Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Der enttäuschte Ronaldo mit der Silbermedaille. bild: Getty images europe

Ronaldo kämpft vor dem WM-Final mit dem Tod – warum er trotzdem spielt, bleibt ein Rätsel

12. Juli 1998: Ronaldo soll Brasilien im WM-Final gegen Frankreich zur Titelverteidigung schiessen. Doch der junge Starstürmer bringt kein Bein vor das andere. Die Geschichte einer mysteriösen Erkrankung, die wohl für immer ungeklärt bleibt.

12.07.17, 00:01 12.07.17, 14:10


Brasilien ist vor dem WM-Final 1998 in Paris gegen Gastgeber Frankreich der haushohe Favorit. Roberto Carlos, Dunga, Rivaldo, Bebeto und vor allem der erst 21-jährige Ronaldo sollen der Seleção «La Penta», den fünften WM-Titel, und die Titelverteidigung bescheren. 

Ronaldo ist bislang die grosse Entdeckung dieser WM. 1994 in den USA ist er zwar schon dabei, kommt aber nicht zum Einsatz. Jetzt schlägt seine Stunde: Vier Tore hat der Stürmer von Inter Mailand auf dem Weg in den Final erzielt und mit seinen Tempo-Dribblings nicht nur die brasilianischen Fans verzückt.

Doch als rund eine Stunde vor dem Final die Aufstellungen auf der Pressetribüne des Stade de France verteilt werden, der grosse Schock: Ronaldo spielt nicht. «n.a.», «not available» steht hinter seinem Namen. Für ihn soll Edmundo neben Bebeto stürmen.

Die erste Aufstellung: Edmundo im Sturm. Bild: Screenshot Youtube

Zwei Listen und viel Verwirrung

Um 20 Uhr ist Brasiliens Wunderwaffe noch nicht einmal im Stadion. Der brasilianische Teamarzt Dr. Lidio Toledo lässt ausrichten, Ronaldo könne aufgrund einer Verletzung am linken Sprunggelenk nicht spielen. Doch eine Viertelstunde später aber verteilen die Volunteers plötzlich neue Listen. Diesmal steht die Nummer 9, Ronaldo, in der Startelf. Die 21, Edmundo, ist wieder gestrichen.

15 Minuten später die zweite Aufstellung: Ronaldo spielt von Beginn an. Bild: Screenshot Youtube

Ronaldo spielt tatsächlich, doch er ist nur ein Schatten seiner selbst. Nichts will ihm gelingen, wie ein Geist irrt er über das Spielfeld und scheint die in den Spielen zuvor so unbeschwerten, dynamischen Teamkollegen mit seiner Lethargie anzustecken. 0:3 geht Brasilien gegen die von Zinédine Zidane angeführten Franzosen unter. Ein Land steht unter Schock.

Gezwungen? Der Magen? Allergie? Stress?

Nicht nur Brasilien, die ganze Welt rätselt nach dem Schlusspfiff über den laschen Auftritt von Ronaldo. Warum hatte «O Fenomeno» gespielt, obwohl er offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war? Hatte Sponsor Nike ihn gezwungen? Der Ausrüster, der so aggressiv mit der Seleção geworben, die Mannschaft mit einem mörderischen Programm von Freundschaftsspielen rund um den Globus gejagt und eine Abmachung, dass Ronaldo immer 90 Minuten spielen müsse, erzwungen hatte?

Oder hatte die Wettmafia etwa die Hände im Spiel? Wurde das Spiel verschoben? Streikte der Magen? Hatte Ronaldo einen epileptischen Anfall? War es eine allergische Reaktion auf das Schmerzmittel Xilocaine, mit welchem seine Schmerzen im Knie unaufhörlich gedämpft wurden? Oder war es eine psychosomatische Reaktion auf all den Rummel um ihn?

Brazil's Ronaldo, on ground, is consoled by teammate Bebeto after France defeated Brazil 3-0 during the final of the soccer World Cup 98 between Brazil and France at the Stade de France in Saint Denis, north of Paris, Sunday July 12, 1998. (KEYSTONE/AP Photo/Michel Euler)

Ronaldo muss nach dem Schlusspfiff von Bebeto getröstet werden. Bild: AP

Noch heute ist das Rätsel nicht vollends gelöst. Selbst ein vom brasilianischen Parlament eingesetzter Untersuchungsausschuss bringt keine Klarheit in die rätselhafte Affäre. Fakt ist, dass Ronaldo am Nachmittag des Finaltages im Teamhotel den Formel-1-GP von Silverstone im TV schaut.

Plötzlich erleidet der Stürmer einen Anfall und schlägt wild um sich. Ronaldo hat Schaum vor dem Mund, die Mitspieler müssen ihn festhalten. «Es war schockierend, denn er ist so gross und stark und machte es mit aller Kraft», sagt Edmundo später.

Ronaldo bei der WM 1998. Video: YouTube/Hossam Ronaldo

Roberto Carlos: «Ronaldo stirbt!»

Zimmerkollege Roberto Carlos läuft auf den Flur und ruft laut: «Ronaldo stirbt.» Als die Ärzte auf sich warten lassen, rettet ihm Teamkollege César Sampaio das Leben, indem er die Zunge, die Ronaldo verschluckt hat, aus dem Mund zieht. 

«Ich kann mich an nichts erinnern. Ich war drei, vier Minuten bewusstlos.»

Ronaldo

Dann kommen endlich die Ärzte und als Ronaldo eingeschlafen ist, raten sie dem Team, ihm nichts von dem Vorfall zu erzählen. Das tun sie. «Ich kann mich an nichts erinnern. Ich war drei, vier Minuten bewusstlos», sagt Ronaldo, als er später zum Vorfall befragt wird.

Die Teamkollegen stehen unter Schock. «Als wir um 17.30 Uhr gegessen haben, kam Ronaldo als Letzter, sass aber nur mit hängendem Kopf da, schwieg und ass nichts», erinnert sich Edmundo. Die Mannschaft fährt ohne ihn und ohne die sonst übliche Samba-Musik ins Stadion. Ronaldo wird in die Klinik Lilas geschickt.

FRANCE - JULY 12:  WM FRANCE 98, FINALE Paris; BRASILIEN - FRANKREICH 0:3 (BRA - FRA); FRANKREICH FUSSBALLWELTMEISTER 1998; v.lks.: Frank LEBOEUF/FRA, Torwart Fabien BARTHEZ/FRA und RONALDO/BRA  (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Ronaldo scheitert aus spitzem Winkel an Fabien Barthez. Bild: Bongarts

Bei den Tests im Spital wird nichts diagnostiziert, der Verdacht auf einen epileptischen Anfall bestätigt sich nicht. Der 21-Jährige muss eine Erklärung unterschreiben, auf eigene Verantwortung entlassen zu werden. Einen Kontakt zur Mannschaft oder den Teamärzten, die mit dem Bus ins Stadion gefahren sind, gibt es nicht.

Eine Stunde vor Spielbeginn kommt Ronaldo im Stade de France an. In der Kabine erklärt er sich für fit. Ronaldo zieht sich das Trikot an und bittet Mannschaftsarzt Dr. Lidio Toledo, spielen zu dürfen. Die Ärzte in der Klinik hätten nichts gefunden. «Wirklich», fragt Toledo und Ronaldo antwortet vor versammelter Mannschaft: «Ja, ich habe keine Probleme. Ich möchte spielen und ich werde spielen!» Trainer Mario Zagallo entscheidet sich, Ronaldo aufzustellen. Ohne sich aufzuwärmen, betritt dieser den Platz, mit den bekannten Folgen.

«Medizinisch war nichts, rein gar nichts»

Ronaldo bestreitet später, von Nike zum Spielen gezwungen worden zu sein: «Mein Verhältnis zu ihnen war immer sehr gut, sie haben von mir nur verlangt, ihre Schuhe zu tragen und ein paar Tore zu schiessen.» Zur Auflösung des Mysteriums schweigt er, wann immer möglich. Der spanischen Tageszeitung «El Pais» sagte er vor einigen Jahren: «Ich kann es nicht erklären. Ich weiss nur, dass ich mich sehr krank fühlte, dass wir ins Krankenhaus fuhren und alle nur möglichen Tests machten. Medizinisch war nichts, rein gar nichts.»

FIFA-Doku über den Final von 1998 (englisch). Video: streamable

2012 erreicht uns eine neue Verschwörungstheorie aus einem Gefängnis in Simbabwe. Dort sitzt ein Wettpate aus Singapur und dieser erzählt, er habe Ronaldo damals bestochen, schlecht zu spielen, um Frankreich zum Titel zu verhelfen. Das vorherige Theater soll nur als Alibi für die schlechte Leistung gedient haben. Naja, tönt mehr als zweifelhaft.

In einer BBC-Doku mit Gary Lineker kurz vor der WM 2014 in Brasilien gibt sich Ronaldo noch immer zugeknöpft: «Es war nicht das beste Spiel meines Lebens, aber es war okay. Ich rannte und versuchte, alles zu geben. Frankreich spielte sehr gut und war ein harter Gegner.»

Ronaldo spricht über den Vorfall vor dem WM-Final (englisch). Video: streamable

In Brasilien will man den Vorfall ruhen lassen. Erst recht, seit Ronaldo die «Seleção» 2002 mit acht Toren – zwei im Final gegen «Titan» Oliver Kahn – zum fünften WM-Titel geschossen hat. Neben den zwei grössten Fussball-Katastrophen des Landes – «Maracanaço», der verpasste Titel 1950 im eigenen Land, und «Mineiraço», das 1:7 gegen Deutschland an der Heim-WM 2014 – und dem Tod von Ayrton Senna gehört der mysteriös verpatzte Final 1998 in Paris definitiv zu jenen Sport-Ereignissen, mit welchen sich die brasilianische Volksseele lieber nicht mehr allzu intensiv beschäftigen will.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Alle Fussball-Weltmeister

Fussball-Quiz

Jetzt mal eine ganz wichtige Frage: Welcher Ball bist du?

Wer war der häufigste Mitspieler in der Karriere von …?

Was weisst du über die Sponsoren der Premier-League-Klubs?

Wer war alles dabei? Bei diesen legendären WM-Aufstellungen kannst du dich beweisen 

Du wirst dich fühlen wie ein Clown – Teil 2 des Trikot-Quiz wird schwierig

Dieses knifflige Rätsel löste mein Chef in 4:14 Minuten – bitte, bitte, sei schneller!

Dieses logische Rätsel hat noch niemand unter 10 Minuten geschafft. Bist du der erste?

Erkennst du den Fussball-Klub, wenn du nur einen Teil des Logos siehst?

Wenn du diese Trikot-Klassiker nicht kennst, musst du oben ohne spielen

Fussball-Stadien, wie sie früher ausgesehen haben. Na, erkennst du sie auch alle?

Italienischer Fussballer oder Pastasorte? Hier kannst du deine Bissfestigkeit beweisen 

Huch, da fehlt doch was! Kennst du das Logo deines Lieblingsklubs ganz genau? Wir sind skeptisch ...

Es sind nicht alle Zitate von Zlatan: Aber zu wem gehören die herrlich arroganten Fussballer-Sprüche dann?

Volume II: Erkennst du den Fussball-Klub, wenn du nur einen Teil seines Logos siehst?

In der Disco, im Kino oder beim Fluchen – finde heraus, welcher Fussball-Star du am ehesten bist

Erkennst du den Fussball-Klub, wenn du nur einen Ausschnitt seines Logos siehst?

Vom Selfie bis zum Kokser-Fake – erkennst du die Fussball-Stars anhand ihres Jubels?

Achtung knifflig! Natürlich weisst du, wo Diego Benaglio, Mats Hummels oder Gerard Piqué spielen. Aber weisst du auch, bei welchem Verein sie vorher waren?

0, 1+8, 23, 52, 618 – weisst du, wieso Fussballer teilweise so schräge Rückennummern tragen?

Volume III: Erkennst du den Fussballklub, wenn du nur einen Teil seines Logos siehst?

Dass dieser Bub Wayne Rooney ist, hast du bestimmt erkannt. Aber wie sieht es mit anderen Fussballstars aus?

Achtung, noch kniffliger! Für welchen Klub haben diese 23 Fussballer denn früher gespielt?

Wenn du von einem Fussballer nur den Lebenslauf siehst: Weisst du, wen wir suchen?

11 Fragen bis zum Henkelpott: Hast du die Königsklasse, um dir den Champions-League-Titel zu holen? Aber Achtung, es ist wirklich knifflig

Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Daily Newsletter

5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mia_san_mia 12.07.2017 14:47
    Highlight Da mag ich mich noch gut erinnern... War echt komisch das ganze
    3 0 Melden
  • joevanbeeck 12.07.2017 12:16
    Highlight Kein Spieler dieser Welt würde sich vor einem WM-Final bestechen lassen. Wenn man schon Verschwörungs-theorien aufstellt wäre mein Täter Nummer 1 der Französische Geheimdienst ( DGSE ) .... so eine Tat würde perfekt zu denen passen.
    7 9 Melden
    • droelfmalbumst 12.07.2017 16:28
      Highlight Kein Spieler... hast du eine Ahnung wenn da mehrere Millionen, CASH, warten...
      5 5 Melden
  • Nosgar 12.07.2017 07:53
    Highlight Dass er die Entdeckung der WM war, würde ich so nicht sagen. Schliesslich war er zuvor 2x Weltfussballer des Jahres.
    61 1 Melden
    • greeZH 12.07.2017 11:52
      Highlight Superstar wäre eher der richtige Begriff. Der Hype was damals auf Messi-Level.
      19 0 Melden

Die Schweizerin Nicole Petignat pfeift als erste Frau ein Europacup-Spiel der Männer

14. August 2003: Beim UEFA-Cup-Qualifikationsspiel zwischen AIK Stockholm und Fylkir übernimmt eine 1,65 Meter grosse und 54 Kilogramm leichte Neuenburgerin das Kommando. Eine Woche zuvor ist Nicole Petignat noch heftig attackiert worden. 

Die Affiche zwischen dem schwedischen Vertreter AIK Stockholm und dem Gegner Fylkir Reykjavik aus Island interessiert nur die Direktbeteiligten. Vielmehr im Fokus steht eine zierliche Frau aus La Chaux-de-Fonds. Die 36-jährige Nicole Petignat hat die «Ehre» (oder Bürde), als erste Frau ein Europacup-Spiel bei den Männern zu leiten.

Vor dem für sie wichtigsten Spiel der Karriere steht sie wenige Stunden vor dem Ernstkampf kurz ihrem Heimblatt Le Quotidien Jurassien Red und Antwort. Am …

Artikel lesen