Trumps Iran-Krieg lässt Zinsen hochschnellen – der nächste Schock droht
Aufwärts. So ging das mit den Renditen auf Staatsanleihen, seit Donald Trump den Iran angreifen liess. Wie der Internationale Währungsfonds festhält: «Die Anleihenrenditen sind in den wichtigsten Industrieländern und vielen Schwellenländern gestiegen». Die Schweiz fügt sich in diesen Trend ein. Die Renditen auf zweijährige Staatsanleihen sind aus dem negativen Bereich herausgeschossen, jene auf zehnjährige Staatsanleihen stark angestiegen.
Hinter diesem Trend steht der Energieschock, den Trump mit seinem Krieg ausgelöst hat. Der Iran hat die Strasse von Hormus gesperrt, durch die zuvor 20 Prozent des globalen Ölangebots transportiert wurden. Die Internationale Energieagentur spricht vom grössten Schock in der Geschichte der modernen Ölindustrie. Dank einiger Gegenmassnahmen konnte der Ausfall reduziert werden. Neu sind es nicht mehr 20 Prozent des früheren globalen Ölangebots, sondern je nach Schätzung noch 6 bis 13 Prozent. Doch auch dieser geringere Ausfall ist immer noch weitaus grösser als in früheren Ölkrisen. Die Schockwellen gehen um die Welt.
In Deutschland lag die Inflation im Februar noch bei 1,9 Prozent. Im März stieg sie plötzlich auf 2,6 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise bereits um 7,2 Prozent zugenommen haben. In Frankreich hat sich die Jahresinflation nahezu verdoppelt. Ein ähnliches Bild zieht sich durch die gesamte Eurozone. Die Jahresinflationsrate ist von 1,9 Prozent im Februar auf 2,5 Prozent im März hochgesprungen. Die EU-Kommission hat bereits ihre Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, Ideen zur Senkung des Öl- und Gasverbrauchs zu erarbeiten, insbesondere beim Verkehr.
In Indien bilden sich lange Schlangen von Menschen, die sich ihr Kochgas sichern wollen, wie die «New York Times» berichtet. In Südkorea fordert die Regierung die Bürger dazu auf, weniger lange zu duschen. Sri Lanka verkürzt die Arbeitswoche, um den Benzinverbrauch zu senken. Auf den Philippinen sollen Beamte nun Treppen steigen, statt den Lift zu nehmen. In Ägypten darf nur noch an fünf Tagen pro Woche eingekauft werden.
Dabei hat die Krise erst angefangen, wie Vertreter der Energieindustrie gegenüber «Bloomberg» warnen. In Gesprächen mit Händlern, Managern, Logistikern und Beratern hätten sie wieder und wieder die gleiche Botschaft gehört:
Der einflussreiche Energieberater Fereidun Fesharak betont ebenfalls gegenüber «Bloomberg»: Wenn die Strasse noch sechs bis acht Wochen geschlossen bleibe, werde der Ölpreis bis auf 200 Dollar ansteigen.
Benzinpreis erreicht symbolische Marke
Wenn es so kommt, wird die Inflation weltweit noch viel stärker und die Zentralbanken werden Gegensteuer geben müssen. Die Finanzmärkte nehmen diese Logik vorweg, wie die Bank J. Safra Sarasin nachgezeichnet hat in einer Analyse mit dem Titel «Keine Zeit für Selbstzufriedenheit».
In den USA wurden vor Kurzem noch Leitzinssenkungen erwartet – weil der Arbeitsmarkt zuletzt deutlich Jobs verloren hat und Trump immer wieder tiefere Leitzinsen eingefordert hatte. Neu gehen die Märkte jedoch davon aus, dass die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen dieses Jahr bei hohen 3,75 Prozent halten wird. Der Länderverein OECD warnt jetzt sogar, dass die USA bald wieder eine Inflation von über 4 Prozent erleben könnten. Der Benzinpreis hat diese Woche bereits die symbolische Marke von 4 Dollar pro Gallone (3,8 Liter) erreicht. Damit steigt die Gefahr, dass die Fed sogar bald ihren Leitzins erhöhen muss.
Für die Eurozone wird jetzt eine Zinswende erwartet: Die Europäische Zentralbank (EZB) werde ihre Leitzinsen bis zum Jahresende um 0,75 Prozentpunkte erhöhen. EZB-Chefin Christine Lagarde betonte, man könne sich nicht darauf verlassen, dass der Energiepreisschock von selbst nachlässt – ohne dass die EZB eingreifen müsse.
Und sogar für die Schweiz, die zuletzt gar keine Inflation mehr hatte, rechnen die Märkte nun zumindest mit einer Leitzinserhöhung durch die Schweizerische Nationalbank. Die neuen Zukunftsaussichten treiben die Zinsen auf langfristige Staatsanleihen heute schon in die Höhe. Davon werden wiederum mit der Zeit auch die Hypotheken erfasst. Die Banken verlangen wieder mehr Zinsen, um Hypotheken zu vergeben.
Die grosse Frage ist, wie weit diese Entwicklung gehen wird. Steht bereits der nächste Zinsschock bevor, wie nach Russlands Angriff auf die Ukraine? Damals unterschätzten die EZB und die Fed den Inflationsanstieg zunächst und erhöhten ihre Leitzinsen danach umso schneller. Diesen Fehler wollen sie nicht wiederholen. In der Schweiz ging die Inflation damals hinauf bis auf 3,5 Prozent, und die Nationalbank erhöhte ihren Leitzins frühzeitig bis auf 1,75 Prozent.
Mehr oder weniger ein Ding der Unmöglichkeit
Die Geschichte muss sich nicht wiederholen – und zwar selbst dann nicht, wenn der Ölpreis tatsächlich noch viel stärker ansteigt. Wobei die Alternative nicht viel besser ist. Grosse US-Finanzinstitute wie Pimco oder JP Morgan warnen, der Energieschock könne zu einer globalen Rezession führen. Viele Zentralbanken wären dazu gezwungen, ihre Volkswirtschaften mit tieferen Leitzinsen zu stützen – und die Zinsen auf Staatsanleihen oder Hypotheken würden fallen.
Der entscheidende Schauplatz ist der Persische Golf. Und weil das so ist, wird die Energiekrise wohl nicht so schnell vorüber sein. Trump kann die Krise nicht von sich aus beenden. Denn der Iran kann jederzeit Öltanker, die die Strasse von Hormus durchqueren, mit Raketen oder Drohnen beschiessen. Dies zu verhindern, ist laut Trumps früherem Verteidigungsminister James Mattis nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.
Trump hat dies wohl erkannt. Deshalb scheint er die Krise, die er selbst verursacht hat, auf andere abschieben zu wollen. Den mit den USA verbündeten Ländern, die von der Sperrung betroffen sind, liess er ausrichten, die USA würden ihnen nicht mehr helfen: «Beschafft euch euer Öl selbst.» Wenn Trump sich tatsächlich auf diese Weise aus der Verantwortung stehle, dann werde Öl noch teurer als es heute ist, sagt der Ölexperte Rory Johnston. «Die Frage ist nur noch, um wie viel.» (aargauerzeitung.ch)
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