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So sieht eine Übersetzerin aus. Jedenfalls, wenn sie für Hito Steyerls Video «Lovely Andrea» arbeitet. Sie heisst Asagi Aghea. Bild: hito steyerl

Ein Bondage-Girl macht Karriere: Das aufregende Frühwerk der Hito Steyerl gibt's jetzt in Zürich zu sehen



Als Ronald Reagan in Berlin sagt: «Mr. Gorbachev, tear down this wall!», ist Andrea 22 und Hito 21 Jahre alt. Die beiden sind beste Freundinnen. Seit vielen Jahren. Doch jetzt, 1987, studiert Hito in Tokyo, und Andrea besetzt Häuser in Berlin und sympathisiert mit der RAF. Hito will Dokumentarfilmregisseurin werden, Andrea Revolutionärin bleiben. Hito lässt sich in Fesseln legen, Andrea kommt ins Gefängnis. Und Hito nennt sich Andrea.

Denn Hito braucht Geld fürs Studium und arbeitet nebenher in Tokyo als Bondage-Model. Lässt sich kunstvoll und nackt verschnüren, ihr Bondage-Pseudonym lautet Lovely Andrea. Als Lovely Andrea posiert sie in billigen Fetisch-Magazinen, Lovely Andrea ist eine unterwürfige Deutsche.

1990 kehrt Hito Steyerl nach Deutschland zurück und arbeitet für Wim Wenders. 1996 flieht Andrea Wolf nach Kurdistan und schliesst sich dort der Untergrund-Organisation PKK an. Zwei Jahre später, Ende Oktober 1998, wird sie getötet. Seither gilt sie als Märtyrerin der PKK. 

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Das Mädchen in schwarzem Leder ist Andrea Wolf. Hier im Film, den sie und Hito Steyerl als Siebzehnjährige gedreht haben und den Steyerl in «November» wiederverwendet hat. Bild: hito steyerl

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Das Heldenplakat der toten Andrea Wolf. Bild: hito steyerl

Als Hito Steyerl und Andrea Wolf Teenager waren, drehten sie zusammen in ihrer Heimat Bayern einen pathetischen Kampffilm: Drei Mädchen verprügeln Männer, Hito wird erschossen, Andrea rast auf einem Motorrad in den Sonnenuntergang. Im Film «November» (2004) erinnert sich Hito Steyerl an dieses Jugendwerk und an das Verschwinden der Freundin, deren Leichnam nie an die Familie zurückgegeben wurde. War ihr Tod etwa eine Fiktion? Fuhr die echte Andrea etwa auch einfach in einen Sonnenuntergang davon? Und wieso fand sie das heldenhaft inszenierte Bild ihrer Freundin in einem Pornokino neben Pinups? Und was hat das alles mit dem Tod von Bruce Lee zu tun? 

Es kann kein Zufall sein, dass Social Media und Sado Maso beide die Abkürzung SM tragen, denkt man sich so.

2007 reist Hito Steyerl wieder nach Tokyo für ihren Film «Lovely Andrea» und begibt sich auf die Suche nach ihren eigenen Bondage-Bildern. Sie begegnet ihrem alten «Ropemaster» wieder, ihre Dolmetscherin ist selbst eine Bondage-Ikone, sie philosophiert über allerlei Netz- und Fesselkünstler – Spiderman war einer, Houdini auch. Und restlos alles, was sie zur erotischen Knotentheorie sagt, lässt sich auch auf das grösste, fesselndste aller Netze, das Internet, anwenden: gleichzeitige Befreiung und Abhängigkeit, Entblössung und Scham. Es kann kein Zufall sein, dass Social Media und Sado Maso beide die Abkürzung SM tragen, denkt man sich so. 

Hito Steyerl ist heute Professorin für Medienkunst an der Universität der Künste Berlin. Nur ungern sieht sie sich als Künstlerin, obwohl sie gerade den deutschen Pavillon an der Biennale von Venedig bespielt. Mit einem Raum, der zur Netzskulptur umgestaltet ist und von der Verfertigung digitaler Bilder erzählt. Von der multiplen Manipulation der Realität, die in die Virtualität verschoben wird. Von der Abweichung von einem Original. 

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Dies ist ganz sicher Hito Steyerl als Lovely Andrea. Bild: hito steyerl

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Eine dieser Damen ist vielleicht Hito Steyerl. Bild: hito steyerl

Denn das ist der Kern ihrer Arbeiten, von «November» über «Lovely Andrea» bis zu einer Arbeit wie «How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational. MOV File» (2014): Die Bilder, die sie benutzt, herstellt oder anaylisiert, sind sogenannte «Poor Images». Arme Bilder. Also Bilder, die bearbeitet, vervielfältigt und verbreitet werden, Raubkopien, Videos, Screenshots, gefiltert, verpixelt, durch den Photoshop gejagt, aufgeblasen oder reduziert. Angereichert durch die Montagen und Spuren derer, die sie benutzt und also auch interpretiert haben. 

Poor images sind demokratisch und populär. So, wie auch Hito Steyerls Ästhetik auf den höchsten Höhen der Theorie immer noch mit dem Vokabular der Populärkultur spielt: mit ihrem Tarantino-Soundtrack, ihren Comic- oder Computerspiel-Grafiken, ihren Film-Assoziationen, ihrem Witz und ihrer Spannung. Und so, wie auch das Plakat einer Revolutionsheldin und das Poster eines Pinup populär sind. 

Das Zürcher Experimental- und Videofilm-Festival Videoex (23. bis 31. Mai)

Schwerpunkte Hito Steyerl und Elodie Pong

Neben den beiden Klassikern «November» und «Lovely Andrea» zeigt das Videoex auch neuere Arbeiten wie «How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational. MOV File» von Hito Steyerl. Der Schweizer Fokus gehört heuer der in Zürich lebenden Elodie Pong: Sie besticht besonders mit «Contemporary» (2011), einem 70-minütigen Making-of ihres 13-minütigen Performance-Videos «After the Empire» (2008). Die Menschen, die in «After the Empire» Elvis, Marx oder Marilyn spielen mussten, erzählen hier über sich selbst, ihre persönlichen, politischen und ästhetischen Wertvorstellungen, über Kunst, Konsum oder auch einfach über ihren Lieblingsvogel. 
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