Wirtschaft
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Übernahmen zum Steuern sparen und Börsen wie Kasinos: Die entfesselte Marktwirtschaft.  Bild: Shutterstock/meatbull

Erklärbär

Der Kapitalismus muss gerettet werden – und zwar vor sich selbst

Volkswirtschaftliche Firmenübernahmen und manipulierte Börsen: Die Marktwirtschaft wird zunehmend pervertiert.

Angenommen, ein US-Pharmakonzern würde ein Übernahmeangebot an Novartis oder Roche machen. Betriebswirtschaftlich macht der Deal keinen Sinn. Die Unternehmen sind in anderen Märkten tätig, sie haben verschiedene Kulturen und es gibt kaum Synergien. Der einzige Grund für die Übernahme besteht darin, Steuern zu sparen und kurzfristig den Aktienpreis in die Höhe zu treiben. Wie würde die Schweizer Öffentlichkeit reagieren? 

 «Der Deal wird AstraZeneca weder helfen, bessere Medikamente zu entwickeln, noch seine Möglichkeiten stärken, lebensrettende Produkte auf den Markt zu bringen.»

«Financial Times» 

Für die Briten ist das derzeit keine akademische Diskussion. Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer – bekannt als Hersteller von Viagra – will die britische Traditionsfirma AstraZeneca erwerben. Strategisch gibt es dafür keinen Grund. «Der Deal wird AstraZeneca weder helfen, bessere Medikamente zu entwickeln, noch seine Möglichkeiten stärken, lebensrettende Produkte auf den Markt zu bringen. Es wird auch nicht dazu führen, dass der Wettbewerb auf diesen Märkten verschärft und damit der Innovationsdruck erhöht wird», stellt die «Financial Times» klar.

Wenn Firmen ins Ausland verkauft werden, weckt das Emotionen

Übernahmen von Traditionsfirmen sind stets mit Emotionen begleitet. Durch die Schweiz ging ein Entrüstungssturm, als Toblerone ins Ausland verkauft wurde. Frankreich hat einst gar den Yoghurthersteller Danone in den Rang eines strategisch wichtigen Unternehmens erhoben, um zu verhindern, dass das Unternehmen in fremde Hände fiel.

Ein Aufschrei ging durch die Schweiz, als die Traditionsfirma Toblerone ins Ausland verkauft wurde. Bild: KEYSTONE

Im Normalfall haben die Befürworter von Firmenübernahmen die ökonomische Theorie auf ihrer Seite. Sie verweisen auf Josef Schumpeter und seine Theorie der «schöpferischen Zerstörung». Sie besagt, dass in einer dynamischen Volkswirtschaft bestehende Strukturen zum Einsturz gebracht werden müssen, damit Innovation entstehen und damit mehr Wohlstand geschaffen werden kann. 

«Das Übernahmeangebot von Pfizer ist Finanzkasino pur.» 

Philipp Löpfe

Beim Übernahmeangebot von Pfizer ist dies nicht der Fall. Es ist Finanzkasino pur und stellt die Grundsatzfrage des modernen Kapitalismus: Welche Rolle spielen die Aktionäre? 

Unternehmen werden wie ein Sack Kartoffeln behandelt

Gegen Aktien ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Ohne Aktionäre wäre die moderne Marktwirtschaft nie möglich gewesen. Doch Aktionär ist nicht gleich Aktionär. Der traditionelle Aktionär stellt einem Unternehmen Risikokapital zur Verfügung und wird dafür mit einer anständigen Rendite belohnt. Ihm liegt daher grundsätzlich das langfristige Wohlergehen am Herzen. Das gilt selbst im Zeitalter des viel zitierten Shareholder Values. Auch hier kann man verkürzt gesagt argumentieren: Wenn Kunden und Mitarbeiter zufrieden sind, dann stimmt auch der Gewinn eines Unternehmens und damit die Rendite der Aktionäre. 



Im Fall Pfizer/AstraZeneca hingegen fällt diese Argumentation in sich zusammen. Der technologische Fortschritt hat es möglich gemacht, dass Aktien heute innert Sekundenbruchteilen gekauft und verkauft werden. Mit Risikokapital im traditionellen Sinne hat dies nichts mehr am Hut. Aktionäre werden gleich behandelt, ob sie «ihre Aktien während zehn Jahren oder zehn Sekunden besitzen», wie es Martin Wolf in der «Financial Times» ausdrückt. «AstraZeneca kann gekauft und verkauft werden wie ein Sack Kartoffeln.» 

Dark Pools ersetzen Börsen

In Nicht nur die Rolle der Aktionäre verändert sich, auch die Art und Weise, wie Aktien gehandelt werden. Die Idee einer Börse besteht darin, dass sie ein Marktplatz ist, auf dem alle zu gleichen Bedingungen handeln können und die Preise transparent sind. Das ist heute nicht mehr der Fall. Warum dies so ist, beschreibt Michael Lewis in seinem Buch «Flash Boys» 

Heute geht es an der Börse um Sekunden. Wer eine Millisekunde schneller ist, macht ein todsicheres Geschäft.   Bild: Getty Images North America

Zwei Entwicklungen haben die jüngste Vergangenheit der Finanzmärkte geprägt: Erstens haben die zentralen Börsen wie beispielsweise die New York Stock Exchange an Bedeutung verloren. Es gibt heute eine Vielzahl von kleineren Börsen, die durch Glasfaserkabel miteinander verbunden sind. Zudem betreiben Grossbanken oder Unternehmen wie Blackrock eigene Handelsplattformen, sogenannte Dark Pools, die Käufer und Verkäufer direkt zusammenführen. 

«Die Flash Boys wissen, was andere Investoren an den Börsen kaufen oder verkaufen wollen und können dieses Wissen zu ihrem eigenen Nutzen verwenden.»

Philipp Löpfe

Warum die Flash Boys legal Insiderhandel betreiben können

Zweitens sind diese Börsen mit Glasfaserkabel untereinander verbunden. Deshalb ist ein Handel in Echtzeit möglich – oder beinahe. Die so genannten Flash Traders haben nämlich entdeckt, dass es selbst bei den modernsten Glasfaserkabeln und bei den leistungsstärksten Computern Verzögerungen im Bereich von Millisekunden entstehen können. Das nützen sie aus, indem sie ihre Computer möglichst nahe an die Server der Börsen platzieren und eigene Glasfaserkabel legen, welche die Börsenplätze auf dem direktesten Weg verbinden. 

Die privaten Glasfaserkabel kosten hunderte von Millionen Dollar, doch der Einsatz lohnt sich. Wenn es den Flash Boys gelingt, auch nur einen Vorsprung von ein paar Millisekunden zu erreichen, dann können sie ein todsicheres Geschäft machen. Sie können legal Frontrunning betreiben, will heissen: Sie wissen, was andere Investoren an den Börsen kaufen oder verkaufen wollen und können dieses Wissen zu ihrem eigenen Nutzen verwenden. 

«Einige Aktionäre sind gleicher.» Die Börsen werden zu Kasinos. Bild: Getty Images North America

Im Kasino mit gezinkten Karten spielen

Im Zeitalter des Flash Tradings entsteht eine Zweiklassen-Gesellschaft, einige Aktionäre sind gleicher als die anderen. Die Börsen werden so nicht nur zu Finanzkasinos, sondern zu Kasinos, in denen einige mit gezinkten Karten spielen dürfen. Volkswirtschaftlich gesehen sind die Folgen verheerend. «Die Absahner GmbH schafft keine Märkte, sie ist vielmehr ein Parasit», stellt Lewis fest. «Ihr Zwischenhandel ist nichts anderes als eine Kapitalsteuer, und sie kassiert diese Steuer von Akteuren, die Kapital benötigen und dem produktivsten Nutzen zuführen. Wenn dieser Parasit getilgt werden könnte, würde die gesamte Wirtschaft profitieren.» 

Fazit: Steueroptimierung als einziges Ziel von Unternehmensfusionen und Börsenplätze, die das legale Ausnützen von Insiderwissen ermöglichen, sind dekadente Auswüchse. Es sind tödliche Krebsgeschwüre, die die Zukunft der Marktwirtschaft in Frage stellen. Oder anders ausgedrückt: Der Kapitalismus muss gerettet werden – und zwar vor sich selbst.  

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    Alle Leser-Kommentare
  • Horny 03.06.2014 17:28
    Highlight Highlight Nun, ich bin mir da nicht so Sicher, das der Kapitalismus vor sich selbst gerettet werden kann. Dies weil alle das Selbe machen. Der einzige Unterschied besteht darin, das die EU und die Schweiz mit altem Werkzeug arbeiten müssen, weil das Neue seit Jahrzehnten dort verboten ist. Die Tatsachen, dass Insidergeschäfte unter Vorbörslichem Handel in den USA Normal und Legal sind, aber in der EU und Schweiz unter Strafe stehen und somit Verboten, zeigt die nicht unwichtigen Nachteile von Frankfurt, London und Zürich ect.
  • saukaibli 13.05.2014 12:54
    Highlight Highlight Ein regulierter Kapitalismus würde gut funktionieren, das hat man damals in den 50ern bis 70ern gesehen. Leider hat die Reagan-Administration angefangen die Regeln für die Finanzmärkte, welche nach der grossen Depression in den 30ern eingeführt wurden, abzuschaffen. Alle anderen US-Regierungen danach und im Schlepptau auch die der anderen Industrieländer gingen immer noch weiter bis fast sämmtliche Regularien abgeschafft wurden, so wie es in den 20er Jahren auch schon war. Und wohin hat uns diese von der Wirtschaft korrumpierte Politik geführt? Genau dorthin wo sie uns wieder führen wird, wenn wir nicht wieder Regeln für Finanzmärkte einführen: In katasrophale Wirtschaftskrisen.
    Aber da in Wirtschaftskrisen die Reichen profitieren (siehe die letzten 5 Jahre), während das einfach Fussvolk darunter leidet, haben die regierenden Personen (die ja meist selber reich sind) kein Interesse etwas daran zu ändern.
    Und dann gibt es immer noch so viel "Fussvolk", das genau solche Parteien wählt (FDP, SVP), die genau solche Wirtschaftskriesen herbeisehnen und herbeiführen.
  • Zeit_Genosse 13.05.2014 09:08
    Highlight Highlight Danke Herr Löpfe. Ich bin ganz bei den Aussagen. Und jetzt wäre es spannend, wie dieser gerettete Kapitalismus aussehen sollte. Die einen wollen ihn gar überwinden, wissen jedoch nicht was sie damit meinen, die anderen hoffen, dass der abstrakte Markt wie ein selbsterhaltendes Wesen das selbst regelt und wiederum andere profitieren davon, dass man mit Geld am rechten Ort zur rechten Zeit mehr Geld macht, ohne sich weitere und vertiefte Gedanken zu machen. Der Rest frisst als Schafe Gras (einige davon rauchen es) und hofft, dass der Wolf ein anderes Schaf reisst und man nicht selbst betroffen ist.
  • Luzius Meisser (1) 13.05.2014 08:48
    Highlight Highlight Die einfachste Lösung wäre, diese falschen Steueranreize abzuschaffen. Die Wurzel des Übels liegt hier nämlich beim Staat, bzw. bei den schlecht konzipierten amerikanischen Steuergesetzen.
  • Oki 12.05.2014 22:40
    Highlight Highlight Koste es was es wolle.
  • Singanet 12.05.2014 21:59
    Highlight Highlight Besten Dank für interessanten Bericht!
  • papparazzi 12.05.2014 21:45
    Highlight Highlight Genau. ut (dp)

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Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Energie (BFE) und wurden kürzlich veröffentlicht. Demnach verbrauchen die Neuwagen in der Schweiz 2018 im Durchschnitt 6,08 Liter Benzinäquivalent pro 100 Kilometer, was gegenüber 2017 einer Zunahme von 3,6% entspricht. Auch die CO2-Emissionen stiegen wieder an und liegen …

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