Wie billig unsere T-Shirts wirklich sind – und wer den Preis zahlt
Die Preise für ein T-Shirt liegen bei grossen Modehändlern in der Schweiz zwischen 9 und 17 Franken. Hergestellt wird ein Baumwoll-T-Shirt für zwei bis drei Dollar pro Stück – teilweise sogar noch weniger. Das geht aus einer neuen Recherche von Public Eye hervor. Für den Erlös aus dem Verkauf eines einzigen T-Shirts können die Marken ab Fabrik gleich ein ganzes Kilo davon einkaufen.
Viele Marken erklären sinkende Preise mit steigender Produktivität. Doch bei einfachen Produkten wie T-Shirts sind die technischen Fortschritte begrenzt – der Grossteil der Arbeit bleibt Handarbeit. Die NGO zieht bezüglich der Versprechen zu Nachhaltigkeit und faireren Arbeitsbedingungen deshalb ein vernichtendes Fazit. Darum geht es im Bericht:
Die Jagd nach der billigsten Nadel
Obwohl die Weltwirtschaft gewachsen ist und Lebensmittel, Coiffeurbesuche oder Restaurantrechnungen aufgrund der Inflation teurer geworden sind, zeigt sich in der Modebranche ein anderes Bild: Die Einkaufspreise für Basiskleidung sind kaum gestiegen – unter Berücksichtigung der Inflation ist Kleidung in den letzten 25 Jahren sogar günstiger geworden.
Modekonzerne wie Zara und H&M kaufen dem Bericht zufolge T-Shirts heute etwa halb so teuer ein wie vor über 20 Jahren. Gleichzeitig ist der Markt stark gewachsen: Der Wert der weltweiten T-Shirt-Exporte stieg seit 2001 von rund 15.5 Milliarden auf 56.8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 – das ist fast eine Vervierfachung.
Die Wertschöpfung wird nicht nach oben weitergegeben, sondern entlang der Lieferkette nach unten durchgereicht. Das funktioniert so: Für ein dauerhaft niedriges Preisniveau suchen Unternehmen die günstigsten Produktionsstandorte. Ein Beispiel dafür ist die Türkei, die als Land mit vergleichsweise hohen Produktionskosten im Laufe der Zeit Marktanteile verloren hat.
Die meisten T-Shirts für den europäischen Markt kommen heute aus Bangladesch. Diese Entwicklung hat sich seit 2000 verstärkt, als die Textil-Exporte aus Bangladesch stark zunahmen und sich fast verdoppelten. Das geschah vor allem auf Kosten anderer Produktionsländer wie China oder der Türkei.
Das Machtspiel der Preisverhandlungen
Zwischen den Einkäufern und Lieferanten herrscht der Recherche zufolge ein deutliches Machtungleichgewicht: Grosse Auftraggeber setzen feste Zielpreise, Zulieferer haben nur wenig Verhandlungsspielraum. Teilweise sollen Preise nach Abschluss der Produktion erneut gedrückt werden.
Dabei nutzen die Konzerne die extrem wettbewerbsintensive lokale Marktsituation in Bangladesch aus. Viele Fabriken produzieren vor allem austauschbare Standardprodukte, die problemlos auch anderswo produziert werden könnten. Aus Angst, Aufträge zu verlieren, nehmen viele Fabriken in Bangladesch deshalb Aufträge an, an denen sie kaum oder gar nicht verdienen.
Ein Produktionsleiter aus Bangladesch beschreibt die Abläufe so: Niemand wolle einen Auftrag verlieren, besonders bei grossen Bestellmengen. Deshalb konkurrieren oft mehrere Fabriken gleichzeitig um einen Auftrag. Dadurch sinkt der Preis immer weiter. Eine Marke zahle etwa zehn Dollar pro Kilogramm T-Shirts. Ein Zwischenhändler gebe den Auftrag für rund 8 Dollar weiter. Beschaffungsbüros verhandelten dann mit Fabriken über fünf oder sechs Dollar – teils sogar weniger.
Früher lag der Gewinn bei etwa 10 Taka (0.07–0.08 CHF) pro T-Shirt, heute sei man zufrieden, wenn er noch rund 3 Taka (0.02 CHF) pro Stück beträgt, so der Produktionsleiter.
Die Löhne reichen nicht zum Leben
Um Kosten zu senken, sparen viele Fabriken bei Löhnen und Arbeitsbedingungen. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter müssen regelmässig Überstunden leisten – oft mehr als zehn zusätzliche Stunden pro Woche. Die gesetzliche Arbeitszeit beträgt 8 Stunden pro Tag und 48 Stunden pro Woche bei einer 6-Tage-Woche. Überstunden sind bis zu 2 Stunden täglich erlaubt, müssen aber mit dem doppelten Lohn vergütet werden.
Trotzdem reicht der niedrige Lohn in den meisten Fällen nicht zum Leben. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei etwa 12'500 Taka pro Monat (rund 90 bis 95 Franken). Ein existenzsichernder Lohn müsste laut Public Eye mindestens viermal so hoch sein.
Einer aktuellen Studie der University of Nottingham zufolge können 78 Prozent der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch ihre Familien nicht ausreichend ernähren. Etwa jede achte Textilarbeiterin oder jeder achte Textilarbeiter ist verschuldet, weil der Lohn oft nicht ausreicht, um grundlegende Lebenshaltungskosten wie Essen und Miete zu decken.
32 Prozent erhalten weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Die Studie zeigt zudem Hinweise auf Kinderarbeit, vor allem in ausgelagerten Subcontracting-Fabriken. Das sind kleinere Zulieferbetriebe ausserhalb der grossen Fabriken.
Was T-Shirts eigentlich kosten
Einige Modemarken zahlen zwar etwas höhere Einkaufspreise als andere. Fast Retailing (Uniqlo) liegt dabei im Schnitt bei rund 18 Franken pro Kilogramm. Auch Inditex (Zara) und Primark zeigen leichte Preissteigerungen, diese bleiben jedoch unter der allgemeinen Inflation. Trotzdem bewegen sich alle Marken in einem sehr tiefen Preisbereich.
Ohne höhere Preise bleibt das System, wie es ist. Der Bericht nennt als mittelfristigen Zielwert rund 30 US-Dollar pro Kilogramm. Dieses Preisniveau soll nachhaltigere und fairere Beschaffung ermöglichen, insbesondere durch existenzsichernde Löhne, bessere Arbeitsbedingungen sowie den Einsatz nachhaltiger Materialien und stabilere Produktionsstrukturen.
Der Bericht sieht das Problem aber nicht nur bei den einzelnen Firmen, vielmehr entstehe der Preisdruck in den Strukturen der Branche. «In unserer gesamten Produktion gibt es viele versteckte Kosten. Korruption ist überall», sagt ein Handelsmanager. Auffällig ist die Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik in der Textilindustrie: Schätzungen zufolge besitzen rund zehn Prozent der bangladeschischen Abgeordneten selbst Bekleidungsfabriken.
- Textilhersteller fordern härteres EU-Vorgehen gegen Fast Fashion aus China
- Immer mehr Kleidung landet auf dem Müll – nun wird eine Fast-Fashion-Abgabe gefordert
- Shein-Test: Kleidung ist voller giftiger Chemikalien
- So gaslighted Shein uns
- «Der Kassenzettel ist ein Stimmzettel» – was du gegen Fast Fashion tun kannst
