Unvergessen
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Mount Hermon Deerfield Academy Football

Schon auf der Titanic wusste man: Solange die Musik spielt, ist alles okay. Auch wenn das Publikum den Musikanten den Rücken zukehrt. bild: screenshot

Unvergessen

Während hinten die Schule abbrennt, spielt das College-Team vorne einfach weiter

20. November 1965: Unglaubliche Szenen in Massachusetts. Während dem College-Football-Spiel zwischen Mount Hermon und Deerfield Academy fängt das Schulhaus neben dem Platz Feuer. Und was machen die Spieler? Sie spielen einfach weiter. Aus Sicherheitsgründen. 



Auf den ersten Blick muss das Bild gefälscht sein. Während ein Football-Spiel stattfindet, löscht im Hintergrund die Feuerwehr einen grossen Brand des Schulgebäudes. Aber nein, es ist kein Fake, im Gegenteil. Das Bild von Robert van Fleet wurde 1965 von der Nachrichtenagentur AP zum «Sportbild des Jahres gewählt. Hier deshalb die Szene in seiner ganzen Schönheit:

Mount Hermon Deerfield Academy Football

Das Sportbild des Jahres 1965.  bild: robert van Fleet

Die Frage stellt sich aber: Wieso spielen die einfach weiter? Die Erklärung ist ganz einfach. Aus Sicherheitsgründen. Wie das? So:

Die Rivalität der College-Teams der Mount Hermon und der Deerfield Academy gilt als ähnlich gross wie diejenige zwischen den New York Yankees und den Boston Red Sox. Heute treffen sich die beiden Teams zum Saisonabschluss. Mount Hermon gewann bisher alle 17 Partien und könnte mit einem letzten Sieg eine perfekte Saison abliefern.

Je nach Quelle sind zwischen 3000 und 7000 Fans anwesend. Die Autos parkieren sie teilweise auf den Wiesen rund um das Spielfeld. Die Tage davor hatte es geregnet, der Boden ist tief und nass, die Akteure nach wenigen Spielzügen mit Dreck überzogen. Mount Hermon kommt mit den Bedingungen nicht zurecht und liegt kurz vor der Halbzeit 0:20 zurück. Da entdecken erste Zuschauer und  Spieler plötzlich dunklen Rauch, der aus dem Gebäude der naturwissenschaftlichen Abteilung des Klubs steigt. 

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Das Feuer lodert, die Feuerwehr löscht, die Footballer spielen weiter. Video: streamable

«Jemand schrie ‹Feuer! Feuer!› und die Partie wurde sofort unterbrochen», erinnert sich James van Fleet, der für Mount Hermon spielt, Jahre später in der «New York Times». Doch während dem Unterbruch entscheiden die Offiziellen: weiterspielen. Jahre später erklären sie den Entscheid mit der Sicherheit. Es wäre ein zu grosses Chaos gewesen, wenn bis zu 7000 Leute plötzlich «nichts mehr zu tun gehabt hätten». So wollte man die Zuschauer dazu bringen, das Spiel zu schauen und die Feuerwehr ihren Job machen zu lassen.

Diese Feuerwehr hatte sowieso einen kurzen Anfahrtsweg. Zumindest ein Auto stand eh am Spielfeldrand, denn bei jedem Punkt des Heimteams wurde das Horn gespielt. «Das war praktisch, in der Pause mussten wir nur über das Feld zum Gebäude fahren und fingen an zu löschen», erinnert sich Feuerwehrmann Jay Ward in einer kurzen Dok über den Vorfall.

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Sehenswerte Kurz-Dok zum Vorfall (englisch, ab 2:45 Minuten wird's interessant). Video: YouTube/Andrew Taylor

Nicht nur Ward blieb anscheinend ruhig, sondern alle Beteiligten. Die Zuschauer drehten dem Spiel zwar von den Tribünen meist den Rücken zu und beobachteten das Feuer, aber Panik brach nicht aus. Steven Webster, der auch vor Ort war, hat eine einfache Erklärung bereit: «Was will man auch machen, wenn man beim Feuerlöschen nicht helfen kann. Dann kannst du auch ein Football-Spiel schauen.» Zu erwähnen gilt dabei: Das berühmte Foto täuscht etwas. Das Gebäude stand nicht direkt hinter der Tribüne, sondern war von diesem durch ein ca. 70 bis 90 Meter breites Feld getrennt.

Mount Hermon Deerfield Academy Football

Überall waren die Partie und der Brand ein grosses Thema. bild: Screenshot

Ebenfalls ruhig Blut bewahrte Robert van Fleet, Vater des Spielers James. Der Journalist des «Ottaway News Service» hatte per Zufall seine Kamera dabei. «Erst war ich geschockt und fühlte mich hilflos. Dann drückte der Journalist in mir durch und ich schoss etwa 20 Fotos.» So erklärte er seine Tat der Schule, welcher er danach einen Brief schrieb, wie die Szene aus seiner Sicht ablief. Er verkaufte die Fotos nicht, sondern bat alle Zeitungen, das Honorar dem «Mount Hermon Progress Fund» zu spenden.

Viel Geld kam dabei zwar nicht zusammen, aber neben den Agenturen AP und UPI druckte unter anderem das Life Magazin das Bild gross ab und weltweite Medien nahmen den Vorfall auf. Eine Zeit lang hingen Kopien davon in ESPN Sportbars. Noch heute geistert das Bild immer mal wieder durchs Internet.

Mount Hermon Deerfield Academy Football

Nichts mehr zu machen: Das Gebäude musste abgebrochen werden. screenshot: youtube

Die damaligen Spieler und Trainer verstehen den Entscheid, das Spiel weiterlaufen zu lassen, noch immer. Deerfield-Coach Jim Smith etwa gibt auch im hohen Alter noch zu: «Es war schon schräg, aber ja, es war auch ein sehr wichtiges Spiel. Was hätten wir machen sollen?» Sein Team rettete den Pausenvorsprung übrigens über die Zeit und siegte 20:14. 

Mount Hermon verlor also nicht nur die Partie und die Chance auf eine perfekte Saison – sondern auch ein Schulgebäude.

Mount Hermon Deerfield Academy Football

Und jetzt noch in Farbe.  bild: Screenshot

Das Gebäude musste danach abgebrochen werden. Unter anderem konnten hunderte, teilweise seltene, ausgestopfte Vögel nicht aus dem Haus gerettet werden. Der Stadt-Archivar ist trotzdem überzeugt, dass dies nicht der aufregendste Moment der Schule war: «1934 wurde der Schulleiter auf ungeklärte Art ermordet», sagte er der «New York Times». Ungeklärt ist auch die Brandursache. Es wird eine Fehlverdrahtung und ein Kurzschluss vermutet. Das Gerücht von Brandstiftung konnte nie bewiesen werden. 

Seit 2014 stellt Northfield Mount Hermon (man legte sich in der Zwischenzeit mit der Schule Northfield zusammen) kein Football-Team mehr. Das sei auch der zuletzt immer wieder diskutierten Angst vor Kopfverletzungen geschuldet.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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