Die Geschichte des brutalsten Fouls der WM-Geschichte – und einer Versöhnung
Es gibt Spiele, von denen nur das Resultat im Gedächtnis haften bleibt. Andere beschäftigen uns noch nach Jahrzehnten, weil sie Geschichten erzählen von Triumph und Tragödie, von Recht und Unrecht. Der WM-Halbfinal 1982 zwischen Deutschland und Frankreich gehört zu diesen unvergesslichen Spielen.
Die Deutschen liegen in der Verlängerung scheinbar hoffnungslos mit 1:3 zurück und siegen schliesslich fünf Minuten vor Mitternacht mit 8:7 im ersten Penaltyschiessen der WM-Geschichte. Es war eines jener Spiele, die die Zuschauer aufpeitschen bis zur Ekstase. Was da geschah, liess den Trainern die Haare zu Berge stehen.
«Da wird alles ausser Kraft gesetzt, was sonst gilt», hat Erich Ribbeck, der Assistent des Deutschen Trainers Jupp Derwall gesagt. Er vergass hinzuzufügen: «In jeder Beziehung alles ausser Kraft gesetzt.» Denn in dieser Partie kam es zu einem der brutalsten Zweikämpfe der WM-Geschichte.
«Ich weiss nicht, ob das Gerechtigkeit ist», hadert Frankreichs Trainer Michel Hidalgo nach der Niederlage. Die Szene, die diese Frage nach Gerechtigkeit provoziert hat und bis heute die Gemüter erhitzt: In der 57. Minute, es steht 1:1 durch die Tore von Pierre Littbarski und Michel Platini, fliegt der Ball in den Rücken der deutschen Verteidigung. Der gerade eingewechselte Patrick Battiston sprintet dem Ball hinterher. Harald «Toni» Schumacher stürmt aus dem Tor und springt rücksichtslos auf den Franzosen zu, obwohl dieser schon geschossen hat.
Mannschaftsarzt : «Ich habe geglaubt, er ist tot»
Der Ball trudelt am Tor vorbei, als Schumacher Battiston mit der rechten Hüfte und mit angewinkelten Ellenbogen im Gesicht trifft. Der Franzose wird bewusstlos vom Platz getragen. Erste Diagnose: Platzwunde, Halswirbelbruch erlitten, drei Zähne verloren und Gehirnerschütterung. «Ich habe gedacht, er ist tot», sagte Mannschaftsarzt Maurice Vrillac nach der Partie. «Ich habe zwei Minuten lang keinen Puls gespürt.»
In der französischen Presse tauchen in der Kommentierung zu diesem Spiel die Worte «Panzer», «Gestapo», «SS» und «Nazis» auf. «Toni Schumacher, Beruf Unmensch» titelt die berühmte Sportzeitung «L’Equipe». In einer Umfrage nach dem unbeliebtesten Deutschen setzen die Franzosen unmittelbar nach dem Turnier Toni Schumacher auf Platz eins – vor Adolf Hitler.
Frankreichs Präsident François Mitterand und der deutsche Kanzler Helmut Schmidt sehen sich sogar genötigt, eine gemeinsame Medienerklärung herauszugeben, um die Wogen zu glätten. Bis heute gilt dieser Halbfinal von Sevilla als «Jahrhundert-Spiel», als ein Mythos und ein Trauma zugleich.
Battistons Zähne
Schlimmer noch als die Tat scheinen damals die Reaktionen des Torhüters zu sein. Während sich die Betreuer um den schwer verletzten Battiston kümmern, steht Schumacher Kaugummi kauend am Fünfmeterraum, jongliert mit dem Ball und wartet offensichtlich ungerührt auf die Fortsetzung des Spiels. Der niederländische Schiedsrichter Charles Corver hat nicht auf Foul entschieden, die Partie wird mit Abstoss Deutschland fortgesetzt. Hinterher rechtfertigt sich Schumacher ohne ein Wort des Bedauerns: «Ich stecke ein und teile aus.» Berüchtigt wird sein Satz: «Wenn es nur die Jacketkronen sind – die bezahle ich ihm gerne.»
Später wird er sich in einem Interview differenzierter äussern: «Ich würde heute genauso aus meinem Tor kommen und versuchen, den Ball zu kriegen. Es war eine unglückliche Aktion, aber kein Foul. Battiston kam mit dem Ball auf mich zu, wollte ihn über mich heben und ich bin hochgesprungen. Er hat den Ball nicht richtig getroffen, ich war schon in der Luft, konnte den Schwung nicht mehr abbremsen und flog mit angezogenen Knien auf ihn zu. Ich habe mich noch etwas abdrehen können und Battiston zum Glück nicht frontal erwischt, sondern mit der Hüfte.»
Seine scheinbare Gleichgültigkeit begründet er so: «Wenn ich jetzt hingehe, dachte ich, gibt’s richtig Zoff. Die schubsen oder treten mich, vielleicht spuckt mich einer an, ich schlage zu und das Ganze eskaliert. Ich war dem nicht gewachsen. Aus Hilflosigkeit bin ich im Tor geblieben.» Er bedaure hingegen, dass er Battiston im Krankenhaus nie besucht habe.
Nach Battistons Verletzung spielen die Franzosen mit dem Mut der Empörung. Sie führen schliesslich in der Verlängerung nach 98 Minuten scheinbar uneinholbar 3:1. Aber sie stürmen weiter, sie wollen das 4:1, das 5:1 und das 6:1 und die Deutschen geraten in die kuriose Situation, dass sie mit zwei Toren im Rückstand gegen einen weiter anstürmenden Gegner kontern können.
Am Ende wird Schumacher zum Helden der Partie
In der 108. Minute gelingt Klaus Fischer mit einem Fallrückzieher aus zehn Metern das 3:3. Im Penaltyschiessen scheinen die Deutschen erneut besiegt, als Michel Platini zum 7:6 trifft und Uli Stielike verschiesst. Aber anschliessend scheitern auch Didier Six und Maxime Bossis und Horst Hrubesch macht mit dem 8:7 alles klar. Toni Schumacher hält zwei Elfmeter. Es wäre auch ohne seine Attacke gegen Battiston ein «Jahrhundert-Spiel» gewesen.
Das ist es, was den französischen Nationaltrainer nach der Gerechtigkeit fragen lässt: Der Täter (Schumacher) wird mit zwei gehaltenen Penaltys zum Helden der Partie.
Die Deutschen verlieren den Final gegen Italien 1:3 und die Franzosen unterliegen in der Partie um den 3. Platz gegen Polen 2:3.
Doch wie ist dieses Drama aufgearbeitet worden? Der deutsche Historiker Stephan Klemm schildert die Hintergründe in seinem Buch «Die Nacht von Sevilla. Ein deutsch-französisches Fussballdrama», das 2021 erscheint. Alle Zitate von Battiston und die Geschichte der Versöhnung stammen aus diesem lesenswerten Werk.
Eine Woche danach kommt es zur Versöhnung
Toni Schumachers Manager Rüdiger Schmitz bemüht sich um ein Treffen zur Versöhnung. Keine einfache Angelegenheit in einer Zeit ohne Hosentelefone, Internet und E-Mails.
Am 15. Juli 1982, exakt eine Woche nach der «Nacht von Sevilla», kommt es zur Versöhnung in den Redaktionsräumen des «Républicain Lorraine» in Metz. Das persönliche Gespräch in einem Hinterzimmer der Redaktion verläuft harmonisch. Auch Patrick Battiston hat die Versöhnung gesucht. «Schumacher wurde hart kritisiert und sogar als Nazi bezeichnet, was ich empörend finde. Gut, er hat mich übel gefoult und sich danach schlecht benommen. Ich will aber nicht, dass ihm dieses Foul nun für immer nachhängt.»
Schumacher gibt Battiston bei diesem Gespräch am 15. Juli zu verstehen, dass es niemals seine Absicht gewesen sei, ihn zu verletzen. Worauf der Franzose antwortet: «Ich glaube dir.» Allerdings betont Schumacher bei diesem Gespräch auch: «Wenn heute dieser Ball wieder so gespielt würde, und ich im Tor stünde, wäre ich wieder unterwegs. Das hat immer noch Gültigkeit. Weil ich überzeugt davon war, dass ich den Ball bekommen würde.» Er entschuldigt sich, Battiston nimmt die Entschuldigung an und sagt nach dem Handschlag: «Es war ein Foul, er hat sich entschuldigt, Jetzt ist die Sache erledigt.»
Die gesundheitlichen Probleme bleiben
Am Tag nach dem Treffen in Metz heiratet Battison seine Partnerin Anne Gusse in deren Heimatort Pierrevillers, rund 15 Kilometer nördlich von Metz. Es gibt Fotos, auf denen zu sehen ist, dass er ein weisses Hemd mit einer grauen Weste unter seinem Anzug und einer Halskrause kombiniert.
Er ist damals bei St.Etienne unter Vertrag, kann seine Karriere nach einer dreimonatigen Pause fortsetzen, wird 1984 Europameister und spielt auch bei der WM 1986 für Frankreich. Er beendet seine Laufbahn 1991 in Bordeaux.
Aber die gesundheitlichen Probleme sind geblieben. Die Bilanz wird schliesslich lauten: Vier verlorene Zähne, sechs Operationen und eine bleibende Wetterfühligkeit. Die Vorderzähne müssen sechsmal ausgetauscht werden, weil es Komplikationen mit dem Zahnfleisch gibt und 2008 ist noch einmal eine Kieferoperation erforderlich.
Im Rückblick sagt der Franzose: «Der Rücken, der Hals, das Sehen, ich habe gesundheitliche Folgen zu tragen, die mich an Sevilla erinnern. Das ist hart.» Er spüre, wenn das Wetter ändere. «Ich bin eine Art Wettermann, manchmal habe ich das Gefühl, als spanne sich ein Helm um meinen Kopf. Ich weiss dann, dass das Wetter nicht schön werden wird.» Und er betont: «Aber ich beschwere mich nicht, ich bin nicht unglücklich und ich bin auch kein Märtyrer.»
Mit 42 Jahren nochmals deutscher Meister
Toni Schumacher spielt auch 1986 bei der WM für Deutschland (Finalniederlage gegen Argentinien) und bestreitet sein letztes Länderspiel am 15. Oktober 1986 gegen Spanien (2:2). Nach der Veröffentlichung seiner Autobiographie «Anpfiff» wird er für weitere Länderspiele gesperrt. 1992 beendet er seine Karriere, wird Torhütertrainer in Dortmund und 1996 zwei Minuten vor Ende des letzten Saisonspiels beim 3:2 gegen Freiburg noch einmal eingewechselt. So wird Schumacher mit 42 Jahren zum zweiten Mal deutscher Meister.
Patrick Battiston hat einmal philosophiert: «Würde man auch über mich sprechen, wenn Frankreich das Spiel gewonnen hätte?» Eine Antwort hat er gefunden: «Ganz gewiss nicht auf diese Art und Weise.» Erst 30 Jahre nach Sevilla hatte er den Mut, die TV-Bilder zu betrachten.
