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Der Schein der Aufregung – England gegen Italien war gar nicht so gut, wie wir dachten

Italiens Cesare Prandelli (links) hatte die erfolgreichere Taktik als Englands Roy Hodgson.
Italiens Cesare Prandelli (links) hatte die erfolgreichere Taktik als Englands Roy Hodgson.Bild: Getty Images South America
Die detaillierte Analyse

Der Schein der Aufregung – England gegen Italien war gar nicht so gut, wie wir dachten

England bereitete seinen Anhängern trotz der 1:2-Niederlage gegen Italien viel Freude. Doch die Taktik-Analyse bringt es ans Licht: Es machte bloss den Eindruck, dass die «Three Lions» eine gute Leistung zeigten.
15.06.2014, 08:4715.06.2014, 12:21
tim rieke / spielverlagerung.de
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Die Partie zwischen den Fussballgiganten England und Italien war von abwartenden Verteidigungsweisen geprägt. Beide Teams agierten gegen den Ball passiv und verliessen sich auf ihre Physis oder Strafraumverteidigung. So konnten einzelne Spieler gerade an der Seite relativ einfach schnell vorlaufen, worauf nicht das gesamte gegnerische Team nach hinten schob, sondern nur einzelne Gegner verfolgten.

Gary Cahill kommt gegen Ciro Immobile gerade noch rechtzeitig.
Gary Cahill kommt gegen Ciro Immobile gerade noch rechtzeitig.Bild: MAST IRHAM/EPA/KEYSTONE

Im Zentrum fanden sich die Spieler nach schnellen Vertikalpässen innerhalb des gegnerischen Blocks in massiver Unterzahl wieder, wurden aufgrund der Passivität aber nicht attackiert und konnten somit nach hinten zurücklegen. Auch dies ermöglichte dem Kollektiv einfaches Aufrücken.

So schoben sich die Teams teilweise simpel vor, weshalb es immer wieder viele Szenen gab, in denen eine Mannschaft weit zurückgedrängt war und die andere mit vielen Leuten vorne stand. Durch die unmittelbare Tornähe wirkten die folgenden Aktionen gefährlicher als sie waren. Es schien durch die einzelnen vorrennenden Aktionen und die gelegentlich tiefgedrückten Stellungen ein enorm flottes und aufregendes Spiel zu sein. Immer wieder stieg der Geräuschpegel im Stadion an, ohne dass dabei aber viele klare Chancen entstanden wären.

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Italien mit Ballsicherheit und Angriffen über rechts

Bei den Italienern agierte Andrea Pirlo nicht als tiefster Sechser, sondern meist etwas höher in einer halblinken Achterrolle. Allerdings liess er sich immer wieder zurückfallen und kreierte mit seinen Kollegen enorm viel tiefe Präsenz. Trainer Prandelli setzte auf hohe Ballsicherheit und sein Mittelfeld liess das Leder oft lange zirkulieren.

Gegen die passive 4-4-2-Anordnung der Engländer kreisten die Zentralspieler der Italiener fluide durch den Sechserraum. Irgendwann spielten sie dann einen schnellen Vertikalpass zur Beschleunigung in die englischen Zwischenräume, die durch die durchwachsene Anbindung zwischen Abwehr und Mittelfeld entstanden.

Spielmacher Andrea Pirlo.
Spielmacher Andrea Pirlo.Bild: MAST IRHAM/EPA/KEYSTONE

Die Italiener hatten dabei vor allem das Ziel, auf halbrechts Candreva als Verbindungsakteur einzusetzen. Mit scharfen Direktpässen aus dem Sechserraum wurde er in der Schnittstelle zwischen Gerrard und Rooney gesucht. Von dort folgte meistens eine Verlagerung auf den offensiven Aussenverteidiger Darmian, der Hereingaben auf Balotelli und den nachstossenden Marchisio bringen sollte.

Wie Candreva halbrechts in der Schnittstelle

zwischen Gerrard und Rooney freigespielt wurde.
Wie Candreva halbrechts in der Schnittstelle zwischen Gerrard und Rooney freigespielt wurde.Bild:

Aus einer solchen Szene entstand auch der Corner vor dem Führungstor, wobei ein Konter nach einem fehlgeschlagenen Angriff für den schnellen Ausgleich der Engländer sorgte. Wenn der Durchbruch auf rechts nicht direkt gelang, hatten die Italiener dort allerdings Probleme, da oftmals die Diagonalverbindungen zum Strafraum fehlten. Durch ihr geduldiges Spiel agierten sie nach dem Aufrücken in der passiven englischen Formation einige Male aber sehr bewusst und konnten so durch das kohärente Mittelfeld zu Distanzschüssen aus der zweiten Reihe kommen.

Letztlich machte sich die Ausrichtung der Italiener ausserdem insofern bezahlt, als dass der Siegtreffer durch Balotelli ebenfalls über rechts eingeleitet wurde. Dabei bestraften die Mannen von Prandelli das inkonsequente Verschieben der Engländer zum Flügel: Candreva wurde simpel freigespielt, dribbelte Baines ohne sonstigen Druck aus und bediente schliesslich den einköpfenden Mittelstürmer.

England kommt nicht über Ansätze hinaus

Defensiv spielte Italien mit einem weitgehend mannorientierten Mittelfeld. Weil Pirlo und Verratti gegen die englischen Sechser herausrückten, während Candreva und Marchisio den Aussenverteidigern folgten, entstanden einige Male breite 4-3-2-1-Staffelungen. Grundsätzlich stand Italien in der ersten Instanz stabil, doch England konnte gegen ihre passive Ausrichtung zumindest recht problemlos aufrücken.

Im letzten Drittel konzentrierte sich Italien auf die Strafraumverteidigung, während die «Three Lions» vor allem über rechts attackieren wollten. Mit den ausweichenden Sturridge und Sterling konnten sie hier gerade in der Anfangsphase einige Male gut überladen. Welbeck brachte diagonale Aktionen ein, gab Tiefe auch mal für Ablagen. Über diesen Ansatz erzielten sie einige Halbchancen.

Italiens defensive Mannorientierungen in der 1.

Halbzeit.
Italiens defensive Mannorientierungen in der 1. Halbzeit.Bild:

Allerdings wurde Rooney dadurch verschwendet, da er immer wieder ballfern agierte und kaum rechts eingebunden war – stattdessen musste er weitgehend seine Position halten. Erst Mitte der ersten Halbzeit erhielt er mehr Freiheiten und tauschte einige Male mit Sterling. Aus diesen Bewegungen heraus erzeugten die Engländer aber keine Dynamik. Sie verloren ihre lokalen Ballungen bis auf vereinzeltes Zusammenspiel von Rooney und Sterling auf halblinks zusehends. So wurden sie immer statischer in ihrer 4-4-1-1/4-2-3-1-Anordnung und hatten irgendwann keine guten Offensivverbindungen mehr, weil die Angriffskräfte weitgehend ungestaffelt an einer Linie standen.

Von den Italienern kalt geduscht: Wayne Rooney.
Von den Italienern kalt geduscht: Wayne Rooney.Bild: DARREN STAPLES/REUTERS

Italien bestraft englische Schwächen: Ein verdienter Sieg

In der zweiten Halbzeit attackierten die Engländer lange Zeit nur noch über schwach unterstützte, eher wirr loslaufende Einzelaktionen oder zu simple Flanken. Italien zog sich zurück, schob in engmaschigen, 4-5-1-haften Anordnungen ohne grossen Aufwand zum Flügel und isolierte England im letzten Drittel in Lokalkompaktheiten. Zwischendurch streuten sie ihre ballsicheren Zirkulationsphasen gegen ein immer unorganisierteres Pressing der Engländer ein, das erst mit Barkleys Einwechslung wieder an Kontur gewann. Dieser tat sich auch offensiv hervor und sorgte zusammen mit den ebenfalls neu gekommenen Wilshere und Lallana für neuen Schwung und Kombinationsansätze.

Dennoch kam England in der Schlussphase nur noch zu einer Reihe an ordentlichen Abschlüssen aus der zweiten Reihe. Damit blieb es beim insgesamt verdienten Sieg für die Italiener, die taktisch das stärkere Team waren und mit ihrer Spielweise die englischen Probleme offenlegten. Hinten wussten sie gerade Mitte der zweiten Halbzeit die zu simple Offensive des Gegners zu kontrollieren, vorne bestraften sie mit einzelnen direkten Angriffen über rechts das durchwachsene Pressing und das inkonsequente Verschieben zum Flügel.

Wayne Rooney musste den Italienern zum verdienten Sieg gratulieren.
Wayne Rooney musste den Italienern zum verdienten Sieg gratulieren.Bild: Getty Images South America
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