Mit diesem Ladenformat will die Migros die Bahnhöfe erobern – was dahinter steckt
Die grosse Esskultur ist es nicht, die viele Pendlerinnen und Pendler zelebrieren: Ein Sandwich und ein Getränk aus dem Bahnhofs-Laden, hastig im Zug verzehrt, muss oft reichen. Dieser Trend zur raschen Take-away-Verpflegung zeigt sich auch im Angebot der Bahnhöfe. In jenen der SBB gab es 2024 knapp 240 Convenience-Läden – fast 100 mehr als 2018. Die Zahl der kleineren Kioske ist hingegen zurückgegangen.
In der Vergangenheit dominierte Valora mit seinen Avec-Läden das Geschäft und gewann im Jahr 2019 eine grosse Ausschreibung der SBB für den Betrieb von 116 Kiosk- und 146 Convenience-Flächen bis 2030. Doch die Konkurrenz nimmt zu. Nun haben sich die SBB gar mit der Valora-Konkurrentin Migros für einen Test zusammengeschlossen.
In den Bahnhöfen Zürich HB, Bern, Birmensdorf ZH und Islikon TG werden Läden des Formats Mio eröffnet. Dabei handelt es sich um eine kleine Version der Migrolino-Läden. Die Filiale in Zürich nahm den Betrieb am 4. Dezember auf, die weiteren dürften bald folgen. Seit vergangenem Jahr gibt es zudem einen Mio-Laden am Bahnhof Baden AG. Dort sind aber nicht die SBB die Vermieterin, sondern die Stadt.
Migros-Produkte zum Supermarkt-Preis
Das Ziel des zeitlich befristeten Pilotversuchs sei es, Erkenntnisse zu gewinnen, wie das Konzept auf kleinen Flächen den Bedürfnissen der Kundschaft entspreche, sagt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg. Die SBB seien grundsätzlich auch offen für andere Anbieter, die innovative Konzepte testen möchten.
Bei der Migros heisst es, die Mio-Shops würden von Pendlern und Reisenden sehr gut angenommen. Das Konzept ist insbesondere auf Produkte für den Sofortkonsum sowie frische Backwaren und Kaffee ausgerichtet.
Eigenmarken der Migros würden in den Shops zu den gleichen Preisen wie in Supermärkten angeboten. Ein Augenschein vor Ort zeigt allerdings, dass in der Zürcher Filiale nur wenige Eigenmarken verkauft werden und dafür viele Markenprodukte. Diese kosten im Mio-Laden teils deutlich mehr als in den Supermärkten der Migros. Ob das funktioniert, liegt an der Bequemlichkeit der Pendler. In Zürich liegt der Mio-Shop nur wenige Meter vom nächsten Migros-Supermarkt entfernt.
Migros-Sprecher Tristan Cerf sagt, die Migros arbeite mit den SBB zusammen, um geeignete Standorte in Bahnhöfen zu identifizieren. Wie viele Mio-Läden die Migros in Bahnhöfen insgesamt anpeilt, könne sie noch nicht sagen. Das 2020 lancierte Mio-Konzept ist bereits an Tankstellen etwa von Shell, Socar und Migrol gut angelaufen, wie die Migros schreibt. Insgesamt gibt es über 60 Mio-Shops in der Schweiz – verglichen mit 384 Standorten von Migrolino, davon 50 an Bahnhöfen.
SBB setzen auf Valora-Alternativen
Mio-Läden werden in der Regel auf Flächen bis etwa 80 Quadratmeter eröffnet, Migrolino-Läden hingegen sind grösser. Die Mio-Shops sind meistens von Montag bis Sonntag von 6 oder 7 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Pendlerinnen und Pendler sollen ihre Einkäufe in weniger als einer Minute erledigen können.
Neben der Migros ist auch Coop stark im Convenience-Geschäft und betreibt gemäss der eigenen Internetseite 333 Coop-Pronto-Läden, davon Dutzende an Bahnhöfen. Valora wiederum zählt 359 Läden seines Avec-Formats und hat in Bahnhöfen den grössten Fussabdruck.
Konkurrenz erwächst Valora aber nicht nur von den grossen Schweizer Supermarkt-Ketten, sondern auch durch neue Wettbewerber. So eröffnete vor einem Jahr der erste Point-Laden der Schweiz im Zürcher Hauptbahnhof. Betrieben wird er von der britischen SSP-Gruppe. Branchenkenner gehen davon aus, dass die SBB als Vermieterin solche Alternativen zu Valora gezielt fördern.
SBB wollen keine Discounter
Vor einem Jahr gab auch Aldi bekannt, den ersten speziell auf kleine Bahnhofsflächen zugeschnittenen Laden im Bahnhof Basel SBB zu eröffnen. Dazu kommt es allerdings nicht, wie kürzlich die «Basler Zeitung» berichtete. Aldi gibt den Laden auf, noch bevor er eröffnet wurde.
Gegenüber der Zeitung teilt der Discounter mit, man wolle sich «statt auf weiteres flächenmässiges Wachstum auf eine nachhaltige Expansion und die Optimierung bestehender Filialen» fokussieren. Damit dürfte es auch kaum mehr Neueröffnungen in Bahnhöfen geben – zumal Aldi auch die Filiale beim Bahnhof Baden AG schliesst, wie nun bekannt wird.
Die SBB wurden schon dafür kritisiert, keine Discounter in ihre Bahnhöfe zu lassen. Zwar betreibt Aldi in Zürich-Stadelhofen und Biel zwei Bahnhofs-Filialen und Lidl eine in Bern, doch in allen Fällen handelt es sich um Flächen, die nicht von den SBB vermietet werden.
In grossen Bahnhöfen dürfen Läden sieben Tage die Woche geöffnet sein, was sie mit den hohen Passantenfrequenzen zu attraktiven Lagen macht. Allerdings sind die Mieten relativ hoch, was nicht zum Konzept der Discounter mit ihren standardisierten Läden hauptsächlich in der Agglomeration passt. (aargauerzeitung.ch)
