Weshalb man die UEFA für den FIFA-Boykott nicht nur feiern sollte
Jetzt wissen wir also, wo die Grenze für die europäischen Fussballverbände liegt. Weil die FIFA den Verkauf eines Teils der Rechte an Weltmeisterschaften an private Investoren plant, beschliesst die UEFA einen Boykott aller vom Weltfussballverband organisierten Wettbewerbe.
Es ist ein folgerichtiger und konsequenter Entscheid. Die Pläne der FIFA und von Präsident Gianni Infantino waren unerhört und hätten dem Fussball weiteren Schaden zugefügt, damit reiche Geldgeber sich zusätzlich bereichern können. Dementsprechend gross sind der Zuspruch und die Freude über den UEFA-Entscheid auch bei den Fans.
Es darf aber nicht einfach so zugelassen werden, dass sich der europäische Kontinentalverband nun als Bewahrer des echten Fussballs gibt. Der Verdacht liegt nahe, dass finanzielle Interessen beim grossen Widerstand gegen die Bündelung der WM-Rechte in einem Unternehmen, das in den Händen der FIFA, der nationalen Verbände und privater Investoren liegen würde, eine Rolle spielen. Das geht der UEFA nun zu weit.
Die vielen Toten beim Bau der Stadien für die WM 2022 in Katar, dem zudem zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden, waren wohl ein zu kleines Problem für eine solche Reaktion. Kritik am FIFA-Friedenspreis, den Infantino seinem Freund und US-Präsidenten Donald Trump zuschanzte, gab es auch kaum. Als FIFA-Präsident Infantino alle Hebel in Bewegung setzte, um den Weg für eine WM 2034 in Saudi-Arabien freizumachen, nickten die meisten europäischen Verbände das ebenfalls einfach ab.
Echten Widerstand gab es vor dem nun beschlossenen Boykott nur nach der Begnadigung von US-Stürmer Folarin Balogun für den WM-Achtelfinal – Gegner war dort in Belgien ein europäisches Nationalteam. Doch jetzt habe die FIFA um Präsident Infantino eben endgültig eine Grenze überschritten.
Die Begründung der UEFA lese sich wie ein «Fanmanifest des Fussballs», heisst es in einem treffenden Kommentar des Spiegel. Der europäische Verband spiele sich als «Sachwalter der Faninteressen» auf. Und das ist nicht ohne Ironie.
In ihrem Statement schreibt die UEFA: «In dem Moment, in dem externe Geldgeber Anteile an FIFA-Wettbewerben erlangen, wird der Fussball für immer verändert.» Die Erwartungen der Investoren würden täglich für Druck sorgen und sämtliche Entscheidungen zur Zukunft des Fussballs beeinflussen. Die Argumente des Kontinentalverbands klingen dabei tatsächlich wie diejenigen von Fanorganisationen, die damit auch die UEFA regelmässig kritisieren.
Längst werden die UEFA-Wettbewerbe wie die Champions League unter anderem von Teams dominiert, die Herrscherfamilien aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien sowie reichen Geldgebern aus Katar oder den USA gehören. PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi gehört dem Exekutivkomitee der UEFA an und ist einer der mächtigsten Männer im europäischen Fussball. Investoren spielen dort längst eine riesige Rolle und beeinflussen auch die Entscheide der UEFA wie die Erweiterung der Champions League, die aufgrund der grösseren Belastung auch von Spielerseite kritisiert wurde.
Wenn die UEFA nun also zu Recht den Einfluss von Investoren im Fussball anprangert und klarstellt, dass das FIFA-Modell keinen Platz im Weltfussball habe, darf man zwei Dinge nicht vergessen:
- Bisher liess die UEFA die FIFA bei all ihrem Gebaren einfach gewähren.
- In der UEFA und im europäischen Fussball haben private Investoren schon längst grosse Macht und Einfluss auf die Zukunft des Sports.
So schön es zu sehen ist, dass der FIFA endlich mal jemand ordentlich auf die Finger haut und sich mit aller Macht gegen den weiteren Ausverkauf des Fussballs stellt, wirken die Argumente der UEFA mit Blick auf Champions League und Co. auch etwas heuchlerisch.
