Von Suppen und Gewürzen zu Mäusen und Tastaturen: Bevor Hanneke Faber Ende letzten Jahres die Chefposition bei Logitech übernommen hat, war sie sechs Jahre lang bei Lebensmittelriesen Unilever tätig und dabei auch für die Schweizer Marke Knorr zuständig. Nun will sie dem Computerzubehörhersteller neuen Schwung verleihen. Sie empfängt zum Interview am Hauptsitz neben dem Campus der ETH Lausanne mit Aussicht auf den Genfersee. Der Raum ist natürlich ausgestattet mit einem Kamera-Mikrofon-System, das Logitech für Videokonferenzen herstellt.
Mögen Sie Videokonferenzen?
Hanneke Faber: Ja, ich halte sie für super effizient, vor allem mit unseren fantastischen Produkten. (Lacht.)
Sie finden Sie nie nervig?
Eigentlich nicht. Ok, vielleicht ganz spät in der Nacht oder früh am Morgen, wenn man nicht besonders gut aussieht. Aber abgesehen davon waren die Videokonferenzen ein Lichtblick während der Pandemie, denn wir haben gelernt, sowohl vor Ort als auch online zusammenzuarbeiten. Und sie sind viel angenehmer als die Anrufe früher über die Telefonspinne im Büro ...
...bei denen man nicht immer wusste, wer am Sprechen war.
Genau. Und wie viele andere Firmen auch haben wir Angestellte überall auf der Welt. Unsere Teams sind in der Schweiz, in den USA, in China, Taiwan, Irland, und, und, und. Videokonferenzen können da die Art und Weise, wie ein Team zusammenarbeitet, stärken, obwohl man nicht im gleichen Raum ist. Sie geben den Mitarbeitenden mehr Flexibilität im Alltag, weil sie im Homeoffice oder sonst wo arbeiten können.
Dennoch haben viele Unternehmen, sogar im Silicon Valley, ihr Personal teils zurück ins Büro beordert. Ist das die Rache der Boomer?
Das sind Ihre Worte. (Lacht.) Wir bei Logitech glauben auf jeden Fall an das hybride Arbeiten. Und dennoch halte auch ich das regelmässige persönliche Zusammenkommen für wichtig. Wir empfehlen das unseren Teams einmal pro Woche, schreiben ihnen aber nichts vor. Fakt ist, dass die meisten Leute zweieinhalb Tage pro Woche freiwillig ins Büro kommen.
Wie oft arbeiten Sie im Homeoffice?
Das ist völlig unterschiedlich. Ich bin oft auf Reisen, um die Teams zu besuchen. Deshalb arbeite ich auch viele Stunden in Flughäfen oder Bahnhofscafés beim Warten auf meinen Flug. Für solche Situationen haben wir vor kurzem eine kabellose Mini-Tastatur lanciert, die man auch ans Smartphone anschliessen kann, wenn man nicht ständig auf dem Handy rumtippen will.
Während der Pandemie haben viele Menschen und Unternehmen die Arbeitsplätze aufgerüstet, mit Webcams, Mikrofonen, Kopfhörern und so weiter. Logitech erzielte Rekordumsätze. Doch der Boom hielt nicht an, die Zahlen sackten ab...
...und nun wachsen wir seit zwei Quartalen wieder. Im ersten Quartal waren es 6 Prozent mehr Umsatz, im zweiten sogar 13 Prozent. Und wir wollen noch mehr. Der Boom während der Pandemie war ein Zuckerrausch, der nicht anhalten konnte. Aber unser Geschäft ist noch immer 40 Prozent grösser als vor Corona.
Zuletzt haben Sie die Jahresprognose gar angehoben. Sie erwarten ein Wachstum von 1 bis 3 Prozent und 700 bis 730 Millionen Franken Gewinn. Wie optimistisch sind Sie, das obere Zielband zu erreichen?
Wir haben für dieses Geschäftsjahr ein Wachstum im tiefen einstelligen Prozentbereich vorhergesagt. Und mittelfristig rechnen wir mit einem organischen Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich. Wir haben eine makellose Bilanz mit eineinhalb Milliarden Dollar in Cash und keinerlei Schulden.
Das heisst, es folgt demnächst eine Übernahme?
Wenn sich die richtige strategische Akquisitionsmöglichkeit ergibt, werden wir nicht zögern, diese zu nutzen.
Dennoch: Die neuen Homeoffice-Produkte dürften den meisten Kunden einige Jahre ausreichen. Das erhöht den Druck, erfolgreiche Innovationen auf den Markt zu bringen.
Absolut. Auch deshalb bringen wir alleine dieses Jahr rund 40 neue Produkte auf den Markt. Aber auch der Austauschzyklus ist bedeutend. Am schnellsten ist er bei unseren Gaming-Kundinnen und Gaming-Kunden, sie kaufen sich nach drei bis vier Jahren wieder einen neuen Joystick, ein Headset oder ein Steuerrad. Und im Büro, bei der Firma oder zu Hause sind es wohl drei bis sechs Jahre.
In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass Sie in andere Märkte expandieren wollen, wie Gesundheit oder Bildung. Woran denken Sie konkret?
Bis jetzt haben wir uns auf die Bereiche Büro und Gaming konzentriert. Arbeiten und Spielen. Aber die meisten Menschen sitzen nicht ständig vor einem Computer oder nehmen an Videokonferenzen teil. Es gibt so viele andere Aufgabenbereiche, im Klassenzimmer, im Gesundheitswesen, im Krankenhaus, im Detailhandel oder in der Fabrik. Mit unseren Produkten können wir auch diesen Menschen helfen, produktiver zu arbeiten. Das ist eine grosse Chance für uns.
Ein Beispiel bitte.
Wir haben bei der Bildung begonnen, in Klassenzimmern von Primarschulen. Wir haben beispielsweise ein neues Headset hergestellt, also Kopfhörer mit Mikrofon, das speziell für Kinder gedacht ist, von der Grösse her, aber auch von der Robustheit, da es wohl etwas häufiger auf den Boden fallen dürfte als bei Erwachsenen. Und seit kurzem haben wir eine Combo-Tastatur für iPads, die gleichzeitig eine sehr starke Hülle darstellt, für die etwas unvorsichtigeren Schülerinnen und Schüler. In diesem Bereich wachsen wir sehr stark, von Asien, über Europa bis Nordamerika. Und noch etwas.
Bitte.
Bisher konzentrierten wir uns stark auf das Geschäft mit den Endkonsumenten, also auf den Verkauf in Geschäften wie Media Markt oder auf Amazon. Wir möchten nun vermehrt Unternehmen beliefern. In diesem Bereich sind wir noch relativ klein. Dieses Geschäft möchten wir beschleunigen.
Das ist aber das Terrain von Giganten wie Lenovo, HP oder Dell.
Ja, aber wir konzentrieren uns auf unsere Stärken im Büro und beim Gaming: Tastaturen, Mäuse und Videokonferenz-Ausrüstungen. Die Giganten, die Sie genannt haben, haben derweil auch viele andere Produkte. Bei den Videokonferenzen sind wir bereits die Nummer 1. Hinzu kommt, dass sich viele Leute zu Hause eine moderne Ausrüstung geleistet haben und ein gewisses Niveau nun auch im Büro erwarten, und nicht einfach eine alte Maus oder Tastatur. Da kommen wir ins Spiel mit unseren Produkten, die in Sachen Design, Ergonomie und Software top sind.
Und wie wird die künstliche Intelligenz Ihr Geschäft verändern?
In dreierlei Hinsicht. Einerseits erhöht es die Produktivität im Alltag an der Arbeit, so wie es derzeit wohl alle Unternehmen zu nutzen versuchen. Bei uns hilft sie vor allem beim schnelleren Codieren, beim Herstellen von Software, aber auch im Design und im Marketing. Zweitens kann sie eine Schnittstelle sein. So ist es neu bei unseren Mäusen möglich, direkt ChatGPT per Klick anzuwählen. Das ist sehr praktisch. Und drittens hilft sie uns bei der Verbesserung der Audio- und Videoqualität.
Inwiefern?
Wir verfügen über Unmengen an Sound-Daten, die uns helfen, unsere Kopfhörer-Software so zu trainieren, dass die Geräuschunterdrückung gut funktioniert. KI kann helfen, dass das Headset beispielsweise an einem Flughafen zwischen Ihrer Stimme als Benutzer und der Lautsprecherdurchsage im Hintergrund unterscheiden kann, damit die Durchsage nicht an Ihren Gesprächspartner übertragen wird. Oder damit man bei einer Videokonferenz kein Rascheln hört, wenn jemand einen Schokoriegel öffnet. Aber natürlich stehen wir wie alle Unternehmen in Sachen KI erst am Anfang.
Vieles ist heute auch über Sprachbefehle möglich. Computer können auch unsere Augenbewegungen lesen. Werden Tastaturen und Mäuse in 10 bis 20 Jahren obsolet?
Diese Vorstellung macht mich paranoid. Und ich denke, wir als Firma sollten paranoid deswegen sein. Denn falls es so kommt, müssen wir darauf vorbereitet sein. Deshalb denken wir stets über den PC hinaus. Unser neustes Produkt ist der MX Ink, der aussieht wie ein Kugelschreiber, aber nur in der Virtual Reality als solcher funktioniert. Dafür haben wir extrem eng mit dem Facebook-Mutterkonzern Meta zusammengearbeitet, der die Meta-Quest-Brille für die virtuelle Realität produziert. Dabei ging es tatsächlich um die Frage: «Was, wenn es keine PCs mehr braucht?»
Sie glauben also an ein solches Szenario?
Ich weiss es nicht. Ich habe mich eingehend mit der Geschichte von Logitech befasst und dabei Dokumente von vor 25 Jahren gefunden, in denen stand, dass es in zwei Jahren keine Mäuse und Tastaturen mehr geben wird. So schnell ging es dann doch nicht. Und deshalb werden wir auch weiterhin die Mäuse modernisieren. Obwohl, und das habe ich noch nie verraten, ich früher praktisch nie eine Maus verwendete.
Und trotzdem wurden Sie Logitech-Chefin!
Genau, und heute bin ich eine völlig überzeugte Mausbenutzerin! Sie macht mich definitiv schneller. Und: Hier habe ich damit begonnen, die ergonomische «Logitech Lift»-Maus zu verwenden, die wir alle eigentlich nutzen sollten, mit einem schrägen Winkel. Das ist die viel angenehmere und gesundheitsschonendere Haltung für den Arm. Nun will ich so viele Menschen wie möglich zu meinem Maus-Glauben konvertieren. Schliesslich bewegen die durchschnittlichen Maus-Nutzer das Gerät bis zu 27 Kilometer pro Jahr.
Sie haben die Virtual Reality angesprochen. Doch der Durchbruch in der breiten Bevölkerung hat die Technologie noch immer nicht geschafft.
Solche Veränderungen brauchen Zeit. Und wir arbeiten mit den grossen Konzernen an vorderster Front zusammen. Wir sind Teil dieses Ökosystems. Zu Beginn sind solche Produkte, so wie auch unser Virtual-Reality-Stift, meist etwas für Spezialisten, wie Ärzte, die damit ein MRI-Scan im virtuellen Raum mit anderen Kolleginnen analysieren können. Oder für Architekten, Designer und Software-Entwickler. Allein in Indien gibt es wohl mehr Software-Entwickler als Einwohner in der Schweiz, das sind also riesige Chancen. Und irgendwann wird die Virtual Reality vielleicht auch massentauglich.
Eines Ihrer Ziele ist es auch, die Marke Logitech zu stärken.
Ich will, dass Logitech eine ikonische Marke wird, so wie etwa Apple, Starbucks oder Chanel. Das ist natürlich leichter gesagt als getan und geschieht nicht über Nacht. Aber wir sind in einer guten Ausgangslage. In unseren wichtigsten Märkten kennen uns über 90 Prozent aller Leute. Wir werden als zuverlässig und erschwinglich wahrgenommen. Nun möchte ich der Marke noch mehr Liebe und Aufregung verleihen.
Wie?
Das Gaming ist meiner Meinung nach einer der Schlüsselbereiche. Die Computerspielenden sind tendenziell jünger und sehr dynamisch, wenn es um neue Technologie geht. Wir arbeiten mit verschiedenen Gaming-Teams in China, Korea, Japan und in den USA zusammen. 2028 wird das Online-Gaming sogar olympisch an den Spielen in Los Angeles. Das wird eine grossartige Chance für uns.
Möchten Sie die Herkunft der Firma stärker betonen, zum Beispiel mit einem Schweizer Kreuz im Logo?
Unser Schweizer Herkunft ist uns enorm wichtig ...
... aber im Ausland wissen wohl die wenigsten, dass Logitech schweizerisch ist.
Stimmt. Aber wir scheuen uns überhaupt nicht, das zu betonen. Wir sind stolz auf unsere Schweizer Wurzeln. Und genauso wie Chanel oder Dior finde ich, sollten wir auch hier bei Logitech unsere langjährige Geschichte nutzen, um unsere Marke zu stärken. Schliesslich liegt bei den meisten ein Produkt von uns auf dem Schreibtisch. Wir sind ein Teil im Alltag vieler Leute. Auch Markenbotschafter können uns dabei helfen.
Die stellen allerdings immer auch ein potenzielles Risiko dar. Logitech arbeitete in der Vergangenheit mit der US-Sängerin Lizzo zusammen, die plötzlich in Verruf geriet, weil sie für ihr Verhalten von ihrem Personal kritisiert wurde.
Das war vor meiner Zeit. Aber wir arbeiten zum Beispiel auch mit dem Rennteam McLaren, dem Formel1-Fahrer Lando Norris und der jungen Rennfahrerin Bianca Bustamante zusammen für unsere Gaming-Steuerräder. Schliesslich sind die Hälfte der Gamer-Community Frauen, was oft vergessen geht.
Sie selber spielen auch Shooter-Games?
Das nicht, aber ab und zu fahre ich auch Rennen, da mein Sohn eins unserer Steuerräder besitzt. Das macht mir wirklich Spass. Und unsere Nähe zur Gaming-Szene sorgt dafür, dass wir den Puls der jüngeren Kundschaft spüren. Auch dank des Austauschs mit ihnen haben wir beispielsweise einen aufklappbaren Mini-Schreibtisch entwickelt, für das Arbeiten einem Ständer, einer Tastatur und einem Touchpad.
Vielen, insbesondere jüngeren Leuten, sind Themen wie Diversität und Inklusion wichtig. Diverse Grosskonzerne haben hier aber zuletzt zurückbuchstabiert. Sie auch?
Nein. Denn ich bin überzeugt, dass es jedem Unternehmen hilft, wenn das Personal die Vielfalt der Kundschaft widerspiegelt. Daher sollten auch wir entsprechend aufgestellt sein. 39 Prozent unserer Angestellten sind Frauen, was selten ist in der Technologiebranche mit vielen Ingenieuren. Wir können die Welt nicht bedienen, wenn wir nur Niederländer, Schweizer und Amerikaner einstellen. Das hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun, sondern damit, dass uns Vielfalt besser macht. Unser Führungsteam besteht zu je 50 Prozent aus Männern und Frauen, was nicht nur, aber vor allem in der Technologiebranche sehr selten vorkommt. Und haben wir mit Wendy Becker und mir eine Verwaltungsratspräsidentin und Konzernchefin.
Sie sind sogar die einzige weibliche CEO aller 20 SMI-Konzerne. Wie erklären Sie sich das?
(Seufzt.) Was soll ich dazu sagen? Ich glaube einfach, dass man nicht das sein kann, was man nicht sieht. Deshalb hoffe ich, dass junge Frauen vermehrt Frauen wie mich an der Spitze sehen, damit das Bild völlig normal wird. Als ich ein Mädchen war und jemand das Wort CEO oder Präsident sagte, hatte ich immer das Bild eines Mannes vor Augen. Das muss sich ändern. Und ich hoffe, dass ich dabei eine kleine Rolle spielen kann.
Verbesserungspotenzial gibt es auch bei Ihrer Umweltbilanz: Ihre Produkte bestehen zu einem grossen Teil aus Plastik.
Wir haben ehrgeizige, wissenschaftlich fundierte Ziele. Bis 2030 möchten wir unseren CO2-Ausstoss gegenüber 2021 halbieren. Das ist schwierig, insbesondere wenn wir gleichzeitig wachsen. Mehr Mäuse bedeuten einen grösseren CO2-Fussabdruck. Dennoch konnten wir den Ausstoss bereits um 20 Prozent senken zwischen 2021 und 2023. Drei Viertel unserer Produkte bestehen bereits aus recyceltem Kunststoff. In der Konsumgüterindustrie, von der ich herkomme, sind es bloss etwa 20 Prozent. Wir testen auch alternative Materialien wie Bambus oder Kork.
In den vergangenen Jahren, auch noch nach der Pandemie, war die Industrie mit Engpässen in der Lieferkette und bei Computerchips konfrontiert. Noch immer?
Während der Coronakrise hatten viele Unternehmen damit zu kämpfen. Wir haben deshalb begonnen, unsere Lieferkette zu diversifizieren. Rund vierzig Prozent unserer Produkte werden mittlerweile in unserer eigenen Fabrik in China hergestellt. Aber wir lassen auch in anderen Ländern produzieren, wie Vietnam, Thailand, Malaysia oder Mexiko.
Und was ist mit dem weltweiten Personalmangel?
Da profitieren wir natürlich von unserer unmittelbaren Nähe zur ETH Lausanne. Unser Hauptsitz steht gleich daneben. Ein Grossteil unseres Personals hat hier studiert. Wir bieten auch Praktika an, bei denen man zum Teil sein Studium parallel dazu abschliessen kann. Das sind hervorragende, intelligente und internationale Arbeitskräfte, gleich vor unserer Haustür.
Viele Leute entdecken derzeit die ultrabillige Welt der chinesischen Onlineshops wie Temu und Alibaba, auf denen es auch Mäuse und Tastaturen für ein paar wenige Franken gibt. Wie stark leidet Ihr Geschäft darunter?
In China gibt es nun mal Hunderte von Maus- und Tastaturherstellern. Viele von ihnen produzieren möglichst schnell und möglichst viel und legen weniger Wert auf Qualität, Nachhaltigkeit und Privatsphäre. Das heisst nicht, dass die Produkte schlecht sind, aber man muss sich der Unterschiede bewusst sein.
In der Schweiz wird auch politisch gegen diese Billigshops interveniert.
Gleiche Wettbewerbsbedingungen sind wichtig. Auch, dass die gleichen Sicherheitsregeln für alle Produkte gelten.
Brisant ist derzeit auch der Streit zwischen Logitech und seinem Co-Gründer und Ehren-Präsidenten Daniel Borel. Seit gut zwei Jahren schiesst er Giftpfeile gegen Ihre Verwaltungsratspräsidentin Wendy Becker. Er fordert ihre Absetzung und schlägt einen anderen Kandidaten vor. Was ist Ihre Meinung dazu?
Daniel Borel spielt offensichtlich eine wichtige Rolle in unserer Firmengeschichte, die ich sehr respektiere. Aber als CEO ist es meine Aufgabe, mich auf das aktuelle Geschäft und die Zukunft der Firma zu konzentrieren. Am Schluss entscheiden die Aktionäre an der Hauptversammlung am 4. September über seinen Vorschlag.
Sprechen Sie oft mit ihm?
Ich habe einige Male mit ihm gesprochen. Er war sehr freundlich und hat mir viel über die Historie des Unternehmens erzählt. Das war sehr hilfreich bei meinem Amtsantritt.
Dennoch: Eine derart öffentliche Fehde ist doch etwas peinlich für einen Konzern wie Logitech.
Es ist sein Recht, seine Meinung auszusprechen. Wir werden ihm und auch anderen Aktionären zuhören, um am Schluss entscheidet die Mehrheit.
Borel kritisiert unter anderem, es herrsche eine toxische Unternehmenskultur und er ist auch nicht mit dem Geschäftsverlauf zufrieden.
Die Zahlen sprechen für sich, wir haben zwei gute Quartale hinter uns. Und ich persönlich finde, wir haben eine fantastische Unternehmenskultur, eine der besten, die ich je erlebt habe. Wir führen zirka alle sechs Monate eine Personalumfrage durch, die letzte im Juni. Und unsere Resultate sind im Branchenvergleich überdurchschnittlich gut.
Borels Name ist aber auch firmenintern sehr präsent: Er steht beim Eingang des Hauptsitzes und ein Sitzungszimmer heisst Bobo – Borels Spitzname. Bleibt das so?
Ja. Und nochmals: Wir haben grossen Respekt vor unseren Firmengründern, vor Daniel Borel, aber auch den anderen beiden, Pierluigi Zappacosta und Giacomo Marini. Über alles Weitere entscheidet das Aktionariat.
Zu Beginn des Jahres, als Sie die CEO-Stelle angetreten haben, sind Sie nach Lausanne gezogen. Diesen Sommer sind Sie aber ins Silicon Valley umgesiedelt. Weshalb?
Der Verwaltungsrat erachtet es als wichtig, dass ich mehrheitlich im Silicon Valley bin, weil dort nun mal die grossen Player wie Apple, Google und Meta sind. Es ist hilfreich, vor Ort in diesem Ökosystem zu sein. Viele Trends starten dort. Zudem befindet sich in San José, Kalifornien, unser grösstes Büro. Für den Start wollte ich mich zuerst aber hier in der Zentrale einarbeiten und das Team kennenlernen.
Lausanne bleibt also der Hauptsitz?
Auf jeden Fall, die Schweiz ist das Herzstück von Logitech. Wenn schon, dann werden wir den Standort weiter stärken. Und ich werde auch viel Zeit hier verbringen, ich liebe das Land. Meine beiden Töchter wurden hier geboren, als ich für Procter & Gamble in Genf arbeitete. Zudem ist die Aussicht hier um einiges schöner mit dem Blick auf den Genfersee. In San José sehe ich einen Parkplatz von meinem Büro aus.
Wie oft werden Sie nach Lausanne kommen?
Sicher vier bis sechs Mal pro Jahr.
Zuvor hatten Sie die Nachhaltigkeitsbemühungen von Logitech betont. Werden Sie per Privatjet hin- und herfliegen?
Nein, nein, nein, definitiv nicht! Wir benutzen keine Privatjets. Ich mag es nicht, dass ich so viel fliegen muss, aber in diesem Job es unmöglich, es nicht zu tun. Wir sind nun mal ein globales Unternehmen und da muss ich die Leute vor Ort treffen. Und wenn immer möglich, nehme ich den Zug, wie zum Beispiel von Lausanne nach Paris.
Wie hat sich denn die Schweiz aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?
Yann Sommer ist nicht mehr Nati-Goalie! Das habe ich natürlich mitbekommen. Aber ansonsten ist die Schweiz nach wie vor ein phänomenaler Ort mit einer extrem hohen Lebensqualität. Im globalen Kontext ist sie sogar erschwinglicher geworden, da in vielen anderen Ländern die Inflation deutlich höher ist.
Als Unilever-Managerin waren Sie unter anderem auch für die Marke Knorr zuständig und das Maskottchen Knorrli...
...ach, Knorrli! Ich finde ihn so süss. Auch auf diese Marke kann die Schweiz stolz sein, ein Grossteil der Knorr-Produkte wird ja auch nach wie vor hier produziert.
Bei Unilever verkauften Sie Suppen und Gewürze, nun Mäuse und Tastaturen – ein grosser Unterschied?
Klar. Aber im Kern geht es auch hier darum, die Anliegen der Kundschaft zu verstehen. Und beide Firmen sind sehr international aufgestellt, mit vielen Partnern und Lieferketten. Insofern gibt es durchaus Parallelen, aber auch sehr viel Neues, was ich schätze.
Bevor Sie Karriere als Managerin machten, waren Sie im Wasser erfolgreich: Sie sind siebenfache Tauchmeisterin in den Niederlanden. Tauchen Sie auch heute noch?
Nein, das ist länger her. Aber ich war vor ein paar Wochen als Touristin an den Olympischen Spielen in Paris und habe mir den Tauchwettbewerb angesehen. Mein ehemaliger Trainer am College in Houston ist heute Trainer des britischen Teams, das einige Medaillen gewonnen hat. Ich liebe den Hochleistungssport und denke, dass er in vielerlei Hinsicht auch eine Inspiration für das Geschäft sein kann. (aargauerzeitung.ch/lyn)