Ukraine
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Fighters with separatist self-proclaimed Donetsk People's Republic army ride atop of a moving armoured personnel carrier in the village of Nikishine, south east of Debaltseve February 17, 2015.  Pro-Russian rebels and government forces fought street-to-street in a strategic town in east Ukraine on Tuesday and refused to pull back their heavy guns, all but scuppering hopes that a European-brokered peace deal will end months of conflict. Military trucks and tanks came and went in the largely destroyed village of Nikishine as the rebels pounded nearby Debaltseve with rockets, heavy artillery and mortar bombs.   REUTERS/Baz Ratner(UKRAINE - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT MILITARY)

Mit schwerem Gerät in die umkämpfte Stadt Debalzewo vorgerückt: prorussische Separatisten in einem Panzerfahrzeug. Bild: BAZ RATNER/REUTERS

Viele Opfer und Gefangene befürchtet

Kiews Truppen verlieren Debalzewo – was bedeutet das? Die Lage im Überblick

In der Ukraine haben die Separatisten grosse Teile der strategisch wichtigen Stadt Debalzewo eingenommen. Wie «Spiegel»-Korrespondent Christian Neef berichtet, wird mit Raketen, Artillerie und Maschinengewehren gefeuert. Die Lage im Überblick.

Christina Hebel 



Ein Artikel von

Spiegel Online

Was ist passiert?

Die OSZE-Kontrolleure wollten am Dienstag eigentlich das Einhalten der Waffenruhe im Osten der Ukraine überprüfen. Doch die Feuerpause gilt nun nicht mehr. Nur zwei Tage nach dem offiziellen Beginn sind prorussische Separatisten am Vormittag in die seit Tagen umstellte Stadt Debalzewe eingedrungen.

Am Nachmittag behaupteten sie, die Stadt grösstenteils eingenommen zu haben. Nach eigenen Angaben kontrollieren sie «80 Prozent» der Stadt. Ukrainische Journalisten sprachen von 50 Prozent des Stadtgebiets. «Spiegel»-Korrespondent Christian Neef hält sich in der Nähe von Debalzewo auf; wie er berichtet, wird in der Stadt mit Raketen, Artillerie und Maschinengewehren gefeuert. 40 Verwundete haben die Ukrainer in den vergangenen Stunden aus der Stadt herausgebracht.

A view of an explosion after shelling is seen not far from Debaltseve February 17, 2015. Government forces and pro-Russian separatists said they would not carry out an agreement to pull back heavy guns in east Ukraine on Tuesday, pushing a shaky peace deal closer to collapse.  REUTERS/Gleb Garanich  (UKRAINE - Tags: POLITICS CIVIL UNREST MILITARY CONFLICT)

Explosion einer Artilleriegranate unweit des umkämpften Stadtkerns von Debalzewo. Bild: GLEB GARANICH/REUTERS

«Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig, dann haben wir den Ort völlig unter Kontrolle», sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin in Donezk. Auch den Bahnhof in der umkämpften Stadt wollen sie beherrschen. Mehr als 300 ukrainische Soldaten seien gefangengenommen worden, es gebe «viele Tote», sagte Bassurin. Er warf Kiew vor, die Waffenruhe gebrochen zu haben.

Wie hat Kiew reagiert?

Die ukrainische Regierung bestätigte wenig später den weitgehenden Verlust Debalzewos. «Strassenkämpfe dauern an», erklärte das Verteidigungsministerium in Kiew. Die Separatisten hätten Artillerie und Panzertechnik eingesetzt. Regierungstreue Einheiten versuchten, den Gegner aufzuhalten, hiess es weiter. Kiew wies einen Bruch der Feuerpause zurück, warf den Separatisten vor, diese nicht eingehalten zu haben.

Das Ministerium teilte mit, dass sich eine Gruppe von Soldaten in Gefangenschaft der Separatisten befinde. Berichte über eine grössere Anzahl Gefangener wies das Ministerium zurück. Überprüfen lassen sich die Angaben beider Seiten nicht.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko forderte EU und Nato dazu auf, die Separatisten wegen des Bruchs des Waffenstillstands zu verurteilen.

Was bedeutet die Einnahme von Debalzewo für die ukrainischen Soldaten?

Bereits seit Tagen befürchten Beobachter, dass es ein Massaker geben könnte – wie im August in Ilowaisk, als Hunderte ukrainische Kämpfer getötet wurden. Damals hatten Separatisten die Stadt eingekesselt.

Aus Debalzewo gibt es bereits Meldungen, dass angeblich prorussische Kämpfer versuchten, Gruppen ukrainischer Soldaten zu trennen und dann zu umzingeln. Angeblich sind dort seit Tagen Tausende Regierungssoldaten eingekesselt. Bestätigt ist auch dies nicht. Es gibt zudem noch keine Bilder aus Debalzewo selbst.

epa04623960 View on destroyed buildings in Mironovka village, near Debaltseve of Donetsk area, Ukraine, 17 February 2015. Fighting escalates in eastern Ukraine, only hours after German Chancellor Merkel discusses the implementation of a three-day old ceasefire with Ukrainian President Poroshenko and Russian President Putin, who heads to Budapest.  EPA/ANASTASIA VLASOVA

Blick auf zerbombte Gebäude in Mironovka, einem Nachbarstädtchen Debalzewos.  Bild: ANASTASIA VLASOVA/EPA/KEYSTONE

Fotos aus der Umgebung der Stadt zeigen Rauchschwaden und Explosionen. Diese dramatischen Filmaufnahmen zeigen, wie Granaten rund 15 Kilometer ausserhalb Debalzewos eine Pipeline treffen. Das Kamerateam entkommt nur knapp, ein Mitarbeiter wird verletzt:

Warum wird um die Kleinstadt Debalzewo gekämpft?

Der 25'000-Einwohner-Ort ist strategisch wichtig wegen seiner Verkehrsanbindung: Debalzewo liegt zum einen an der Fernverkehrsstrasse zwischen den Hochburgen der Separatisten, Donezk und Luhansk, zum anderen verlaufen von Russland kommende Eisenbahnlinien nach Donezk durch die Stadt.

Für die prorussischen Kämpfer bedeutet die Kontrolle über Debalzewo also eine einfachere und bessere Anbindung an das Nachbarland im Osten. Ausserdem ermöglicht die strategisch günstige Lage der Stadt neue Routen zu den Städten Artjomowsk und Slowjansk, die von ukrainischen Regierungstruppen kontrolliert werden.

Was sagt die OSZE?

«Alle Seiten versuchen offenbar, bei Kämpfen neue Tatsachen zu schaffen, aber das widerspricht dem Geist des Minsker Abkommens», beklagte der stellvertretende OSZE-Missionschef Alexander Hug. Die Beobachter seien nicht nach Debalzewo gelangt, weil keine Sicherheitsgarantien gegeben worden seien.

Was bedeuten die Gefechte?

Sie sind ein Rückschlag für die Bemühungen um einen Frieden in der Ostukraine. Eigentlich sollte an diesem Dienstag der Abzug der schweren Waffen aus dem Osten der Ukraine aus einer mindestens 50 Kilometer breiten Pufferzone beginnen. So war es bei den zähen Verhandlungen in Minsk vergangene Woche vereinbart worden. In weiteren Schritten sollten Gefangene ausgetauscht und Wahlen in den von Separatisten kontrollierten Gebieten abgehalten werden. Doch auch die zweite Minsker Vereinbarung scheint nun nur noch Makulatur zu sein.

Dabei hatten noch am Dienstagmorgen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande versucht, ein Scheitern zu verhindern. Sie hatten mit den Präsidenten von Russland und der Ukraine telefoniert. Sie baten Kreml-Chef Wladimir Putin, für eine Kontrolle der Waffenruhe in Debalzewo zu sorgen – Zusagen bekamen sie aber nicht. Er reiste am Dienstag nach Ungarn, zu den Ereignissen in der Ostukraine äusserte er sich bis zum Abend nicht. 

Mit Material von dpa/Reuters

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Biden reisst das Weltruder rum – Europa freut's, aber einer zittert gewaltig

Schluss mit der «Dreckslochländer»Rhetorik und zurück zum iranischen Atomvertrag: So will der neue US-Präsident Amerika auf dem Globus neu positionieren.

Vor genau vier Jahren erwartete Barack Obama hohen Besuch im Weissen Haus: Donald Trump, der frischgewählte US-Präsident, schaute vorbei, um mit seinem Vorgänger die Amtsübergabe zu regeln. Das «exzellente Gespräch» (Zitat Obama) war der Auftakt in die traditionellen «Übergabegespräche», die immer dann nötig werden, wenn ein neuer Präsident und mit ihm rund 4000 neue Beamte nach Washington ziehen. Mehrere hundert Personen arbeiten wochenlang an einer möglichst reibungslosen …

Artikel lesen
Link zum Artikel