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Influencer Joung Gustav wird politisch – Migros beendet Zusammenarbeit

Influencer Joung Gustav wird politisch – Migros beendet Zusammenarbeit

Joung Gustav ist einer der bekanntesten Schweizer Influencer. Bekannt geworden durch seine Unterhaltungsvideos, sorgen seine Inhalte auf dem Zweitkanal plötzlich für Stirnrunzeln. Und seine politischen Meinungsäusserungen empören die Migros.
13.02.2026, 10:2013.02.2026, 10:20
vera leuenberger, jens blattner / ch media

Der ausgewaschene Hoodie, die Mütze verkehrt herum aufgesetzt – mit seinem jugendlichen Aussehen wirkt er so gar nicht wie ein Politiker. Sein Rednerpult ist der Schreibtisch, statt in ein Mikrofon spricht er in ein Handy, sein Publikum sitzt nicht im Nationalratssaal – es ist auf TikTok.

Joung Gustav
Der Unterhalter und seine Meinung: Influencer Gustav kritisiert die Schweizer Asylpolitik.Bild: Screenshots / TikTok «Gustavredet»

Joung Gustav, der Schweizer Influencer, der nicht mit seinem bürgerlichen Namen in der Öffentlichkeit bekannt ist, hat mehr als 5,5 Millionen Follower auf TikTok. Seine Kernkompetenz: Unterhaltungsvideos. Auf seinem Hauptkanal inszeniert er sich mitten in der Stadt, blickt aus der Distanz in die Kamera und trällert im Sprechgesang Songs von Drake, Lana Del Rey oder Eminem.

Seit jüngster Zeit schlägt er auf seinem TikTok-Zweitkanal «Gustavredet» neue Töne an. Die Themen, die er anspricht, sind politisch, mit Unterhaltung hat das nichts mehr zu tun. Dem Account folgen rund 5700 Menschen, die Videos haben zwischen rund 10’000 und 193’000 Aufrufe.

Aufgrund seiner politischen Meinungsäusserungen auf TikTok zieht die Migros, seine Werbepartnerin, nun Konsequenzen. Auf Anfrage schreibt sie, man habe mit Gustav das Gespräch gesucht: «Wir mussten jedoch feststellen, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht mit unserem Wertekanon vereinbar ist und haben daher die Zusammenarbeit beendet.»

Auslöser waren Inhalte wie jene: «Da die Schattenseiten der Asylpolitik oft unter den Teppich gekehrt werden, hatte ich das Bedürfnis, dieses Video zu machen», sagt Joung Gustav in einem dieser TikTok-Videos. Der Anlass sei eine Abstimmung in seiner Wohngemeinde. Er nennt den Namen nicht, vermutlich handelt es sich um Dietikon, wo im November über neue Asylplätze abgestimmt wurde. Mit 48,6 Prozent hat die Gemeinde den höchsten Ausländeranteil im Kanton Zürich. Die Vorlage wurde mit gut 60 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.

In diesem fast vierminütigen Video spricht Joung Gustav über die Asylpolitik der Schweiz und geht auf drei Probleme ein:

Erstes Problem: Die Kosten

Gustav bemängelt, der Bund gebe zu viel Geld für das Asylwesen aus und die Vergabe der Gelder sei zu intransparent. Er nennt die Zahl aus dem Jahr 2023, da gab der Bund rund 3,4 Milliarden Franken für Migration aus. Was fehlt, ist der Vergleich: Die Ausgaben für die Landwirtschaft lagen im selben Jahr bei rund 3,7 Milliarden Franken, die fürs Militär bei etwa 5,9 Milliarden Franken und insgesamt gab der Bund 81 Milliarden aus.

Die Ausgaben des Bundes sind in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, die Ursachen dafür nennt Gustav im Video allerdings nicht: Aufgrund des Kriegs in der Ukraine suchten seit 2022 mehr Menschen in der Schweiz Schutz, weshalb der Bund im Jahr 2023 die Ausgaben für die Migration um 773 Millionen Franken erhöhte.

Um die Kosten greifbar zu machen, stellt Gustav eine Rechnung auf und präsentiert, wie viele Steuerfranken einer vierköpfigen Familie ins Asylwesen fliessen. Die Zahlen entnimmt er aus dem Argumentarium der Grenzschutzinitiative der SVP, das er im Hintergrund einblendet.

Im TikTok-Video sagt Joung Gustav: «Bei diesen immensen Kosten darf der Schweizer Steuerzahler meiner Meinung nach den Anspruch haben, dass sich Asylbewerber absolut ‹bilderbuchmässig› benehmen», was ihn zum zweiten Problem bringt:

Die Kriminalität

Im Jahr 2024 wurden Asylsuchende für 6147 Straftaten beschuldigt, «das sind 17 pro Tag», kommentiert Joung Gustav die Zahlen aus der Kriminalstatistik 2024. Das sind etwa neun Prozent aller 67’800 Straftaten  – eine Einordnung, die im Video fehlt.

Auch die Zahl der 252 Asylbewerbenden, die einer Sexualstraftat beschuldigt wurden, setzt er in kein Verhältnis. In Prozent ausgedrückt entspricht das nämlich 5,6 Prozent aller 4523 Sexualstraftaten. Stattdessen rechnet der Influencer vor, um welchen Faktor Asylbewerbende eher eine Straf- oder Sexualstraftat begehen würden. Die Berechnung ist zwar nachvollziehbar, doch sowohl die Zahl der Gesamtbevölkerung als auch jene der Asylbewerbenden schwanken, sodass sich der genaue Faktor nur schwer beziffern lässt.

Drittes Problem: Die «Instabilität» der Schweizer Bevölkerung

Abschliessend äussert Joung Gustav folgende Bedenken: «Mit einer Geburtenrate von 1,2 Kinder pro Frau ist die Schweiz nicht mehr stabil» und daher nicht in der Lage, Schutzsuchenden zu helfen. Dazu legt er eine weitere eigene Berechnung vor und prognostiziert, die Halbierung der Schweizer Bevölkerung innert 60 Jahren und kritisiert, dass die Bevölkerungszahl durch Migration konstant gehalten werde.

«Als junger Mensch wirst du erleben, wie die Schweizer in ihrem Land eine deutliche Minderheit werden», sagt er mit ernstem Blick in die Kamera und fragt sich: «Wieso so viel Geld ausgeben für Leute, die jährlich mehr Straftaten begehen als Schweizer?» Weiter behauptet Joung Gustav, Schweizer könnten sich keine Kinder mehr leisten – und würden damit «buchstäblich aussterben».

Er werde deshalb immer restriktiv stimmen bei asylpolitischen Themen. «Es wird Zeit, dass man in der Schweiz richtige Politik macht – für Schweizer.» Nach einer kurzen Sprechpause fügt er hinzu, er meine damit auch «kulturell von Anfang an integrierbare ausländische Personen.» Es ist eine Aussage, die stark an eine SVP-Parole erinnert.

Offene Fragen

«Mich hat dieses Video irritiert», sagt der Kommunikationsexperte Oliver Lutz, Leiter einer Kommunikationsagentur, der sich viel mit der Social-Media-Landschaft in der Schweiz beschäftigt. «Ich kannte Gustav davor als lockerer, lustiger Typ, der mit seinen Musikvideos in den TikTok-Feeds der jungen Leute auftaucht», so Lutz.

Eigentlich bekannt für Unterhaltungsvideos: Influencer Gustav zeigt auf seinem Zweitkanal seine ernste Seite.
Bild: Screenshots / TikTok «Gustavredet»

Das Video zeigt eine neue politische Seite des Influencers, hinterlässt Fragen und liefert kaum Einordnung: Was genau meint er mit ‹Politik für Schweizer›? 41 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, ein Fünftel davon ist hier geboren. Hauptgründe für die Einwanderung sind Familie (40 %) und Beruf (38 %), während Asyl nur 7 Prozent ausmacht, knapp vor Ausbildung (5 %) und sonstigen Gründen (10 %).

Die Kommunikationswissenschaftlerin Eva-Maria Vogel sagt: «Auf Social Media fehlt die einordnende Arbeit von Journalistinnen und Journalisten, wodurch die öffentliche Debatte anfälliger für Populismus und falsche Informationen wird». Zudem würden die Videos Menschen erreichen, die dem Influencer nicht wegen seiner politischen Kommentare folgen – «nichtsdestotrotz kommen die Botschaften an», so Vogel weiter.

Der Influencer Joung Gustav macht nicht transparent, woher seine Fakten stammen. Einmal zeigt er im Hintergrund ein Postulat eines SVP-Politikers, ein anderes Mal eine Passage aus dem Argumentarium einer SVP-Initiative.

«Joung Gustav hat seine Community in einem Bereich aufgebaut, in dem Migration eine grosse Rolle spielt», sagt Lutz – etwa durch Eltern, die in die Schweiz gekommen sind und deren Kinder jetzt hier leben. Umso irritierender sei es, dass er nun plötzlich rechte Meinungen äussert, sagt der Kommunikationsexperte.

Unterhaltung wird politisch

Bekannt wurde Joung Gustav durch das Videoformat «Stadi-Szene», in dem er am Bahnhof Stadelhofen spontan junge Menschen befragte. Migration spielte immer mal wieder eine Rolle: In einem Video präsentiert ein junger Mann stolz den albanischen Adler auf seiner Jacke, Joung Gustav streicht darüber. Im gleichen Video sagt er: «Her biji kurdistan» (Lang lebe Kurdistan). Das Video sowie alle anderen «Stadi-Szene» Clips sind inzwischen gelöscht, sie wurden innerhalb der letzten zwei Wochen vom Netz genommen.

@m_budget Szene isch Migros Budget @jounggustav #szene #stadi #m-budget ♬ Originalton - M-Budget

Etwa so sahen die «Stadi-Szene»-Videos aus. Auf seinem eigenen Account sind diese Videos gelöscht. Diese Kooperation mit M-Budget ist noch online.

Neben seiner Influencer-Tätigkeit vertreibt Gustav das Vitaminwasser VYTE, das auch bei Coop, Migros und Valora erhältlich ist. Oliver Lutz warnt: «Das Video ‹entzaubert› Gustav und er läuft Gefahr, dass ein Teil seiner Community wegbricht oder er Werbedeals verliert». Das tritt nun ein: Migros nimmt seine Getränkemarke künftig aus dem Sortiment und beendet die Werbepartnerschaft, wie sie auf Anfrage schreibt.

Dass sich Influencer politisch äussern, hat sich seit ein paar Jahren etabliert. Besonders hohe Wellen schlug das Video mit dem Titel «Die Zerstörung der CDU» des deutschen YouTubers Rezo vor der Europawahl 2019. Das Video wurde millionenfach aufgerufen und löste eine öffentliche Debatte über die Rolle von Influencern in der politischen Meinungsbildung aus.

Gustavs Unterhaltungsvideos und seine Produktvermarktung erreichen vor allem junge Nutzer. Besonders die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen nutzt Social Media als Hauptinformationsquelle, wie das Jahrbuch zur Qualität der Medien 2025 zeigt.

So sieht der Inhalt von Joung Gustav auf seinem Hauptkanal heute aus. Das neueste Video stammt vom 18. Oktober 2025.

Vor diesem Hintergrund seien solche Inhalte besonders kritisch zu betrachten, sagt Vogel. Gerade, wenn sich Unterhaltungs-Influencer zu Themen äussern, ohne über Expertenwissen zu verfügen. Aus Sympathie oder Bewunderung würden Nutzerinnen und Nutzer ihnen dabei oft automatisch Kompetenzen zuschreiben, so die Kommunikationswissenschaftlerin.

Das Video von Influencer Gustav zur Asylpolitik schlägt Wellen: Ein Schweizer Podcast-Duo spricht in einer Folge darüber, es gibt Reaktionsvideos auf TikTok darauf, und in den Kommentaren erntet der Influencer neben Zuspruch auch Kritik. Gustav selbst postete ein Video, in dem er versucht, seine Aussagen zu rechtfertigen.

Das ganze Video von Gustavredet zur Asylpolitik:

Video: watson/tiktok/gustavredet

In den letzten Wochen postete Gustav weniger auf TikTok. Es ist ruhiger geworden um den Influencer. Ein bewusster Entscheid? Alle Anfragen dieser Zeitung blieben unbeantwortet. Gustav schweigt.

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331 Kommentare
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Vorsicht, direkt
13.02.2026 10:53registriert April 2017
"Vor diesem Hintergrund seien solche Inhalte besonders kritisch zu betrachten, sagt Vogel. Gerade, wenn sich Unterhaltungs-Influencer zu Themen äussern, ohne über Expertenwissen zu verfügen."

Wir haben eine direkte Demokratie und ein pilitisches Milizsystem. Weder unsere gewählten Politiker noch das Volk bei Abstimmungen können verifizieren, dass Sie über das Thema bescheid wissen, zu dem sie sich gerade äussern. Noch stupider; die politiker müssen nicht mal offen legen, ob sie ein persönliches oder finanzielles interesse am thema haben. Dasselbe gilt für "journalistische" meinungsbeiträge..
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Knut Knallmann
13.02.2026 10:37registriert Oktober 2015
Das grösste Problem ist, dass wir bei diesem Thema keine Diskussion führen dürfen.
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Vorsicht, direkt
13.02.2026 10:47registriert April 2017
"Er nennt die Zahl aus dem Jahr 2023, da gab der Bund rund 3,4 Milliarden Franken für Migration aus. Was fehlt, ist der Vergleich: Die Ausgaben für die Landwirtschaft lagen im selben Jahr bei rund 3,7 Milliarden Franken, die fürs Militär bei etwa 5,9 Milliarden Franken und insgesamt gab der Bund 81 Milliarden aus."

Und was hätte dieser Vergleich verändert? Ich für meinen Teil finde es absolut bedenklich, dass die subventionen für zwei so zentrale Staatsteilw wie Landwirtschaft und Verteidigung nicht um ein vielfaches höher sind als für die Migration..
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