Die Walliser Justiz hat versagt
Was sich am Donnerstagmorgen in Sitten ereignet hat, ist der Justiz nicht würdig. Weder gegenüber den Eltern der Opfer des Dramas von Crans-Montana noch gegenüber den Beschuldigten, dem Ehepaar Moretti. Jacques und Jessica Moretti sollten in den von der Walliser Staatsanwaltschaft genutzten Räumen der Fachhochschule einvernommen werden und erschienen in Begleitung ihrer Anwälte – dann wurden sie von verzweifelten Angehörigen bedrängt.
Es blieb bei Beschimpfungen, doch die Lage hätte leicht eskalieren können. Die beiden Beamten der Walliser Polizei hätten einen wütenden Mob kaum aufhalten können. Die Polizei selbst räumte später ein, beim nächsten Mal besser vorbereitet sein zu wollen.
In einem Rechtsstaat dürfte es nicht zu einer solchen Konfrontation kommen. Der Kanton Wallis stellt den Rechtsstaat nicht infrage, aber er verfügt offenbar nicht über die nötigen Mittel, um ihn durchzusetzen.
Zwischen Anklage und Urteil liegt ein geschützter Raum. In ihm haben Kläger und Beschuldigte gleichermassen Rechte – vertreten durch ihre Anwälte.
Weder Rache noch Lynchjustiz
Justiz ist weder Rache noch Lynchjustiz. Die Unversehrtheit der Beschuldigten darf in keinem Fall gefährdet werden. An diesem Donnerstagmorgen in Sitten war sie es. Das ist nicht in Ordnung, das ist gravierend.
Die Eltern der Opfer tragen dabei nicht die Hauptschuld. Wer wäre nach dem Verlust eines Kindes bei diesem schrecklichen Silvesterbrand in Crans-Montan nicht unfassbar wütend über diejenigen, die an dem Abend die Verantwortung für die Bar trugen?
Der französische Journalist Christophe Barbier sprach von einem «Zorn, genährt durch das eigentümliche Funktionieren der Schweizer Justiz». Er hat recht – allerdings geht es hier um die Walliser Justiz, föderalistische Eigenheiten inklusive.
In den Tagen nach der Neujahrstragödie richteten sich alle Blicke Europas auf das Wallis. Dasselbe geschieht nach dem inakzeptablen Vorfall bei der Ankunft der Morettis am 12. Februar zu ihrer Anhörung erneut. Wie es dazu kommen konnte, dass die Eltern zweier schwer verbrannter Mädchen und das Ehepaar Moretti aufeinandertreffen – wofür die Walliser Justiz zumindest indirekt verantwortlich ist – bleibt schwer nachvollziehbar. Ein solcher Austausch hat seinen Ort: vor Gericht.
Ebenso bleibt schwer verständlich – auch wenn es die Verfahrensregeln vorsehen –, warum die zahlreichen Anwälte der Opfer bei den Anhörungen der Beschuldigten anwesend sind. Die Ermittlungen sollten ohne äusseren Druck ablaufen können – aber mit der nötigen Entschlossenheit. Sind die Richter nicht in der Lage, selbst die richtigen Fragen zu stellen?
Das Ausmass des Dramas wird auch in seinen Folgen unterschätzt. Es herrscht in diesem Fall eine «Das wird schon gehen»-Mentalität, die die Realität verkennt. Man muss sich ernsthaft fragen, ob das Wallis überhaupt in der Lage ist, diese Ermittlungen allein weiterzuführen.
