DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Während Ohno (Mitte) und Turcotte sich aufrappeln, um noch Silber und Bronze zu ergattern, gleitet Bradbury einsam und ungläubig über die Ziellinie.
Während Ohno (Mitte) und Turcotte sich aufrappeln, um noch Silber und Bronze zu ergattern, gleitet Bradbury einsam und ungläubig über die Ziellinie.Bild: Getty Images Europe
Unvergessen

Steven Bradbury schreibt das schönste aller schönen Olympia-Märchen

16. Februar 2002: In Salt Lake City ereignet sich ein Sportwunder. Der krasse Aussenseiter Steven Bradbury wird Olympiasieger im Shorttrack – weil alle seine Gegner in der letzten Kurve stürzen.
16.02.2022, 00:0116.02.2022, 05:15

«Doing a Bradbury» («einen Bradbury machen») ist in Australien ein geflügeltes Wort. Wer es verwendet, meint damit, dass jemand durch unglaubliches Glück und eine Reihe von Zufällen zum Erfolg gekommen ist. Genau das ist es, was Steven Bradbury vorgelebt hat.

Die Spiele von Salt Lake City sind bereits seine vierten, für einen Shorttracker tritt er im Veteranen-Alter von bald 29 Jahren an. Entsprechend ist Bradbury nicht mehr als ein Aussenseiter. Es überrascht deshalb niemanden, dass der Australier im Viertelfinal ausscheidet. Aber an dieser Stelle des Wettkampfs beginnt das Wunder seinen Lauf zu nehmen.

Die letzten Meter im Olympiafinal – und plötzlich stürzen alle vier Favoriten.Video: streamable

Ein Sieg der Taktik über die Leistung

Weil ein kanadischer Gegner seines Viertelfinallaufs disqualifiziert wird (Kampfrichter-Chef ist ein Australier …), rutscht Bradbury in den Halbfinal nach. Vor dem Rennen legt er sich die Taktik zurecht: Aus allem raushalten, auf einen Sturz der Gegner hoffen und so vielleicht in den Final kommen.

Die Taktik geht auf. Und Steven Bradbury, der krasse Aussenseiter, kämpft nun mit vier Gegnern um die Olympiamedaillen. Vom ersten Meter an läuft er allerdings bloss der Konkurrenz hinterher. «Meine Taktik war dieselbe wie im Halbfinal», erklärte er nach dem Rennen. «Ich setzte darauf, dass vielleicht zwei Gegner stürzen und ich so Bronze erben kann. Schliesslich war mir bewusst, dass ich nicht der Stärkste im Feld war.»

Last Man Standing

Zwei Runden vor Schluss ist das Tempo vorne so hoch, dass Bradbury immer mehr den Anschluss verliert. Kein Grund zur Panik, er liegt voll in seinem Plan: sich aus allen Nahkämpfen raushalten. Nur noch eine Kurve ist zu laufen, für den amerikanischen Lokalhelden Apolo Anton Ohno scheint Gold bereitzuliegen.

Doch es kommt zum Gerangel zwischen Ohno und dem Chinesen Li Jiajun. Dabei wird der Koreaner Hyun-Soo Ahn eingeklemmt, er stürzt und greift im Fallen nach Ohnos Bein. So fällt auch der Amerikaner und er reisst auch Li und den Kanadier Mathieu Turcotte mit. Ergibt unter dem Strich: vier Läufer in den Absperrbanden, ein Hinterherläufer noch auf den Beinen. Praktisch im Auslaufen gleitet Steven Bradbury über die Ziellinie – als erster australischer Olympiasieger an Winterspielen.

Oberschenkel mit 111 Stichen genäht

«Ich war mir nicht sicher, ob ich Gold überhaupt verdiene», erinnert sich Bradbury Jahre später. «Nach einigen Minuten war mir klar: Ich verdiene die Medaille. Nicht für die 90 Sekunden des Finals. Aber für die zwölf langen Jahre auf dem Weg zu diesem Tag.»

Denn dass Bradbury überhaupt antreten kann, grenzt schon an ein Wunder. Zwei Jahre vor Salt Lake City knallt er Kopf voran in die Bande, bricht sich zwei Halswirbel, kommt nur mit Glück am Rollstuhl vorbei. Und das war noch nicht einmal die schlimmste Verletzung. 1994 erleidet er durch die Kufe eines Gegners eine Schnittwunde am Oberschenkel, etwa vier Liter Blut verliert Bradbury beim Unfall: «Zum Glück war die medizinische Versorgung perfekt. Sonst hätte ich nicht überlebt.» Mit nicht weniger als 111 Stichen wird die Wunde genäht.

Ohno (links) nahm die Niederlage über 1000 Meter sportlich: «It's short track», sagte er, so sei das eben. Gold gewann er kurz darauf über 1500 Meter.
Ohno (links) nahm die Niederlage über 1000 Meter sportlich: «It's short track», sagte er, so sei das eben. Gold gewann er kurz darauf über 1500 Meter.Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Das Ende als Anfang des nächsten Märchens

Das Publikum in der ausverkauften Halle weiss all dies nicht. Es pfeift und will nicht wahrhaben, dass das Rennen auf diese Weise endet. 16'000 Fans waren gekommen, um über die 1000-Meter-Strecke einen Triumph des einheimischen Wunderkinds Ohno zu erleben. Stattdessen werden sie Zeugen eines der unglaublichsten Sportmärchen aller Zeiten.

Und weil sich Apolo Anton Ohno von den Gestürzten am schnellsten wieder aufrappelt, gewinnt er immerhin noch Silber. Zwar muss er aufgrund der Sturzfolgen im Rollstuhl zur Siegerehrung geschoben werden, doch vier Tage später hat auch sein Märchen noch ein Happy End: Über 1500 Meter gewinnt Ohno die Goldmedaille.

Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die kuriosesten Geschichten aus 124 Jahren Olympia

1 / 30
Die kuriosesten Geschichten aus 124 Jahren Olympia
quelle: ap / lionel cironneau
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Rücktritt von Iouri Podladtchikov: «Ich war nur noch im Spital»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

7 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
nJuice
16.02.2019 09:42registriert Mai 2015
Verdient hat die Goldmedaille, wer es als erster über die Ziellinie schafft.
Glückwunsch an Bradbury und an Australien, geile Story!
1171
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sir_Saku
16.02.2020 08:13registriert April 2016
Jedes mal wenn ihr die Geschichte auffrischt, geniesse ich dieses Video auf ein neues und mein Grinsen wird immer grösser😃
731
Melden
Zum Kommentar
avatar
Natürlich
16.02.2020 06:20registriert März 2016
Eine eigentlich unglaubliche und zugleich wunderschöne Geschichte.
Ich mag ihm diese Goldmedaille von Herzen gönnen.
381
Melden
Zum Kommentar
7
Tränen in Paris, Euphorie in Manchester, ein König in Mailand – das Beste des Wochenendes

Angel Di Maria wird Paris Saint-Germain zum Ende dieser Saison verlassen. Der 34-jährige Argentinier machte seit 2015 294 Spiele für PSG, kam dabei auf 92 Tore und 118 Assists und holte insgesamt 18 Titel.

Zur Story