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Die Serie Breaking Bad habe Meth erst hip gemacht, sagt der Suchtmediziner Härtel-Petri.  Bild: worldpress.com

Problematische Berichterstattung

«Die Medien machen Werbung für Crystal Meth»

«Crystal Meth wird zur alltäglichen Bürodroge», schreiben deutsche Medien. Falsch, sagt  Wolfang Härtel-Petri. Der Suchtmediziner ist empört über die Berichterstattung. Damit werde die Droge bagatellisiert.



Es ist die erste öffentlich finanzierte Studie über Crystal Meth in Deutschland. Und sie schlägt hohe Wellen. Die Droge sei von der Party- zur Alltagsdroge geworden, Arbeitnehmer würden das Rauschmittel nehmen, um im Job besser bestehen zu können, auch Schüler und Studenten würden dazu greifen. Und zwar in steigendem Ausmass. Dies berichteten Anfang Woche Spiegel Online, Focus, Stern, FAZ unter Berufung auf die Studie des Bundesgesundheitsministeriums.

«Die eigentlich sehr gute Studie befragt Abhängige nach subjektiven Motiven und subjektiven Problemeinschätzungen.»

Roland Härtel-Petri

Der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri ist empört über die Berichterstattung. Er hat Anfang dieses Jahres ein Buch über Crystal Meth in Deutschland veröffentlicht und therapiert selbst Abhängige. Die zunehmende Verbreitung der Droge erfordere mehr Aufklärung und mehr Prävention. Doch Berichte wie die eben veröffentlichten würden genau das Gegenteil bewirken, sagt Härtel-Petri im Interview. Nämlich eine Verharmlosung mit verheerenden Folgen.

Herr Härtel-Petri, wie gefährlich ist Crystal Meth?
Härtel-Petri: Es ist viel gefährlicher als andere Substanzen wie Speed oder Ecstasy. Es macht extrem schnell abhängig und wird meist geschnupft oder geraucht. Das Belohnungssystem wird sofort bedient, der Stoff unmittelbar über die Lunge ins Herz und Hirn aufgenommen. Dort erzielt es im Unterschied zu anderen Drogen sofort maximale Wirkung.

Deutsche Medien berichten, Crystal Meth werde zur alltäglichen Bürodroge. Stimmt das? 
Das ist absoluter Unsinn. Keiner, der im Büro eine Tätigkeit hat, wird diese Substanz zur Leistungssteigerung einnehmen. Crystal Meth ist so hoch konzentriert – da kann man nicht ruhig sitzen bleiben. Und die Nebenwirkungen sind zu schlimm, als dass die Droge als Aufputschmittel für Arbeitsnehmende attraktiv sein könnte.

«Die Studie wird falsch zitiert.»

Roland Härtel-Petri

Die Berichte berufen sich aber auf die neue Studie des Bundesgesundheitsministeriums.
Das ist genau das Problematische an den Berichten. Sie zitieren die Studie falsch. Die eigentlich sehr gute Studie befragt Abhängige nach subjektiven Motiven und subjektiven Problemeinschätzungen. Es geht darin nicht um die Zunahme des Konsums.

Die Hälfte der Abhängigen gibt in der Studie den Beruf als Motiv für den Konsum an, ein Drittel Schule und Studium, gestresste Eltern werden als Risikogruppe bezeichnet. Woher kommt das?
Befragt wurden Crystalspeed- und Speed-Abhängige. Am Anfang der Sucht nehmen sie die Substanz am Wochenende, am Montag sind sie antriebslos, müssen aber im Job bestehen können. Irgendwann brauchen sie den Stoff, um überhaupt zu funktionieren. Sie geraten in einen Teufelskreis und sehen die schwierigen Umstände am Ende als Grund für die Sucht. Die Studie zeigt, dass die Substanz in allen Bereichen benötigt wurde, um überhaupt zu funktionieren. Nicht nur im Job.

«Abhängige können die Folgen nicht abschätzen, sie schützen sich selbst, indem sie das Problem kleinreden.»

Roland Härtel-Petri

In der Studie werden Abhängige zitiert, die sagen, sie hätten Crystal Meth während des Alltags konsumiert und die behaupten, sie sähen darin kein zu grosses Problem. Was halten Sie davon? 
Das sind wertvolle Erkenntnisse, aber sie sagen nichts über einen Trend aus. Abhängige können die Folgen nicht abschätzen, sie schützen sich selbst, indem sie das Problem kleinreden. Die Aussagen zeigen aber auch, dass viele Menschen noch immer glauben, kristallines Methamphetamin sei mit irgendwelchen Medikamenten aus dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Die Folgen waren bereits damals verheerend und die Konzentration ist heute bei weitem höher.

Crystal Meth in der Schweiz

Während die Zahl derer, die in Deutschland erstmals kristallines Methamphetamin probiert haben im Jahr 2012 um 51 Prozent angestiegen ist, bleibt die Schweiz von der gefährlichen Droge weitgehend verschont. Eine Zunahme des Konsums ist hierzulande nicht zu spüren. Mehr dazu hier.

«Wenn geschrieben wird, gestresste Eltern seien eine Risikogruppe, sinkt die Hemmschwelle.»

Roland Härtel-Petri

Was bewirkt die Missinterpretation der Studie durch die Medienberichterstattung?
Die Medien machen so Werbung für die Droge. Wenn geschrieben wird, gestresste Eltern seien eine Risikogruppe, sinkt die Hemmschwelle. Meth wird salonfähig, es entsteht der Eindruck, man könne die Droge konsumieren und es sei trotzdem alles noch möglich. Immer wenn etwas zur Normalität stilisiert wird, wird es Alltag. Problematisch sind deshalb auch Serien wie Breaking Bad, die diese Droge hip gemacht haben.

In der Schweiz ist Crystal Meth kaum ein Thema. Warum?
Sie haben, soweit ich das beurteilen kann, eine ausgezeichnete Drogenpolitik und ein sehr pragmatischer Umgang mit der Drogenproblematik. Vielleicht ist die Schweiz deshalb von Crystal Meth verschont, vielleicht auch weil sie keine Grenze zu Tschechien hat (ein Grossteil der Substanz wird in Tschechien hergestellt und von dort nach Deutschland importiert – Anm. d. R.). Aufklärung muss trotzdem stattfinden.

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