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Es war ein Transfercoup. Mit Doug Gilmour wechselte im November 1994 waehrend des Lockouts der statistisch zweitbeste NHL-Spieler nach Rapperswil-Jona. Der kanadische Eishockey-Star vor der Fahne des SCRJ, aufgenommen am 14. November 1994. (KEYSTONE/Str)

Kam mit der Aura eines Filmstars: Doug Gilmour bei seiner Ankunft in der Schweiz. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

In 9 Spielen wird Doug Gilmour zur Rappi-Ikone – das erste ist legendär

15. November 1994: Im NHL-Lockout holt ausgerechnet der Aufsteiger einen der grössten Eishockey-Stars der Welt. Der SC Rapperswil-Jona verpflichtet den Defensiv-Center Doug Gilmour – dessen erste NLA-Partie in die Geschichte eingeht.



Der Lockout in der NHL

1994 ist das Schweizer Eishockey noch so weit von der NHL entfernt wie die Erde vom Mond. Kein Schweizer hat jemals eine einzige Minute in der besten Eishockeyliga der Welt gespielt, das Nationalteam pendelt zwischen A- und B-WM. Doch als es in der NHL zu einem Lockout kommt, weil sich die Teambesitzer und die Spielergewerkschaft nicht über einen Gesamtarbeitsvertrag einigen können, schrumpft die Distanz. Der Mond wird für Schweizer Klubs plötzlich erreichbar: Mehrere engagieren einige der besten Spieler der Welt.

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Seine erste Station: 1983 bis 1988 die St.Louis Blues. bild: icollector

Den prominentesten Namen besitzt die Verstärkung des Schlittschuhclubs Rapperswil-Jona: Doug Gilmour, 1989 Stanley-Cup-Sieger mit den Calgary Flames. Der 31-jährige Kanadier wechselt als Captain der ruhmreichen Toronto Maple Leafs zum NLA-Aufsteiger. Seine Ankunft ist für den SCRJ mindestens so bedeutend wie Neil Armstrongs erste Schritte auf dem Mond für die Menschheit. Plötzlich ist der kleine Klub am oberen Zürichsee selbst in kanadischen Medien ein Thema.

«Auf einmal waren wir die verrücktesten Typen der Liga.»

SCRJ-Präsident Bruno Hug

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Der grösste Erfolg: Gilmour mit dem Stanley Cup. bild: nhl auctions

Die Ankunft in der Schweiz

SCRJ-Präsident Bruno Hug erinnert sich noch Jahre später in der «SonntagsZeitung» über seinen Transfer-Coup. «Die Fans fanden die Attraktion grossartig: Als Kleinklub waren wir in der Saison zuvor aufgestiegen – und auf einmal waren wir die verrücktesten Typen der Liga.»

Es war ein Transfercoup. Mit Doug Gilmour wechselte im November 1994 waehrend des Lockouts der statistisch zweitbeste NHL-Spieler nach Rapperswil-Jona. Der kanadische Eishockey-Star vor der Fahne des SCRJ mit Fans und SC Rapperswil-Jona-Praesident Bruno Hug, ganz links, aufgenommen am 14. November 1994. (KEYSTONE/Str)

Präsident Hug (links) kann den Rappi-Fans einen Weltstar präsentieren. Bild: KEYSTONE

Am 14. November, einen Tag vor seinem ersten Spiel, landet Gilmour um 09.47 Uhr in Kloten. Um 12.01 Uhr betritt er erstmals Rapperswiler Eis, nachdem er zuvor, wie der «Blick» weiss, ein Gipfeli gegessen hat. Nach dem Mittagessen gibt der Spielmacher mit der Erfahrung von 1082 NHL-Spielen eine Medienkonferenz. «Ich brauche einige Matches, bis ich wieder top bin», dämpft Gilmour zu übertriebene Erwartungen. Ihm fehle nach der langen Pause noch die Spielpraxis. Ums Geld gehe es ihm nicht, er wolle einfach spielen. Der grosse Star geniesst es zudem, in der Schweiz Zeit mit seiner Frau und den zwei Kindern verbringen zu können.

Das erste Spiel

Gilmour, in der Vorsaison mit 111 Punkten in 83 Spielen der viertbeste Skorer der NHL, zeigt gleich bei erster Gelegenheit, was er drauf hat. Zu drei Toren gibt er das Zuspiel, so dass Rapperswil-Jona gegen den Nationalliga-A-Tabellenführer EV Zug nach einem 0:2-Rückstand scheinbar sicher mit 6:3 in Führung liegt.

«Was Gilmour anfasst,
wird zu Gold!»

SCRJ-Trainer Pekka Rautakallio

«Wenn man nicht schläft, muss man mit Doug einfach Tore schiessen», schwärmt Mitspieler Tom Bissett nach seinem Hattrick, «dieser Typ muss auch am Hinterkopf Augen haben!» Und Trainer Pekka Rautakallio ist Feuer und Flamme: «Was Gilmour anfasst, wird zu Gold

6000 Zuschauer quetschen sich an diesem Dienstagabend ins Eisstadion Lido, das damit ausverkauft ist. Sie kommen wegen Gilmours Einstand – und gehen als Zeugen einer der unglaublichsten Aufholjagden, die sich je auf Schweizer Eis ereignet haben. Denn der EVZ nutzt eine Fünf-Minuten-Strafe des Gegners aus und schiesst in den letzten 31 Sekunden tatsächlich drei Tore!

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Der Bericht des Schweizer Fernsehens. Video: YouTube/EVZcockroach

Daniel Meier verkürzt nach 59:29 Minuten auf 4:6. «Ich dachte, mein Tor sei höchstens noch Resultatkosmetik», erinnert er sich noch Jahre später an den Match. «Aber nach dem 5:6 glaubten wir wieder daran.» Dieses erzielt Misko Antisin, 59:41 zeigt die Matchuhr an. Zug drückt, Rappi schwimmt – und eine Sekunde vor dem Ende haut Dan Quinn, auch er ein Lockout-Spieler aus der NHL, den Puck ins Netz. Der Ausgleich, 6:6, Verlängerung.

«So etwas Verrücktes habe ich noch nie erlebt», sagt Gilmour zum verspielten Sieg. Wenigstens holt Rapperswil einen Punkt, denn in der Verlängerung fällt kein Tor und Penaltyschiessen gibt es erst in den Playoffs.

Der Gilmour-Effekt

Die Zuschauer in Rapperswil-Jona waren aus dem Häuschen und Doug Gilmour gab die Blumen zurück. «Grossartig, diese Fans! Alle meine Erwartungen wurden noch übertroffen!», zeigte sich der Stürmer nach seinem Debüt entzückt von der Stimmung.

Auf dem Eis war er der erhoffte Leader. «Obwohl Gilmour kein besonders grosser Spieler war, wuchs er mit seiner aggressiven und harten Spielweise über alle in der NLA hinaus», lobte ihn die «Südostschweiz». «Beim SCRJ checkte, kämpfte und steckte er ein, als ginge es um den Gewinn des Stanley Cups.»

Es war ein Transfercoup. Mit Doug Gilmour wechselte im November 1994 waehrend des Lockouts der statistisch zweitbeste NHL-Spieler nach Rapperswil-Jona. Der kanadische Eishockey-Star im Dress der des SCRJ in Aktion auf dem Eis, aufgenommen im November 1994. KEYSTONE/Str)

Man beachte: Den Bändel am Helm benutzte einer wie Gilmour damals nicht. Bild: KEYSTONE

Ex-Präsident Bruno Hug betonte: «Gilmour war ein Profi, er trainierte hart.» Allerdings: «Gegenüber den Medien redete er vom Sport, aber genoss auch das Leben.» Nach einigen Abenden habe er das Team in den Ausgang eingeladen, «und prompt füllte er die ganze Mannschaft ab – Geld spielte ihm keine Rolle.»

«I hit a fucking Mercedes.»

Doug Gilmour über sein blaues Auge

Diesen Eindruck bestätigen einige Anekdoten, die überliefert sind. So habe Gilmour in seinen Latzhosen stets ein Bündel Tausendernoten dabei gehabt, heisst es etwa. Ein Mal habe der 31-Jährige beim Fondue-Essen mit den Teamkollegen aus dem Nichts eine Polonaise gestartet, habe diese ins Freie geführt und sei in ein geparktes Auto geestolpert. «Uns fuhr der Schreck in die Glieder. Er blieb regungslos liegen», erzählte Mitspieler Harry Rogenmoser. Nach wenigen Minuten habe Gilmour den blutigen Kopf geschüttelt und sich wieder dem Fondue gewidmet. Als Trainer Rautakallio tags darauf im Training das blaue Auge und die Schramme im Gesicht bemerkte, habe Gilmour bloss gesagt: «I hit a fucking Mercedes.» Ende der Angelegenheit.

«Wir hatten viel Spass mit ihm, er war ein super Typ. Und er genoss es, in Rapperswil auszugehen, ohne erkannt zu werden. Das wäre für ihn in Toronto unvorstellbar gewesen», schilderte Rogenmoser. Apropos Kanada: In Zeiten vor Skype und WhatsApp war es schwieriger, mit der Heimat in Kontakt zu bleiben. «Als er abgereist war, rief uns das Hotel an, wohin man seine Telefonrechnung von über 8000 Franken senden könne», schilderte Hug.

«Der Transfer war ein voller Erfolg»

SCRJ-Präsident Bruno Hug

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Von der Nummer 93 wird am oberen Zürichsee heute noch geschwärmt. bild: keystone/watson

Am Ende ging die Rechnung für den SCRJ trotzdem auf. In den Spielen mit Gilmour holte das Team im Schnitt mehr Punkte als zuvor und finanziell hatte sich das Risiko gelohnt. «Der Transfer war ein voller Erfolg», fasste Hug rückwirkend zusammen. «Er hat uns für die neun Spiele, die er bei uns war, gegen 70'000 Franken gekostet, alles inklusive. Dank des Zuschauerzuwachses und verschiedenen Aktionen haben wir mit Gilmour jedoch zwischen 80'000 und 100'000 Franken zusätzlich eingenommen.»

Team Canada's coach Doug Gilmour, left, and Team Canada's goalkeeper Joseph Curtis, right, pose prior a training session of Team Canada, during the 81th Spengler Cup ice hockey tournament, in Davos, Switzerland, Friday, December 28, 2007. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

2007 gewann Gilmour als Co-Trainer von Team Canada den Spengler Cup in Davos. Bild: KEYSTONE

Was danach geschah

Bloss 28 Tage dauerte es, dann war die Romanze nach neun Partien für den SC Rapperswil-Jona schon wieder vorbei. Am 12. Dezember flog Gilmour nach Hause und nach der Weihnachtspause kehrte er nicht wie erhofft in die Schweiz zurück, denn die Besitzer der NHL-Teams und die Spielergewerkschaft konnten sich doch noch über einen Gesamtarbeitsvertrag einigen. Die Regular Season wurde auf 48 Partien gekürzt, alle Stars spielten wieder in Nordamerika.

Ohne seinen Superstar brach Rapperswil-Jona wieder ein, verlor die letzten 13 Partien der Qualifikation alle und verpasste die Playoffs deutlich. Die Playouts gegen den EHC Biel begannen mit einer 0:7-Klatsche, «nach dem Spiel war es lange, sehr lange, sehr ruhig in der Garderobe», verriet Harry Rogenmoser. Letztlich gelang der der Ligaerhalt doch noch und der SCRJ blieb in der NLA.

Gilmour, der in der Schweiz zwei Tore erzielte und 13 Assists gab, schied mit den Toronto Maple Leafs in der ersten Playoff-Runde aus. Den Stanley Cup gewannen erstmals in ihrer Geschichte die New Jersey Devils.

Seine Laufbahn beendete Doug Gilmour 2003 nach 1656 NHL-Einsätzen, in denen er 1602 Skorerpunkte sammelte. Im Jahr 2011 wurde der Stanley-Cup-Sieger von 1989 in die Hockey Hall of Fame aufgenommen.

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Ein Rückblick auf Doug Gilmours Karriere. Video: YouTube/NHL

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Seine Rückennummer 93 kommt in Toronto unters Hallendach. Video: YouTube/Dustin Smith

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Alle NHL-Spieler, die während dem dritten Lockout 2012/13 in der NLA spielten

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • gunner 15.11.2019 18:01
    Highlight Highlight Cool wie lange und detailliert damals noch über ein ligaspiel berichtet wurde. Ok gab wohl noch nicht mal annähernd 50 qualispiele. :)
  • Team Insomnia 15.11.2019 14:00
    Highlight Highlight Sogar ein gewisser Herr Fischer stand damals für den EVZ auf dem Eis. Was für Zeiten😍😎!
  • Goldjunge Krater 15.11.2019 13:23
    Highlight Highlight Gilmour wollte in der Schweiz eigentlich ja keine Tore erzielen. Bis zum letzten Match in Bern, als ihm ein Gegenspieler gehörig auf die Nerven ging, da schoss er seine zwei Tore auf Schweizer Eis.

    Lustig war auch, wie er Bykov in Fribourg schwindlig dribbelte 👍🤣
  • Nadir M. 15.11.2019 11:45
    Highlight Highlight Erinnere mich als wäre es gestern gewesen! Durfte auf dem Eis stehen und kam selber ins schwärmen - meine erste von drei Lockout seasons...
    • Ralf Meile 15.11.2019 11:51
      Highlight Highlight Mit so viel Abstand darf das ein Schiedsrichter zugeben ;-)
  • Bacchus75 15.11.2019 07:25
    Highlight Highlight Unvergessen war dieser erste Lockout. Plötzlich spielten Spieler wie Gilmour, Chelios (Biel), Housley (GC), Kamensky (Ambri) usw. in der Schweiz. Was man nicht vergessen darf, damals war die NHL nicht auf einem anderen Kontinent sondern auf einem anderen Planeten. Weit weg ohne Chance ernsthaft viel mitzubekommen so vor der Internetlosen Zeit...
  • Gender Bender 15.11.2019 07:24
    Highlight Highlight Ich erinnere mich an die Szenen gegen Gottéron. Khomutov hat ihn ein ums andere Mal vernascht, mit dem Höhepunkt des petit pont auch Tunnel genannt.
  • maylander 15.11.2019 06:50
    Highlight Highlight Ich werde definitiv alt.
    An das Spiel mag ich mich noch gut erinnern. Die EVZ Aufholjagd war spektakulär und es hat sich ausbezahlt bis zum Ende zu warten.
  • DerHans 15.11.2019 06:13
    Highlight Highlight Damals gab es doch gar keine Verlängerungen in der Quali? Die gibts doch erst ab 2006? Oder habe ich das falsch in Erinnerung? Was ich bestimmt nie vergessen werde, sind diese letzten 30 sec vor dem Radio.
    • Ralf Meile 15.11.2019 09:39
      Highlight Highlight Da täuscht dich deine Erinnerung, es gab eine Verlängerung. Aber kein Penaltyschiessen.
    • René Gruber 15.11.2019 11:06
      Highlight Highlight Ich hatte damals den Radio bereits abgestellt aus lauter Frust. Am nächsten Morgen las ich in der Zeitung das Resultat und dachte an einen Druckfehler.
    • Bacchus75 15.11.2019 16:48
      Highlight Highlight Aber wenn es kein Tor gab wurde es Unentschieden gewertet. So war das bei Rappi - Zug damals

Wie der SC Bern mutwillig sein Meisterteam zerstört

So tief wie der SCB ist seit Einführung der Playoffs (1986) noch kein Meister gesunken. Die Krise ist nicht den Launen der Hockey-Götter geschuldet. Sondern der sportlichen SCB-Misswirtschaft.

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