Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
LUCERNE, SWITZERLAND - JUNE 03: Coach Ottmar Hitzfeld of Switzerland controls the ball during the international friendly match between Switzerland and Peru at Swissporarena on June 3, 2014 in Lucerne, Switzerland. (Photo by Philipp Schmidli/Bongarts/Getty Images)

Bild: Bongarts

Interview mit Ottmar Hitzfeld

«Wir hatten vor vier Jahren mehr Strömungen. Jetzt gibt es nicht einen Spieler, der von der Gruppe nicht voll akzeptiert ist»

Ottmar Hitzfeld startet in sein letztes, grosses Abenteuer. Im Interview mit der Sportinformation verrät der scheidende Nati-Trainer, welche Lehren er aus der misslungenen WM-Kampagne 2010 gezogen und wie sich das Innenleben des Teams seither verändert hat.

Ottmar Hitzfeld, Sie stehen vor Ihrer letzten grossen Aufgabe als Trainer. Was bedeutet es Ihnen, dass die letzte Herausforderung im Fussballland Brasilien wartet?
Brasilien ist für mich das Ursprungsland des Fussballs. Brasilien steht für perfekten Fussball und für Spielkunst. Pelé war für meine Generation noch spezieller gewesen als es Lionel Messi heute ist. Er war der erste grosse Weltstar des Fussballs. In diesem Land besitzt der Fussball einen enorm hohen Stellenwert. Am Strand spielen die Brasilianer den ganzen Tag Fussball, bis spät am Abend. Deshalb besitzt diese zweite WM-Teilnahme nochmals eine ganz andere Dimension als die WM vor vier Jahren in Südafrika.

Spüren Sie bei der Mannschaft eine ähnliche Begeisterung für Brasilien?
Ich spüre einen zusätzlichen Kick bei den Spielern. Ich habe das schon früher erlebt, als ich als Trainer von Aarau, GC oder Dortmund Trainingslager in Brasilien durchgeführt habe. Für die Spieler war damals jedes Testspiel gegen einheimische Teams etwas Spezielles.

People play soccer at Ipanema beach in Rio de Janeiro June 4, 2014. Rio de Janeiro is one of the host cities for the 2014 soccer World Cup in Brazil.   REUTERS/Sergio Moraes (BRAZIL - Tags: SPORT SOCCER WORLD CUP TRAVEL)

In Brasilien will Hitzfeld mit der Nati Geschichte schreiben. Bild: REUTERS

Eine WM in Südamerika war für die Europäer bisher aber noch nie ein Erfolg.
Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass ein südamerikanisches Team Weltmeister wird. Sie haben auf ihrem Kontinent Vorteile, denn sie fühlen sich hier zuhause, sie haben viele Fans, sie kennen die Sprache und sie sind sich an das Klima gewöhnt. Brasilien ist der grosse Favorit, dann kommt Argentinien. Die Europäer werden Mühe haben mit dem Klima. Das hat man vor einem Jahr am Confederations Cup gesehen, als die Spanier und Italiener von Wadenkrämpfen geplagt wurden. Das sind Probleme, die man in Europa fast nicht mehr sieht.

Es geht los: Abflug nach Brasilien

Nach einer Trainingswoche in Weggis, zwei Testspielen in Luzern und zuletzt zwei freien Tagen mündet die WM-Vorbereitung der Schweizer Nationalmannschaft am Freitag in die entscheidende Phase. Am Abend um 22.40 Uhr hebt der Swiss-Flug LX 092 mit der SFV-Delegation an Board in Richtung WM-Land Brasilien ab.

Wenige Stunden zuvor verabschiedet sich die Mannschaft im Zürcher Letzigrund von den Fans mit einer Art Showtraining (ab 16.30 Uhr). Die Stadiontore sind für jedermann offen.

Die Mannschaft wird am Samstagnachmittag nach einer über 20-stündigen Reise und nach einem mehrstündigen Aufenthalt in São Paulo in ihrem Quartier in Porto Seguro an der Atlantikküste erwartet. Der Touristenort liegt rund 800 km Luftlinie nördlich von Rio de Janeiro. (si)



Und die Schweiz muss ausgerechnet schon in der Vorrunde gegen zwei Teams aus Lateinamerika antreten.
Deshalb haben wir zwei Testspiele gegen Jamaika und Peru absolviert. Um zu sehen, dass dort ein anderer Fussball gespielt wird. Einer voller Emotionen. In Honduras und Ecuador werden die Spieler vom Staatspräsidenten empfangen, sie müssen sogar einen Eid sprechen. Das wird eine gewaltige mentale Herausforderung für uns, denn diese Gegner sind voller Kraft und Energie. Sie sind teilweise auch ungestüm und machen deshalb Fehler. Aber man muss aufpassen, sonst wird man von dieser ungestümen Art überrollt. Darüber habe ich mit der Mannschaft schon am ersten Tag der Vorbereitung in meiner Antrittsrede gesprochen.

Eine WM in Brasilien stellt auch medizinisch eine Herausforderung dar.
Die Regeneration wird ein wichtiges Thema sein, vielleicht sogar ein ganz entscheidendes. In Manaus (die Schweiz spielt dort am 25. Juni gegen Honduras ihr letztes Gruppenspiel – Anm. d. Red.) ist der Flüssigkeitsverlust fünfmal so gross wie bei einem normalen Spiel. In 90 Minuten verliert man etwa anderthalb Kilos. In Manaus aber ist man schon in der Pause leer, weil man in 45 Minuten gegen drei Kilos verliert. So viel kann man eigentlich gar nicht zu sich nehmen, um das zu kompensieren. An dieser Frage arbeiten unsere Sportwissenschaftler, Markus Tschopp und die Ärzte, schon seit wir wissen, dass wir in Manaus spielen werden.

Switzerland's German coach Ottmar Hitzfeld reacts during a friendly football match between Switzerland and Peru on June 3, 2014 in Lucerne, ahead of the upcoming FIFA World Cup 2014.  AFP PHOTO / FABRICE COFFRINI

Hitzfeld gibt den Takt vor. Bild: AFP

In Brasilien endet nicht nur Ihr sechsjähriges Engagement als Schweizer Nationalcoach, sondern auch Ihre Karriere als Trainer. Wie ordnen Sie Ihre letzte Trainerstation ein?
Nationaltrainer der Schweiz zu sein hat meine Träume erfüllt. Meine ersten grossen Spiele, die ich mit meinem Vater besucht habe, waren die Spiele des FC Basel und der Schweizer Nationalmannschaft. Ich war immer ein Fan der Nati. Jetzt als Trainer ist es für mich jedes Mal ein Erlebnis, wenn die Schweizer Hymne gespielt wird. Dann spüre ich, dass ich dieses Land repräsentiere. Diese sechs Jahre waren ein spezieller Lebensabschnitt. Es ist umso schöner, diesen ausgerechnet in Brasilien abzuschliessen.

Keine Angst vor der Aussicht, dass das Ganze sehr wahrscheinlich irgendwann mit einer Niederlage endet?
Ich denke noch nicht daran, dass ich mit einer Niederlage aufhören könnte. Der Fokus liegt auf der Gruppenphase. Sie ist unsere grosse Hürde. Darin wird die ganze Kraft investiert. Wenn wir die Gruppe überstehen, haben wir ein grosses Ziel erreicht. Und wenn wir in den Achtelfinals stehen, sind immer die anderen die Favoriten, dann haben wir nichts mehr zu verlieren und können Geschichte schreiben.

Vor vier Jahren hat die Schweiz die Achtelfinals verpasst. Was spricht dafür, dass es diesmal anders wird?
Unsere Stärken sind die taktische Disziplin auf der einen und die Kreativität in der Offensive auf der anderen Seite. Dann stimmt die Mischung im Team. Wir haben viele erfahrene Spieler, die aber nicht zu alt sind. Und wir haben den absoluten Teamspirit als grosses Plus. In diesem Team akzeptiert jeder den anderen.

Hat sich dieser Spirit entwickelt oder haben Sie die Gruppe von Beginn an so zusammengestellt, dass er stimmt?
Es ist nicht so, dass das einfach eine Supertruppe ist, die sich mag. Am Teamspirit muss man immer arbeiten. Nur so erreicht man, dass Respekt und Disziplin da sind. Als Trainer muss ich auch immer wieder soziale Basisarbeit leisten, weil wir manchmal zwei oder drei Monate Pause haben. Gerade jetzt während der WM ist Sozialkompetenz gefragt. Wenn man sechs Wochen zusammen ist, kann die Gruppe nur funktionieren, wenn Disziplin von allen gelebt wird.

03.06.2014; Luzern; Fussball - Schweiz - Peru; Teamfoto Schweiz o.l mit Stephan Lichtsteiner, Ricardo Rodriguez, Salon Behrami, Fabian Schaer, Granit Dhaka und Diego Benaglio u.l mit Goekhan Inler, Admir Mehmedi, Steve von Bergen, Josip Drmic und Valentin Stocker (SUI) (Valeriano Di Domenico/freshfocus)

Der Teamgeist stimmt, Brasilien kann kommen. Bild: Valeriano Di Domenico/freshfocus

Bildet diese Mannschaft eine grössere Einheit als die WM-Mannschaft von 2010?
Wir hatten vor vier Jahren mehr Strömungen. Das strahlte aus. Jetzt gibt es nicht einen Spieler, der von der Gruppe nicht voll akzeptiert ist. Die Typen in der heutigen Mannschaft sind offen und locker. Es herrscht auch dank den Spielern mit Migrationshintergrund eine andere Mentalität. Die Jungen bringen mehr Spass rein.

2010 war das Team in der Vorbereitung auch mehr abgeschottet.
Das war halt eine andere Generation. Deshalb hatten wir uns generell etwas zurückgezogen. Diesmal haben wir in Weggis bewusst mehr Volksnähe gesucht, weil die vielen Jungen sich freuen, wenn etwas Trubel herrscht.

Geben Sie der Mannschaft ganz bewusst mehr Freiheit?
Die Spieler haben mehr Freiräume, aber sie können trotzdem nicht machen, was sie wollen. Die Regeln, die es einzuhalten gilt, sind immer die gleichen. Die Mannschaft zeigt in Bezug auf diese Teamregeln viel Solidarität. Aber wie gesagt: Wir haben uns im Vergleich zur WM 2010 etwas mehr geöffnet. In Südafrika wohnten wir etwas im Abseits. Im Nachhinein muss man sagen, dass der Standort des Hotels nicht ideal war. In Brasilien sind wir in einem Hotel am Meer. Die Spieler haben Auslauf. Sie können an den Strand gehen oder auch mal ausserhalb des Hotel-Resorts einen Kaffee trinken. Es ist wichtig, dass man zwischendurch den Kopf leeren kann. In Südafrika waren wir zu isoliert. (pre/si)

Das könnte dich auch interessieren:

«So sehen Depressionen aus» – Facebookpost einer jungen Frau geht viral

Link zum Artikel

Kann Basel YB wieder gefährlich werden? Alle Transfers der Super League im Überblick

Link zum Artikel

Mehr Spass! Hier kommen die 24 lustigsten Fails, die das Internet gerade zu bieten hat

Link zum Artikel

Kommen Sie, kommen Sie! PICDUMP!

Link zum Artikel

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

YB-Sportchef Spycher warnt: «In den letzten zwei Jahren haben wir überperformt»

Christoph Spycher hat bei YB die Quadratur des Kreises geschafft. Das Team ist günstiger, jünger und trotzdem erfolgreicher als früher.

Kurze Hosen und Poloshirt – Freizeitlook. Aber Christoph Spycher, 41, seit bald drei Jahren Sportchef bei Meister YB, ist nicht der Typ Sunnyboy, der unbekümmert durchs Leben geht. Spycher war nie ein «Plagöri», sondern schon als Spieler ernsthaft und arbeitsam. Alles andere würde auch nicht zu seiner Biografie passen. Nie in einer Juniorennationalmannschaft gespielt, spät erst Profi geworden, weil er das Gymnasium abschliessen wollte. Er bestellt ein Chinotto und sagt: «Legen Sie los.»

Wann …

Artikel lesen
Link zum Artikel