Wirtschaft
International

Preispolitik Modebranche: Wie billig unsere T-Shirts wirklich sind

Public Eye wirft mit einem neuen Bericht ein Schlaglicht auf die T-Shirt-Produktion in Bangladesch.
Public Eye wirft mit einem neuen Bericht ein Schlaglicht auf die T-Shirt-Produktion in Bangladesch.Bild: Shutterstock

Wie billig unsere T-Shirts wirklich sind – und wer den Preis zahlt

Ein T-Shirt für unter 10 Franken beim Modehändler: Ein neuer Bericht zeigt, wie internationale Modekonzerne bei der Produktion von Kleidung die Preise nach unten drücken.
21.05.2026, 03:0721.05.2026, 03:07

Die Preise für ein T-Shirt liegen bei grossen Modehändlern in der Schweiz zwischen 9 und 17 Franken. Hergestellt wird ein Baumwoll-T-Shirt für zwei bis drei Dollar pro Stück – teilweise sogar noch weniger. Das geht aus einer neuen Recherche von Public Eye hervor. Für den Erlös aus dem Verkauf eines einzigen T-Shirts können die Marken ab Fabrik gleich ein ganzes Kilo davon einkaufen.

Viele Marken erklären sinkende Preise mit steigender Produktivität. Doch bei einfachen Produkten wie T-Shirts sind die technischen Fortschritte begrenzt – der Grossteil der Arbeit bleibt Handarbeit. Die NGO zieht bezüglich der Versprechen zu Nachhaltigkeit und faireren Arbeitsbedingungen deshalb ein vernichtendes Fazit. Darum geht es im Bericht:

Die Jagd nach der billigsten Nadel

Obwohl die Weltwirtschaft gewachsen ist und Lebensmittel, Coiffeurbesuche oder Restaurantrechnungen aufgrund der Inflation teurer geworden sind, zeigt sich in der Modebranche ein anderes Bild: Die Einkaufspreise für Basiskleidung sind kaum gestiegen – unter Berücksichtigung der Inflation ist Kleidung in den letzten 25 Jahren sogar günstiger geworden.

Modekonzerne wie Zara und H&M kaufen dem Bericht zufolge T-Shirts heute etwa halb so teuer ein wie vor über 20 Jahren. Gleichzeitig ist der Markt stark gewachsen: Der Wert der weltweiten T-Shirt-Exporte stieg seit 2001 von rund 15.5 Milliarden auf 56.8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 – das ist fast eine Vervierfachung.

Die Wertschöpfung wird nicht nach oben weitergegeben, sondern entlang der Lieferkette nach unten durchgereicht. Das funktioniert so: Für ein dauerhaft niedriges Preisniveau suchen Unternehmen die günstigsten Produktionsstandorte. Ein Beispiel dafür ist die Türkei, die als Land mit vergleichsweise hohen Produktionskosten im Laufe der Zeit Marktanteile verloren hat.

Die meisten T-Shirts für den europäischen Markt kommen heute aus Bangladesch. Diese Entwicklung hat sich seit 2000 verstärkt, als die Textil-Exporte aus Bangladesch stark zunahmen und sich fast verdoppelten. Das geschah vor allem auf Kosten anderer Produktionsländer wie China oder der Türkei.

Das Machtspiel der Preisverhandlungen

Zwischen den Einkäufern und Lieferanten herrscht der Recherche zufolge ein deutliches Machtungleichgewicht: Grosse Auftraggeber setzen feste Zielpreise, Zulieferer haben nur wenig Verhandlungsspielraum. Teilweise sollen Preise nach Abschluss der Produktion erneut gedrückt werden.

Dabei nutzen die Konzerne die extrem wettbewerbsintensive lokale Marktsituation in Bangladesch aus. Viele Fabriken produzieren vor allem austauschbare Standardprodukte, die problemlos auch anderswo produziert werden könnten. Aus Angst, Aufträge zu verlieren, nehmen viele Fabriken in Bangladesch deshalb Aufträge an, an denen sie kaum oder gar nicht verdienen.

In der Textilindustrie in Bangladesch arbeiten rund vier Millionen Menschen, von denen etwa 80 Prozent Frauen sind.
In der Textilindustrie in Bangladesch arbeiten rund vier Millionen Menschen, von denen etwa 80 Prozent Frauen sind.Bild: Shutterstock

Ein Produktionsleiter aus Bangladesch beschreibt die Abläufe so: Niemand wolle einen Auftrag verlieren, besonders bei grossen Bestellmengen. Deshalb konkurrieren oft mehrere Fabriken gleichzeitig um einen Auftrag. Dadurch sinkt der Preis immer weiter. Eine Marke zahle etwa zehn Dollar pro Kilogramm T-Shirts. Ein Zwischenhändler gebe den Auftrag für rund 8 Dollar weiter. Beschaffungsbüros verhandelten dann mit Fabriken über fünf oder sechs Dollar – teils sogar weniger.

Früher lag der Gewinn bei etwa 10 Taka (0.07–0.08 CHF) pro T-Shirt, heute sei man zufrieden, wenn er noch rund 3 Taka (0.02 CHF) pro Stück beträgt, so der Produktionsleiter.

Die Daten hinter dem Bericht
Public Eye hat ein über mehr als zwei Jahrzehnte reichender Datensatz ausgewertet und Interviews mit Zulieferern undVermittlern geführt. Wie stark die Preise jedoch zwischen einzelnen Marken oder Bestellungen schwanken, bleibt weitgehend verborgen. Kaum ein Modeunternehmen legt offen, zu welchen Preisen eingekauft wird oder wie sich diese im Laufe der Zeit verändern.

Die Löhne reichen nicht zum Leben

Um Kosten zu senken, sparen viele Fabriken bei Löhnen und Arbeitsbedingungen. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter müssen regelmässig Überstunden leisten – oft mehr als zehn zusätzliche Stunden pro Woche. Die gesetzliche Arbeitszeit beträgt 8 Stunden pro Tag und 48 Stunden pro Woche bei einer 6-Tage-Woche. Überstunden sind bis zu 2 Stunden täglich erlaubt, müssen aber mit dem doppelten Lohn vergütet werden.

Trotzdem reicht der niedrige Lohn in den meisten Fällen nicht zum Leben. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei etwa 12'500 Taka pro Monat (rund 90 bis 95 Franken). Ein existenzsichernder Lohn müsste laut Public Eye mindestens viermal so hoch sein.

Einer aktuellen Studie der University of Nottingham zufolge können 78 Prozent der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch ihre Familien nicht ausreichend ernähren. Etwa jede achte Textilarbeiterin oder jeder achte Textilarbeiter ist verschuldet, weil der Lohn oft nicht ausreicht, um grundlegende Lebenshaltungskosten wie Essen und Miete zu decken.

32 Prozent erhalten weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Die Studie zeigt zudem Hinweise auf Kinderarbeit, vor allem in ausgelagerten Subcontracting-Fabriken. Das sind kleinere Zulieferbetriebe ausserhalb der grossen Fabriken.

Was T-Shirts eigentlich kosten

Einige Modemarken zahlen zwar etwas höhere Einkaufspreise als andere. Fast Retailing (Uniqlo) liegt dabei im Schnitt bei rund 18 Franken pro Kilogramm. Auch Inditex (Zara) und Primark zeigen leichte Preissteigerungen, diese bleiben jedoch unter der allgemeinen Inflation. Trotzdem bewegen sich alle Marken in einem sehr tiefen Preisbereich.

Ohne höhere Preise bleibt das System, wie es ist. Der Bericht nennt als mittelfristigen Zielwert rund 30 US-Dollar pro Kilogramm. Dieses Preisniveau soll nachhaltigere und fairere Beschaffung ermöglichen, insbesondere durch existenzsichernde Löhne, bessere Arbeitsbedingungen sowie den Einsatz nachhaltiger Materialien und stabilere Produktionsstrukturen.

Der Bericht sieht das Problem aber nicht nur bei den einzelnen Firmen, vielmehr entstehe der Preisdruck in den Strukturen der Branche. «In unserer gesamten Produktion gibt es viele versteckte Kosten. Korruption ist überall», sagt ein Handelsmanager. Auffällig ist die Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik in der Textilindustrie: Schätzungen zufolge besitzen rund zehn Prozent der bangladeschischen Abgeordneten selbst Bekleidungsfabriken.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
11 Jahre Haft für falsche Kleidung
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
0 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
«Neues Kapitel»: USA bieten Kubanern neue Art der Beziehung an
Nach Jahrzehnten des Konflikts bietet die US-Regierung den Kubanern eine neue Art der Beziehung an.
«In den USA sind wir bereit, ein neues Kapitel im Verhältnis zwischen unseren Völkern und unseren Ländern aufzuschlagen», sagte US-Aussenminister Marco Rubio, dessen Eltern selbst aus Kuba in die Vereinigten Staaten eingewandert waren, in einer Videobotschaft auf Spanisch. Allerdings müsse diese neue Beziehung direkt mit den Kubanern geknüpft werden, nicht mit der kommunistischen Regierung.
Zur Story