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Interview

Roger Federer: «Ich muss nicht auch noch kitschig aufhören»

Bild: AZ/Schweiz am Wochenende

Roger Federer hat einen phänomenalen Start ins Jahr 2017 hingelegt. Im Interview äussert sich der Baselbieter zur weiteren Saisonplanung, zur Nummer 1 und zu seinem erfolgreichen Comeback.



In den ersten drei Monaten der Saison trumpfte Roger Federer gross auf. Er gewann in Melbourne, Indian Wells und Miami die ersten grossen Turniere des Jahres. Nun verabschiedet sich Federer für ein paar Wochen. Auf die nächsten Turniere auf Sand verzichtet er. Den nächsten Monat verbringt Federer grösstenteils in Dubai.

Vor der Abreise lud das Stuttgarter Rasenturnier (Mercedes Cup), wo Federer Mitte Juni unweit der Schweizer Grenze antreten wird, ausgewählte Journalisten zum Interview nach Lenzerheide ein. Im Gespräch sagte Federer, dass er trotz der unerwarteten Erfolge und der Chance auf die Nummer 1 sein Programm nicht ändern werde. Am 10. Mai will er entscheiden, ob er am French Open antritt.

Roger Federer, die Schweiz verfügt über viele schöne Flecken. Warum sind Sie nach Lenzerheide gezogen?
Roger Federer: Keine Ahnung! Dabei bin ich ja eher der Typ, der lieber ans Meer fährt als in die Berge. Jedenfalls war das früher so. Mich friert es immer schnell, vor allem an den Händen und Füssen. Als Kind ging ich immer gern Ski fahren,aber von Basel aus sind die Wege in die Berge weit. Deshalb gibt es wohl auch keinen guten Skifahrer aus Basel. Vielleicht gibt es einen, aber ich kenne jedenfalls keinen. Früher verbrachten wir regelmässig Ferien in Lenzerheide. Dann ergab es sich, dass wir hier Land kaufen konnten. Auf dem Grundstück stand ein Haus, das wollte ich nicht sofort abreissen, primär wegen der Person, die mir das Land verkauft hat. Irgendwann hat sie mich dann angerufen und gesagt, es sei okay, wenn wir das alte Haus abreissen und etwas anderes bauen wollen. Und so verwirklichten wir uns den Traum vom eigenen Chalet in der Schweiz. Ich wollte immer schon einen Rückzugsort für mich und meine Familie. So sind wir hier gelandet. Heute zahle ich meine Steuern hier, und es gefällt uns.

Die im Rohbau fertiggestellte Doppelvilla

Federers Chalet in Lenzerheide während den Bauarbeiten. Bild: KEYSTONE

Sie tanken in den Bergen Kraft?
Vor allem nach Australien war die Rückkehr nach Lenzerheide speziell. Damals konnte ich richtig relaxen und pausieren. Früher war nach grossen Siegen stets eine Feier organisiert, oder ich musste weiter ans nächste Turnier. Es ging immer gleich weiter. Diesmal konnte ich in die Schweiz zurückkehren, drei Wochen lang entspannen und alles nochmals durchgehen. Dieser Grand-Slam-Triumph war ausgesprochen speziell und ein sehr grosser persönlicher Erfolg. Zuletzt nach den USA-Turnieren war die Gefühlslage eine andere: Diesmal hatte ich eher das Gefühl, aus den Ferien zurückzukehren. Aber es sind natürlich wunderbare Zeiten mit all den Siegen.

Sie treten bis Paris nicht mehr an. Wie werden Sie die Sandplatz-Saison verfolgen?
Wenn ich sie denn überhaupt verfolge... Wir fliegen in den nächsten Tagen nach Dubai. Dort werde ich mit Trainer Pierre Paganini das Konditionsprogramm abspulen. In Dubai schaue ich generell sehr wenig TV. Also werde ich vom Turnier in Monte Carlo nichts mitbekommen. Vielleicht sehe ich von den Turnieren in Rom und Madrid etwas. Viele Matches werde ich mir aber nicht anschauen – nicht weil ich keine Lust darauf habe, sondern weil ich andere Dinge unternehmen werde. Ich werde aber sicher die Resultate verfolgen. Wer verliert viel? Wer gewinnt viel?

Hätten Sie auf die Sandplatzturniere auch verzichtet, wenn das Comeback nicht so grossartig verlaufen wäre?
Wenn ich überall in der 1. Runde verloren hätte, dann hätte ich wahrscheinlich sicher irgendwie etwas gespielt. Aber intern war die Meinung früh gemacht, dass auf Sand maximal zwei Turniere drin liegen, vielleicht nur eines oder sogar gar keines. Diese Tendenz stand schon früh fest. Zudem war eine Aufbauphase während der Sandplatzsaison fix eingeplant. Dafür ist der Zeitpunkt ideal, denn nach Wimbledon wird die Zeit für eine Trainingsphase knapp. Die Meinung im Team war auch: Die Spiele auf Sand taten vor einem Jahr dem Knie nicht gut. Ausserdem meinten meine Betreuer, ich verbrenne Energie, die mir nachher fehlen könnte. Ich selber sagte: Mir wäre es am liebsten, gar kein Turnier zu spielen. Dann kann ich nach dieser Pause inspiriert und motiviert zurückkehren, vielleicht sogar mit neuen Ideen. Das hat beim letzten Mal ja gut geklappt.

ZUM MAENNER-FINAL AN DEN AUSTRALIAN OPEN 2017 ZWISCHEN ROGER FEDERER UND RAFAEL NADALSTELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - epa01034930 Rafael Nadal from Spain and Swiss Roger Federer  hold their trophies at the end of the Men's Singles final tennis match at the French Open in Roland Garros, Paris, France, 10 June 2007. Nadal won for the third time in a row with a score of 6-3 4-6 6-3 6-4. (KEYSTONE/EPA/CHRISTOPHE KARABA)

Federer am French Open nach verlorenem Final gegen Rafael Nadal 2007: Entscheidung über Teilnahme am 10. Mai. Bild: EPA

Aber in Paris spielen Sie sicher?
Das werden wir am 10. Mai entscheiden, wenn wir das Tennistraining in Dubai abschliessen. Dann wird entschieden, ob ich auf Sand wechsle. Von Bedeutung wird sein, wie ich mich fühle. Oder ob irgendetwas passiert ist – körperlich, mental oder keine Ahnung was. So, wie es im Moment aussieht, spiele ich das French Open. Aber die Option auf einen Verzicht steht zur Diskussion. Dann wäre die Pause aber nicht mehr sieben Wochen, sondern zehn Wochen lang. Aber eben: Nur spielen, damit gespielt ist, das mache ich nicht mehr. So vollbringt man keine Wunder!

Wunder haben Sie vollbracht. Was ist für Sie die grösste Überraschung beim grandiosen Comeback?
Praktisch alles! Dass der Körper alle Strapazen durchgestanden hat, dass ich mental Spiel für Spiel immer auf der Höhe war, dass ich so grosse Erfolge feiern durfte und dass ich Tag für Tag wieder auf höchstem Level spielen konnte. Nicht überrascht hat mich nur, dass ich sofort wieder die Freude am Turnierbetrieb fand.

Roger Federers 18. Grand-Slam-Sieg auf den Titelblättern der Zeitungen

Jetzt schweben Sie auf Wolke 7. Aber wie schwierig waren die Momente im letzten Jahr?
Es gab viele schlimme Momente. Als ich vor einem Jahr im Februar unters Messer musste, wusste ich nicht, wie ich wieder aufwachen würde. Ich konnte damals den Fuss kaum bewegen. Ich dachte: Oh Gott! Ich war sehr traurig und zweifelte daran, ob alles wieder gut kommt. Das Bein hat ja dann schnell wieder mitgemacht. Die schwierigste Phase folgte später, als ich merkte, ich kann mich nicht mehr auf den Körper verlassen, dass der macht, was er will. Irgendwann wurde es zu viel. Da war immer wieder Wasser im Knie. Ich hätte trainieren müssen, konnte es aber nicht. Dann kamen die Rückenprobleme dazu. Dennoch musste ich viel spielen, weil Wimbledon ja das grosse Ziel war. Nach Wimbledon war klar: So geht es nicht mehr weiter. Als grosses Glück empfand ich, dass ich nicht nochmals operieren musste. Ich musste einfach nur mal richtig Pause machen. Und am Ende haben wir alle richtig entschieden.

FILE - In this July 8, 2016, file photo, Roger Federer of Switzerland receives medical attention during his men's semifinal singles match against Milos Raonic of Canada at the Wimbledon Tennis Championships in London. Federer says he will miss the Rio Olympics and the rest of the tennis season to protect his surgically repaired left knee. Federer writes Tuesday, July 26, 2016, on his Facebook page that he will skip the Summer Games, where the tennis competition starts next week, and has been advised by doctors to remain sidelined for the remainder of 2016.
(AP Photo/Alastair Grant, File)

Schmerzhafter Punkt seiner Karriere: Federer lässt sich im Wimbledon-Halbfinal 2016 am Knie behandeln. Bild: Alastair Grant/AP/KEYSTONE

Am French Open wollen Sie ohne Match-Praxis auf Sand das nächste Turnier spielen? Sind da Ambitionen überhaupt realistisch?
Ich kann mein offensives Hartplatz-Tennis auch auf Sand durchziehen. Das geht sehr gut. Wenn es in Paris trocken ist, dann sind die Spielbedingungen sehr schnell, fast noch schneller als in Wimbledon. Es könnte total interessant werden, wie ich auf Sand spielen werde. Der Plan ist, weiter aggressiv zu spielen, um anschliessend auf Rasen die Spielweise nicht wieder gross ändern zu müssen. Und zwischendurch, wenn ich mich in der Defensive befinde, will ich den Sand zum Vorteil nützen. Schon 2009 habe ich bewiesen, dass man mit solchem Tennis das French Open gewinnen kann.

Werden Sie nochmals die Nummer 1?
Schön wärs! Ich probiere alles, um für Wimbledon fit zu sein. Im Moment sieht der Trend tatsächlich so aus, als ob es nochmals zur Nummer 1 reichen könnte. Aber jetzt verzichte ich vorerst auf drei Sandturniere. Und wenn du nicht spielst, dann gewinnt ein anderer. Und dann macht es 'Wums-Wums-Wums', und alle sind wieder gleich weit. Es braucht auf jeden Fall noch einmal einen grossen Sieg für die Nummer 1. Ich muss weiter Riesenstricke zerreissen, sei es in Wimbledon, am US Open oder im November am Masters in London. Nur Halbfinalqualifikationen bringen dich nicht auf die Nummer 1.

Aber sind Sie überhaupt noch geil auf die Nummer 1?
Ja, natürlich! Also ich bin geil, um ihre Worte zu verwenden, auf Turniersiege. Das Ziel lautet, Turniere zu gewinnen. Das Ranking ergibt sich von selbst, wenn ich an den grössten Turnieren gut spiele.

Die vielen Gesichter des «Maestros»: So hat sich Roger Federer über die Jahre verändert

Und wie tönt das? Sie gewinnen Wimbledon und beenden anschliessend wie Nico Rosberg nach dem WM-Titel in der Formel 1 die Karriere?
Daran habe ich noch überhaupt nie gedacht. Das müsste der Moment entscheiden. Aber meine Planungen gehen weit über Wimbledon hinaus. Im Moment plane ich den Anfang des nächsten Jahres. Ich glaube nicht, dass Siege an dieser Planung etwas ändern werden. Es wird eher der Kopf oder der Körper sein, der mir sagen wird, dass Schluss ist. Nicht ein Sieg oder eine Niederlage. Es ist auch nicht das Ziel, dass ich auf dem absoluten Super-Höhepunkt aufhören werde. Ich muss meine Karriere nicht auch noch kitschig beenden, wie das andere schon gemacht haben. Ich spiele fürs Leben gern Tennis, und ich spiele so lange, wie ich Erfolg habe und ich mir und meiner Familie Freude machen kann. So läuft das! Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mit einem speziellen 'Exit' aus der Tour raus muss.

Speziell ist ihr Comeback – sicher eines der grössten Comebacks der Sportgeschichte. Erfolgreiche Comebacks faszinieren. Sind Sie jetzt noch populärer als zuvor schon?
Die Faszination Comeback war mir vorher so nicht bewusst. Es ist tatsächlich so, dass viele Leute solche Comeback-Geschichten sehr gern haben und sich damit identifizieren können. Wenn einer immer alles gewinnt und alle dominiert, ist das etwas ganz anderes. Aber mit Erfolg durch harte Arbeit kann sich jeder identifizieren. Tatsächlich ist meine Popularität momentan sehr hoch. Ich hoffe, es bleibt nicht immer so. Aber es ist schon überwältigend zu sehen, wie viele Leute sich für mich freuten. In dem Ausmass hatte ich das nicht erwartet.

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(sda)

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • danibi 15.04.2017 12:30
    Highlight Highlight King Roger MUSS gar nichts mehr; er darf.
  • Yippie 15.04.2017 09:29
    Highlight Highlight Die brennenste Frage habt ihr vergessen. Ist der Maestro nun im Besitz der watson-App? 😉
    • Masche 15.04.2017 11:33
      Highlight Highlight Braucht er nicht. Das Interview ist auch bei 20Min erschienen.
    • Charlie Brown 15.04.2017 15:41
      Highlight Highlight @Masche: Ja, hast du den Titel dort gesehen?
    • Masche 15.04.2017 19:55
      Highlight Highlight @Charlie Brown: Ja, der Titel dort lautet: «Ich zweifelte daran, ob alles wieder gut kommt». Da gefällt mir der Titel hier bei Watson viel besser. Es ist nämlich der Satz, der bei mir den grössten Eindruck hinterlassen hat, entspricht er doch auch meinem Empfinden. Warum muss man so ein Theater um den Rücktritt machen? Das sollte doch jedem persönlich überlassen werden.

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