Wirtschaft
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Jeremy Corbyn, leader of Britain's opposition Labour Party gives thumbs up after he addressed party members during the Labour Party Conference at the Brighton Centre in Brighton, England, Tuesday, Sept. 24, 2019. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Wird er bald Premierminister? Labour-Chef Jeremy Corbyn. Bild: AP

Warum britische Banker ihre Liebe zu einem Sozialisten entdecken

Das Ende der unendlichen Geschichte zwischen Grossbritannien und der EU zeichnet sich ab. Es lautet: Brexit oder Corbyn. Die City of London hat sich für den Labour-Chef entschieden.



Die «Financial Times» meldet, dass Premierminister Boris Johnson nun zugibt, dass es keine Hoffnung mehr auf einen Deal mit Brüssel gibt. Was das für Folgen hat, ist unklar: Neuwahlen oder eine Koalitionsregierung unter Labour-Chef Jeremy Corbyn sind möglich. Denkbar ist auch ein zweites Referendum.

Derzeit werdend deshalb jede Menge plausible und weniger plausible Szenarien durchgespielt. Realistisch sind letztlich nur zwei Optionen. Nüchtern umschreibt sie Robert Shrimsley in der «Financial Times» wie folgt:

«Es ist entweder Brexit oder Corbyn. Vergesst alle Was-wäre-wenn-Paradigmen. Während das Vereinigte Königreich und die EU dem letzten Akt im Brexit-Spiel entgegenrollen, müssen alle diesen fundamentalen Ausgang zur Kenntnis nehmen. Wir spielen nicht Roulette, wo es verschiedene Möglichkeiten gibt. Wir werfen eine Münze. Bei Kopf gewinnt ihr. Bei Zahl verlieren wir.»

Diese grimmige Wahl hat sich auch in der City of London herumgesprochen, dem nach wie vor führenden Finanzzentrum Europas. David Willetts, ein ehemaliger Mitstreiter von Margaret Thatcher und ehemaliger konservativer Minister, stellt zynisch die Frage:

«Welche Art der Exekution hätten Sie denn gerne? Normalerweise wäre Corbyn ein untragbares Risiko. Doch der Brexit ist der bedeutendste wirtschaftliche und politische Wandel in den letzten 40 Jahren. Deshalb ist der Brexit ein noch unberechenbareres Risiko.»

epa07832343 Father of the House and British Member of Parliament Kenneth Clarke attends a Service of Thanksgiving for the life and work of Lord Ashdown in Westminster Abbey London, Britain, 10 September 2019. Paddy Ashdown was a former leader of the Liberal Democrats.  EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Könnte mit Corbyn leben: Ken Clarke, ehemaliger Finanzminister der Konservativen. Bild: EPA

Ähnlich tönt es beim ehemaligen Finanzminister Ken Clarke, einem der angesehensten Tory-Politiker überhaupt. «Beide Aussichten sind schrecklich», sagt er. «Aber ich denke, dass ein No-Deal-Brexit noch grösseren wirtschaftlichen Schaden anrichten würde als Corbyn.»

Eine erstaunliche Aussage. Jeremy Corbyn ist kein Salon-Sozialist, wie es einst Tony Blair war. Er ist ein in der Wolle gewaschener Marxist, der nach einer jahrzehntelangen Karriere als unbedeutender Hinterbänkler aus einer Laune des Zufalls heraus Chef der Labour-Partei wurde.

Corbyn plädiert nicht für einen sanften dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, was immer das auch sein mag. Er will beispielsweise die Eisenbahnen wieder verstaatlichen. Ein staatlicher Pharmakonzern, das Abschaffen der Privatschulen und die Beteiligung der Arbeiter am Aktienkapital der Unternehmen stehen ebenfalls auf seiner Wunschliste. Selbstverständlich plädiert er auch für höhere Steuern für die Finanzindustrie.

All dies schreckt die Banker in der City of London weniger als ein No-Deal-Brexit. So erklärt Christian Schulz, Analyst bei der Citigroup, gegenüber der «New York Times»:

«Wenn wir die Wahl haben zwischen einer Corbyn-Regierung, die uns die Chance eine zweiten Referendums liefert, und einer konservativen Regierung, die zwar wirtschaftsfreundlich ist, aber uns einen nicht wiedergutzumachenden Schaden beschert, dann entscheiden wir uns für das Erste, selbst wenn wir mit Corbyns Wirtschaftspolitik überhaupt nicht einverstanden sind.»

Die Londoner Finanzindustrie setzt zudem darauf, dass eine Corbyn-Regierung ihr Wirtschaftsprogramm nur bedingt durchsetzen kann. Der Labour-Chef hat schlechte Umfragewerte. Neuwahlen wären auch eine Chance für die bisher bedeutungslosen Lib-Dems und die Grünen.

In Schottland würde derweil die Scottish National Party abräumen, die einen weit gemässigteren Kurs fährt als Labour. Sollte es dazu kommen, so die Spekulation, wäre Corbyn danach für eine Mehrheit auf eine Koalition angewiesen, die ihn mässigen würde.

Selbst in der Labour-Partei scheint nicht alle Hoffnung verloren. John McDonnell, der Schatten-Finanzminister und enger Berater Corbyns, ist zwar ebenfalls ein überzeugter Linker. Er ist jedoch weit umgänglicher als sein Boss. «Mit ihm kann man reden», sagt Lord Kerslake, ein ehemaliger hoher Beamter, der als Go-between zwischen Labour und Wirtschaftsvertretern agiert.

Allerdings hätte eine Corbyn-Regierung für die Banker einen Kulturschock zur Folge. Mit Vertretern der Blair-Regierung pflegten sie jeweils bei Crevetten-Cocktails und Champagner zu verhandeln. McDonnell akzeptiert bloss Tee und Biskuits – und besteht darauf, selbst zu bezahlen.

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