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Gruppenbild der Schweizer Fussballnationalmannschaft mit Fans vor dem Abflug an die WM in Brasilien auf dem Zürcher Letzigrund am Freitag, 6. Juni 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri )

Bild: KEYSTONE

Das Bye Bye der Nati

Einer zum Anfassen, einer mit Stützstrümpfen, keiner mit Verletzungen  

Volksfeststimmung und Groupie-Gekreische im Zürcher Letzigrund. Und 25 Grad – als klimatischer Aufgalopp zur WM in Brasilien? Augenschein beim «Tschüss-und-Gute-Reise»-Event der Schweizer Nationalmannschaft.



Granit Xhaka passiert die Reporter, vertröstet sie: «später.» Die Anspannung ist ihm anzusehen, noch weiss der Gladbach-Söldner nicht, ob er im letzten Moment doch noch vom äusserst formstarken Mehmedi aus der Stammformation verdrängt wird. 

Er kennt die Kontroversen um diese Frage: Wer spielt auf der Position des Zehners? Zur Genüge kennt er sie. Ist froh, der Mixed-Zone Richtung Rasen entschwinden zu können. Darüber mag er sich den Mund nun wirklich nicht mehr fusselig reden.

Xhaka! Kreisch!

Stefan Lichtsteiner folgt, Josip Drmic auch, schliesslich alle anderen. Gekreische und Getöse hallen durch die Katakomben. Xhaka hat den Rasen betreten. Dass die Antworten seiner Mitspieler auf Reporterfragen im akustischen Tumult beinahe untergehen, kann ihm egal sein. Beziehungsweise: wird ihm mehr als nur egal sein. Er ist der Mann, auf den sich viele Augen richten werden.

Fans beim Abschlusstraining der Schweizer Fussballnationalmannschaft vor dem Abflug an die WM in Brasilien auf dem Zürcher Letzigrund am Freitag, 6. Juni 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Rätsch, Rätsch: Kleiner Nati-Fan mit grosser Begeisterung.   Bild: KEYSTONE

Über 25 Grad bei Rund 30 Prozent Luftfeuchtigkeit an diesem frühsommerlichen Nachmittag im Zürcher Letzigrund. Ein klimatischer Aufgalopp für Brasilien, Josip Drmic? «Es ist nicht unmöglich, auch bei 30 oder 40 Grad zu spielen. In Kroatien habe ich früher oft bei 30 Grad Fussball gespielt. Mir ist das immer noch lieber als Spiele an einem kalten Winterabend in Deutschland oder in der Schweiz».

Granit Xhaka wird, später, sagen: «Bei der U17-WM in Nigeria war es auch sehr warm und trotzdem konnten wir mit den Afrikanern mithalten. Wir sind auch auf die Hitze in Brasilien sehr gut vorbeitet».

Nächste Reporterfrage. Stefan Lichtsteiner, was machen Sie während des langen Fluges? «Lesen und Schlafen.» Stützstrümpfe? «Stützstrümpfe ja, aber ansonsten bediene ich mich keiner weiteren Hilfsmittel.»

Die Schäfchen parieren

Im Stile eines Patriarchen erscheint Ottmar Hitzfeld. Wortkarg, mit Grimm im Gesicht – und einem Pfiff, der durch Mark und Bein geht. Der Schäfer treibt seine Herde zusammen, Interviews werden kurzerhand abgebrochen. Eine halbe Minute später ist die Mixed-Zone leer.

2500 Fans sind gekommen. Sie sehen ein Training, das auf niedriger Intensität vor sich hinplätschert, Spieler, die leidlich Spielfreude an den Tag legen, immerhin, und ein paar wunderbare Tore von Seferovic und Shaqiri beim obligaten Abschluss-Schiessen. Überhaupt, Xherdan Shaqiri ist der Held der Groupies schlechthin. Andere mögen sie auch, aber Shaqiri? Ein Rockstar.

Fans machen ein Selfie mit Xherdan Shaqiri beim Abschlusstraining der Schweizer Fussballnationalmannschaft vor dem Abflug an die WM in Brasilien auf dem Zürcher Letzigrund am Freitag, 6. Juni 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri )

Selfies mit Xherdan, Yeah. Bild: KEYSTONE

Bereitwillig lassen sich die jungen Fans von den diversen Fernsehschaffenden dazu animieren, auf Knopfdruck zu jubeln. 3, 2, 1: Jubel! Einmal im Leben auf der Mattscheibe sein, warum nicht. Ob man sich so seinem Idol noch verbundener fühlt?

Keine Verletzungen, nicht so kurz vor der WM

Das Geschehen auf dem Geläuf ist weniger unterhaltsam als vielleicht erhofft. Andererseits, warum sollte es auch ein Spekakel sein? Ein bisschen um den Platz joggen, einige Übungen am Ball im Mittelkreis, nach 20 Minuten die erste Trinkpause. 

Dann: Assistenztrainer Michel Pont gibt Anweisungen, an der Passgenauigkeit wird noch gefeilt. Nichts Wildes, insgesamt, sowieso nicht so kurz vor dem grossen Finale einer langen WM-Kampagne.

Die Spieler der Schweizer Fussballnationalmannschaft beim Abschlusstraining vor dem Abflug an die WM in Brasilien auf dem Zürcher Letzigrund am Freitag, 6. Juni 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Jogging und Übungen am Ball: Nichts Wildes mehr zum Abschluss des Schweizer Vorbereitungscamps. Bild: KEYSTONE

Und die Fans, wie genau ist der Puls bei ihnen? Pascal, 22, sieht's «kritisch». Er sagt: «Wenn's läuft, dann läuft's. Gemäss meinen Berechnungen eines optimalen Durchmarsches der Nati, müsste sie im Viertelfinale auf Deutschland treffen. Und würde dann wohl rausfliegen.»

06.06.2014; Zuerich; Fussball WM  - Training Schweiz; Fans der Nationalmannschaft verfolgen das Training im Bild kreischende Fans rufen nach Xherdan Shaqiri und Granit Dhaka (Valeriano Di Domenico/freshfocus)

«Vale + Shaq: Chömmer bitte euri Libli ha?» Ob's geklappt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Bild: Valeriano Di Domenico/freshfocus

Zwischenfrage des Schreibenden. Was heisst «wenn's läuft, dann läuft's»? «Wir brauchen ein gutes Startspiel, ganz unbedingt. Dieses Team muss öfters als bisher den Abschluss suchen, auch mal aus der zweiten Reihe. Mein optimistischer Tipp: Viertelfinale.» Weniger zuversichtlich ist seine Begleitung. Martina, 20, tippt: «Achtelfinale.»

Die Tschütteler auf dem Platz schieben sich derweil den Ball zu, mit mehr Intensität als zuvor. Passspiel auf engstem Raum. Herbert, 62, Fussballtrainer und Deutscher, hofft, dass Hitzfeld («Ist ja auch ein Deutscher»), gleichzeitig auf Drmic («Der ist gut») und Mehmedi («Hat viel Zug nach vorne, strahlt so eine Energie aus») setzt. «Die wissen beide, wo das Tor steht.»

Pedro drückt Mehmedi ein bisschen die Daumen

Und dann ist da Pedro. Pedro ist sechs Jahre alt und und macht im Brasilien-Trikot seine Aufmachung. Er will, dass Brasilien Weltmeister wird, findet in erster Linie Neymar gut, dann erneut Neymar, nochmals Neymar und schliesslich auch noch Mehmedi. Ein bisschen. Manchmal.

Junge Fans beim Abschlusstraining der Schweizer Fussballnationalmannschaft vor dem Abflug an die WM in Brasilien auf dem Zürcher Letzigrund am Freitag, 6. Juni 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Na, wessen Visage hat sich denn dieser junge Fan bedient? Bild: KEYSTONE

Zurück zu Herbert, der bei Pommes mit Ketchup sagt: «Brasilien wird Weltmeister, weil die zuhause spielen. Oder Deutschland, weil es das beste Kader hat. In Deutschland sagt man, wenn Jogi Löw mit dieser Mannschaft es nicht zum WM-Titel schafft, ist er kein guter Trainer.»

Solcherlei Erwartungshaltung kennt Ottmar Hitzfeld nicht aus seiner Zeit beim Schweizerischen Fussballverband. Zum Abschluss lässt er das ganze 23-Mann-Kader vor der Fankulisse für die Fotografen posieren, der Trainerstab gesellt sich dazu. Endlich gibt es keine Verletzten mehr zu beklagen. Das war 2010 anders, als Alex Frei sich in just diesem Abschlusstraining noch unglücklich verletzte.

Lichtsteiner hat das letzte Wort

Xherdan Shaqiri geniesst alsdann als Einziger das Bad in der Menge, schreibt einige Autogramme. Der Rest des Teams ist bereits in der Garderobe verschwunden.

Freitagabend, um 22.40 Uhr, hebt die Schweizer Fussballmission ab. Ziel: São Paulo. Mehmedi oder Xhaka, in Brasilien kommt der Moment der Wahrheit. Kein Werweissen mehr, keine Mutmassungen. Endlich. Wie sagte Lichtsteiner in der Mixed-Zone noch: «Gut, dass es jetzt endlich losgeht.»

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