfen zu treten? Max Kern, ehemaliger «Blick»-Journalist, begleitete Andy Hug eng und schätzt ein: «Er müsste nicht nur alles gewinnen, sondern auch noch gut bei den Menschen ankommen. Andy war sehr sympathisch und in Japan ein Volksheld!» Die Schweizer Flagge könne aber in Japan aufgrund des Vermächtnisses von Hug ein Türöffner sein, meint Kern.
Heute richtet sich der Blick auf eine neue Generation. Allen voran auf Fabian Lorito, der als aufstrebende Schweizer Kickbox-Hoffnung gilt. Drei Monate alt war Lorito, als Hug aus dem Leben schied. Der aus Sizilien stammende Italiener wird in Tokio unter anderem aufgrund der grossen Vergangenheit von Andy Hug für die Schweiz kämpfen.
«Ich werde das erste Mal nach Tokio reisen und hoffe, dass es nicht das letzte Mal sein wird», sagt Lorito. Die Verantwortung, dass der Kampf in Tokio kein einmaliges Erlebnis bleibt, liegt beim Aargauer selbst. «Wenn ich einen guten Kampf abliefere, werde ich ganz sicher wieder eingeladen. Vielleicht sogar unter Vertrag genommen.»
Job aufgegeben um Traum zu realisieren
Lorito, der in Neuenhof aufgewachsen ist, gehört zu einem sehr kleinen Kreis von nun nur vier Schweizer Athleten, die überhaupt im K1 in Japan kämpfen durften. «Um es mit dem Fussball zu vergleichen: Ich bin jetzt in der Champions League des Kickboxens.»
Der gelernte Automobilfachmann will nicht nur dabei sein, sondern die Weltspitze erklimmen. Für dieses Ziel ist die aktuelle Weltnummer zehn seiner Gewichtsklasse bereit, alles auf eine Karte zu setzen: «Vor zehn Monaten habe ich meinen Job gekündigt und kann dank meinen Sponsoren diesen Weg einschlagen und meinen Traum verfolgen.»
Die Platzierung hat er sich mit diversen Erfolgen erkämpft. Unter anderem wurde er Weltmeister und Europameister des Amateur-Weltverbandes WAKO. Damit gehört Lorito zwar (noch) nicht auf das Level der absoluten Champions, er ist aber ein ernst zu nehmender Name im Kickboxen.
Zum Vergleich: Andy Hug war bereits mit 22 Jahren zum ersten Mal Europameister, konnte aber nie einen Weltmeister-Titel gewinnen. Ausserdem war er 1993 bei seinem ersten K1-Kampf drei Jahre älter als Lorito heute. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die K1-Kämpfe erst 1993 ihre Premiere feierten.
Harter Brocken aus Deutschland als Gegner
Einen weiteren Schritt in Hugs Spuren und auf dem Weg in Richtung Weltspitze will Lorito nun in Tokio gehen. Er wird gegen den Deutschen Lukas Achterberg im Yoyogi National Gymnasium vor rund 4000 Zuschauern in den Ring steigen und versuchen, seine Spuren auf der internationalen Kickbox-Bühne zu hinterlassen.
Der 29-jährige Achterberg ist zwei Meter gross und gewann in seiner Karriere 18 von 19 Kämpfen. Davon neun durch K.o. seiner Gegner. Anfang Februar gewann der Deutsche das K1-World-Championship-Turnier in Tokio und empfahl sich dadurch für den Kampf vom Samstag. Lorito kämpft zum ersten Mal gegen Achterberg und wird ihn daher anhand von Youtube-Videos analysieren.
Die Erkenntnisse aus diesen Analysen trainiert Lorito im eingangs erwähnten «David Gym Zürich West» in Schlieren. Ein Fitness-Studio wie man es kennt, mit Laufbändern und verschiedenen Sport-Geräten. Anders als in anderen Studios sticht einem aber nur wenige Meter nach dem Eingang ein Box-Ring ins Auge.
Hier trainiert Lorito mit seinem Trainer Daniel Stefanovski, den er als Türöffner seiner Karriere bezeichnet: «Bei ihm habe ich meinen Durchbruch geschafft», sagt Lorito. «Er hat das Training auf mich angepasst und hat einen grossen Anteil an meinem Weg.»
Im gleichen Atemzug nennt Lorito aber auch seine Familie. Er sei zum einen glücklich über die Unterstützung seines Vaters, verstehe aber auch die Sorgen um seine Gesundheit seitens der Mutter: «Es gibt selten Tage, an denen ich aufstehe und nichts schmerzt. Aber das gehört dazu und härtet ab. Aufhören war nie eine Option.»
Die Sportart zu wechseln sei schon eher eine Möglichkeit: «Sollte es aus irgendwelchen Gründen im Kickboxen sportlich oder auch finanziell nicht funktionieren, könnte ich mir das vorstellen.» Lorito spricht vom Boxen oder MMA, fügt aber sofort an, dass dies der Plan B sei und der Fokus einzig dem Kickboxen gelte.
Andy Hug hat Massstäbe gesetzt, die bis heute Gültigkeit haben und die schwer zu erreichen sind. Seine Erfolge und seine Ausstrahlung machen ihn zu einer prägenden Figur im Kampfsport. Fabian Lorito seinerseits will sich Schritt für Schritt an die Weltspitze kämpfen und somit seine eigene Erfolgsgeschichte schreiben. Die Möglichkeit für das nächste Kapitel bietet sich ihm am Samstag in Tokio. (aargauerzeitung.ch)
