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Leibniz-Firma Bahlsen: Der Kekshersteller mit der dunklen Vergangenheit

Der Kekshersteller mit der dunklen Vergangenheit

Bahlsen ist eines der bekanntesten deutschen Familienunternehmen, es besteht seit mehr als 130 Jahren. Doch die dunkelste Zeit der Firmengeschichte hat der Backwarenhersteller erst vor kurzem aufgearbeitet.
03.07.2023, 10:03
Niclas Staritz / t-online
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t-online

Hugo Boss, BMW, Porsche und Co.: Einige der grössten deutschen Unternehmen haben eine dunkle Vergangenheit. Während sich manche Firmen um Aufklärung bemühen, versuchen andere, ihre NS-Verstrickungen zu verschweigen.

Das Familienunternehmen Bahlsen, Hersteller des Leibniz-Kekses, verbarg lange seine Machenschaften während der Herrschaft der Nationalsozialisten. Erst nach einem Skandal im Jahr 2019 kündigte die Familie an, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Das Unternehmen Bahlsen beutete in der NS-Zeit Zwangsarbeiter aus.
Das Unternehmen Bahlsen beutete in der NS-Zeit Zwangsarbeiter aus.

Auslöser waren Äusserungen von Firmenerbin Verena Bahlsen. Ihre Vorfahren hätten «Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt», entgegnete sie 2019 Kritikern, die ihr vorwarfen, dass die Familie Bahlsen ihren Wohlstand der Ausbeutung von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs zu verdanken habe. Es folgte ein Shitstorm, Verena Bahlsen verliess das Unternehmen.

Arbeiter verschleppt

Ihr Vater, Werner Michael Bahlsen, damals Chef des Keksherstellers, verkündete in der Folge die Aufarbeitung der Firmengeschichte durch einen unabhängigen Historiker. Besonders die Verbindungen des Unternehmens in die Ukraine weckten damals das Interesse von Geschichtswissenschaftlern. Aus Archivunterlagen ging hervor, dass Arbeiter aus Kiew verschleppt und in Hannover zur Arbeit bei Bahlsen gezwungen worden waren.

Mit seinem Leibniz-Keks wurde der Backwarenhersteller weltbekannt
Mit seinem Leibniz-Keks wurde der Backwarenhersteller weltbekanntBild: Shutterstock

«Ich bin schockiert. Das höre ich heute zum ersten Mal, und das ist eine Katastrophe. Das geschilderte Verbrechen macht mich sehr betroffen», sagte Bahlsen daraufhin der «Bild am Sonntag». Man habe seine moralische Verantwortung vergessen, kommentierte er die Informationen der Zeitung, wonach das Unternehmen in den Jahren 1999 und 2000 gegen Entschädigungsklagen ehemaliger Zwangsarbeiter kämpfte.

Bahlsen wird «kriegswichtiger Betrieb»

60 Entschädigungsklagen ehemaliger Zwangsarbeiter wurden im Jahr 2000 vom Landgericht Hannover abgewiesen. Die angekündigte Aufarbeitung brachte weitere NS-Verbindungen ans Licht. Demnach waren die Brüder Hans, Klaus und Werner Bahlsen alle in das Naziregime verstrickt.

ARCHIV - 26.03.2019, Berlin: Verena Bahlsen steht bei einem Pressedinner zur Vorstellung von speziellen Gerichten im Restaurant «Hermann's». Die Urenkelin des Gründers der Keks-Fabrik Bahlsen hat ...
Familienerbin Verena Bahlsen.Bild: DPA ZB

Zwar waren sie keine «Spitzenrepräsentanten der NSDAP, standen jedoch in Kontakt zu NSDAP-Funktionären», heisst es auf der Website der Familie. Die wirtschaftlichen Erfolge des Keksproduzenten während der NS-Zeit lassen jedoch auf tieferliegende Verbindungen schliessen. So wurde Bahlsen während der Rohstoffknappheit zum «kriegswichtigen Betrieb» ernannt und stellte Notverpflegung für deutsche Soldaten her.

Kooperation mit der SS

Von Mai 1940 bis Kriegsende 1945 schufteten mehr als 700 Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine in der Keksfabrik in Hannover, um die Produktion aufrechtzuerhalten. «Diese Menschen mussten in betriebseigenen Lagern leben und waren entsprechend der rassistischen Hierarchisierung Benachteiligung ausgesetzt», heisst es auf der Website. Auch in der Zweigstelle Gera seien ab 1943 Zwangsarbeiter ausgebeutet worden.

An dieser Stelle endet die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime allerdings nicht. Neben den bestehenden Fabriken in Hannover und Gera übernahm Bahlsen 1942 in Kooperation mit der SS auch ein Kekswerk in der besetzten Ukraine. Dort kontrollierten zehn Bahlsen-Mitarbeiter aus Deutschland mehr als 2'150 Zwangsarbeiter.

Schneller Aufschwung nach dem Krieg

«Die Niederlassung vor Ort setzte bis September 1943, als die Rote Armee die Stadt zurückeroberte, umgerechnet knapp 11 Millionen Reichsmark mit der Versorgung der Wehrmacht um», schreibt die Bahlsen-Familie in einer Zusammenfassung der Ereignisse. Inflationsbereinigt entspricht diese Summe knapp 72 Millionen Euro. Den Zwangsarbeitern zahlte man einem Bericht der «Zeit» zufolge wöchentlich fünf bis zehn Reichsmark aus. Der weitaus grössere Teil des Lohns sei einbehalten worden. Der durchschnittliche Bruttolohn zur damaligen Zeit betrug circa 44 Reichsmark pro Woche.

Konsequenzen hatten die NS-Verbindungen der Familie nach dem Krieg nicht: «Nach Ende der NS-Diktatur erhielt das Unternehmen als unverzichtbarer Nahrungsmittelproduzent rasch eine Produktionsgenehmigung und fand zu seiner Rolle und Bedeutung zurück», heisst es auf der Familien-Website. Die neuen Produktionsbedingungen habe man schnell für ein «erhebliches Unternehmenswachstum» genutzt.

Abschliessend habe aber vor allem eines für den Erfolg Bahlsens gesorgt: «Nach erfolgter Entnazifizierung der Eigner erlangte Bahlsen spätestens mit dem Wiedereinstieg Werner Bahlsens in die Politik 1957 Möglichkeiten zur umfassenden politischen und wirtschaftlichen Einflussnahme.» Werner Bahlsen, zweiter Sohn des Unternehmensgründers Hermann Bahlsen, förderte während der NS-Zeit die SS und war selbst Parteimitglied der NSDAP. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der CDU bei und war Mitgründer des Wirtschaftsrates der CDU Niedersachsen.

Verwendete Quellen:

  • thabahlsenfamily.com: "1933 – 1945: Bahlsen während des NS-Zeit"
  • hagalil.com: "Zwangsarbeit rentiert sich"
  • handelsblatt.com: "Einsatz von Zwangsarbeitern: Brief von Werner Bahlsen widerlegt Aussagen seiner Enkelin Verena"
  • faz.net: "Bahlsen-Brüder waren in der NSDAP"
  • deutschlandfunk.de: "Wie Familienunternehmen NS-Zwangsarbeit aufarbeiten"
  • zeit.de: "Ein sehr deutsches Märchen", (kostenpflichtig)
  • spiegel.de: "Die Bahlsens und die SS"
  • fragdenstaat.de: "Bahlsen kooperierte mit SS und leitete Fabrik im besetzten Kiew (Update)", (Stand: 29.06.2023)
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47 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Auster N
02.07.2023 23:14registriert Januar 2022
Wenn die Bahlsens dieser Welt heute noch für diese Vergangenheit schämen, dann verstehe ich das nicht ganz, denn wir Schweizer haben von Hitlers Geld und Gold profitiert wie kein anderer. Heute haben wir die Ukraine vs Russland, und unser Verhalten spiegelt sich einmal mehr in der Blutlache. Wir sind jene welche sich schämen müssen.
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Ironiker
03.07.2023 08:04registriert Juli 2018
Die heutige Bahlsen Führung trägt persönlich keine Verantwortung für das was die Vorfahren getan haben. Und der heutige Deutsche trägt ebenfalls keine Verantwortung, was für das Tun seiner Urgrosseltern.

Ja, es gehört zur Geschichte des Unternehmens, ja des ganzen Landes. Aber wir sollten aufhören, mit dem Finger auf unseren Nachbarn zu zeigen.

Es gibt meiner Meinung nach kein Land, welches die eigene Geschichte so starkt aufgearbeitet hat wie die Deutschen.
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7immi
03.07.2023 08:56registriert April 2014
Hätten sie nicht mitgemischt, gäbe es heute keine Verena Bahlsen. Entweder du machst mit, oder du bist weg. Es ist immer einfach, aus der heutigen Perspektive auf das NS-Regime zu zeigen. Damals hatte man schlicht keine Wahl, speziell als Firmeneigentümer. Die Güter der Firmen waren wichtig, somit hast du entweder mitgearbeitet oder wurdest enteignet und verfolgt. Es ist aber richtig, dass man die Geschichte aufarbeitet und die Fakten darlegt. Das machen leider nicht alle Firmen, häufig herrscht leere in der aufgeschalteten Firmengeschichte zwischen 1933 - 1945...
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