Warner Bros: Ein Deal, so bedenklich für die Demokratie wie für die Wirtschaft
Netflix gibt im Bieterkampf um Warner Bros. auf: Der Streaming-Dienst gab bekannt, dass er das neue Angebot von Paramount nicht mehr überbieten wolle.
Offiziell lautet die Erklärung so: «Zu dem Preis, der erforderlich ist, um das jüngste Angebot von Paramount Skydance zu erreichen, ist der Deal finanziell nicht mehr attraktiv», schrieben die Netflix-Chefs Ted Sarandos und Greg Peters in einer Erklärung.
Zwei Dinge irritieren dabei: Erstens, dass Sarandos und Peters plötzlich erklärten, Warner Bros. sei nie wirklich ein «‹Must have› um jeden Preis» gewesen, sondern vielmehr ein «‹Nice to have› zum richtigen Preis». Das tönt erstaunlich nüchtern, schaut man sich die Monate an, in denen der Streamingdienst im erbitterten Bieterkampf alles tat, um den Deal irgendwie unter Dach und Fach bringen zu können. Zweitens berichteten mehrere Medien, dass Sarandon kurz vor der Aufgabe von Netflix bei US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus zu sehen war. Was dort besprochen wurde, ist nicht bekannt.
Fakt ist: Trump macht aus seinem Einfluss auf einen eigentlich politisch unabhängigen Prozess keinen Hehl, im Gegenteil: «Ich werde an dieser Entscheidung beteiligt sein», sagte er in einem Interview. Entscheidend ist dabei seine Freundschaft zu Larry Ellison, dem Vater von David Ellison, CEO von Paramount Skydance. Zudem äusserte sich Trump bereits deutlich, was mit CNN passieren sollte: Der ihm verhasste Sender müsse im Falle einer Paramount-Übernahme ebenfalls unbedingt den Besitzer wechseln. Bei einer Netflix-Übernahme wären Warners TV-Sender wie CNN eigenständig geblieben.
Dass Trump Warner Bros. lieber in den Händen von Paramount sehen würde, ist also klar. Daran ändern auch die Berichte von vor einem Monat nichts, wonach Trump im Dezember Aktien von Netflix und Warner Bros im Wert von 2 Millionen US-Dollar gekauft hat. Sein Kommentar: «Wenn sie [Netflix] Warner Bros haben, steigt die Aktie erheblich.»
Das politische Unheil: Die Waage würde nach rechts fallen
Interessanterweise sprang die Netflix-Aktie nach dem Verzicht nun deutlich nach oben. Mit anderen Worten: Die Netflix-Investoren sind glücklich darüber, dass der Streaming-Dienst sein Geld jetzt lieber bei sich behält, als es für eine teure Übernahme auszugeben – die am Ende womöglich ohnehin nicht zustande käme. Denn ob der Deal von der Marktaufsicht FCC das grüne Licht bekommen hätte, ist fraglich. So spart sich Netflix langwierige kartellrechtliche Prüfungen.
In Trumps Augen wäre der Marktanteil, den Netflix inklusive Warner Bros. gehabt hätte, zu gross. Und er kann auf Unterstützung in Form von Brendan Carr, dem Chef der US-Rundfunkbehörde, zählen. Dessen Unbefangenheit wird bereits seit Längerem bezweifelt.
Gut möglich also, dass Trump dem Netflix-Chef bei dessen Besuch genau das klarmachte: dass ein Deal von Netflix sowieso nicht durchkommen würde. Ob aufgrund objektiver Argumente wie der zu grossen Marktmacht oder aufgrund seines (illegalen) Einflusses auf die Behörde – wer weiss.
In letzter Zeit setzte sich zunehmend die zwar imperfekte, aber nützliche Definition anhand von «total hours watched», also der kombinierten Streaming-Sehzeit, durch. Nimmt man diese Metrik, so wäre Netflix auf den höheren geschätzten Marktanteil von 35 Prozent gekommen – im Vergleich zu nur etwa 14 Prozent im Falle von Paramount. Schaut man sich hingegen alleine den Markt für Kinofilme an, besässe Warner/Paramount den grösseren Marktanteil – es kommt also auf die Sichtweise an.
Für den US-Präsidenten ist der Deal ein Segen, dessen Gewicht demokratiepolitisch kaum überschätzt werden kann: Sollte CNN ein ähnliches Schicksal wie CBS ereilen – und dagegen spricht zurzeit wenig bis nichts – wird der wohl gewichtigste Kritiker des Präsidenten eliminiert, oder zumindest entschärft. CBS geriet 2025 bereits in die Hände von Larry und David Ellison und fiel seither mit einem deutlich konservativeren Kurs auf.
Weil es in den USA keine staatlichen Medien mit Marktmacht gibt, sondern ausschliesslich Wettbewerb zwischen den Privaten herrscht, ist CNN ein fundamentaler Bestandteil der Waage zwischen liberaler und konservativer Berichterstattung. Fällt CNN, würde diese Waage nach rechts kippen. Das wiederum hätte empfindliche Folgen für die Demokratie, gilt doch der Einfluss des Medienkonsums von Sendern wie CNN oder Fox News auf das Stimmverhalten durch unzählige Studien als belegt. (Hier zum Beispiel eine umfassende Studie der Stanford Universität.)
Das wirtschaftliche Unheil: Das grösste Medien-Monopol der USA
Neben der Gefahr für die Demokratie verheisst der wahrscheinliche Deal zwischen Warner und Paramount auch für die Wirtschaft nichts Gutes. Ins Scheinwerferlicht rückt dabei die Familie Ellison. Larry Ellison, 80-jährig, ist mit geschätzten 200 Milliarden Dollar (je nach Aktienstärke) immerhin einer der reichsten Menschen der Welt. Er gilt als aggressiver Verhandler und guter Freund Trumps und war einer der wenigen grossen Tech-Milliardäre, die Trump von Anfang an prominent unterstützten. Vor Kurzem zog Ellison ganz in die Nähe Trumps.
Die Ellisons: ein Name, der zwar bekannt ist, der aber in punkto Einfluss noch nicht ganz mit den allergrössten Tech-«Influencern» mithalten konnte.
Bis jetzt. Denn sollte der Deal durchgehen, wäre die Familie im Besitz des grössten Medien-Monopols der USA. Larry Ellison wäre damit der x-te Milliardär, der sich mit Einfluss und Macht ausstattet.
Die Geschwindigkeit, mit der sich Sohn David und Vater Larry ihr Medien-Imperium aufbauen, sucht ihresgleichen. Im vergangenen Jahr hat sich Filmproduzent David Ellison, der 2006 die Produktionsfirma Skydance gegründet hatte, die Mediengruppe Paramount Global dazugekauft und sie mit Skydance fusioniert. Anfang 2026 kam ein Teil von TikTok USA zum Familienimperium hinzu.
Wir erinnern uns: Um TikTok vor der Kontrolle Chinas über die Nutzerdaten zu schützen, wurde das US-Geschäft des Social-Media-Riesen auf Anordnung der Regierung Trump abgespalten. Der US-Teil wurde schliesslich verkauft – unter anderem an Larry Ellisons Oracle. Doch Oracles Einfluss geht über diesen Anteil hinaus: Die Daten US-amerikanischer Nutzerinnen und Nutzer sollen in Oracle-Rechenzentren in den USA gespeichert werden.
Dass TikToks Algorithmen, ähnlich wie bei Musks Plattform X, zunehmend konservativ geprägt werden, ist eine nicht unbegründete Sorge. Hinzu kommt aber auch die unglaubliche Marktmacht: Ein Konglomerat, bestehend unter anderem aus CBS, Paramount, Warner, CNN und einem grossen Stück von TikTok, würde sogar den bisherigen Medienmonopol-König Rupert Murdoch in den Schatten stellen.
Einen ähnlichen Giganten hätte zweifelsohne auch der Netflix-Deal hervorgebracht, jedoch wären TV-Sender nicht Teil des Netflix-Deals gewesen. Der Paramount-Deal bedeutet aber auch in puncto Arbeitsmarkt für die Wirtschaft nichts Gutes. Weil sie mehr Überschneidungen in ihren Inhalten haben, wird es sehr wahrscheinlich zu mehr Entlassungen kommen, als es sie unter dem Deal-Szenario Netflix/Warner Bros. gegeben hätte, die sich gemäss Experten vielmehr ergänzt hätten. Geschätzt werden nun mehrere Tausend Entlassungen.
Das Paramount-Konglomerat wäre zwar in seiner Grösse und Reichweite bis dato unerreicht. Trotzdem überrascht es nicht: Das mögliche Monopol von Paramount Skydance / Warner Bros. reiht sich ein in eine Entwicklung, an deren Ende es nicht mehr viele, dafür schier gigantische Player gibt, die den Ton angeben. Und das über sämtliche Marktgrenzen hinweg: Social Media, TV, Streaming, Kino – alles finanziert mit Geld aus dem Silicon Valley.
«Alles konsolidiert sich», sagte dazu kürzlich Medienhistoriker Michael Socolow gegenüber der «New York Times». «Was diese Deals so besonders macht, ist, dass sie mehrere Plattformen umfassen. Die Möglichkeit zu haben, eine redaktionelle Linie für TikTok, CBS News und CNN zu etablieren – das ist eine neue Welt.»
Es ist eine Welt, in der weder monetäre noch geografische Grenzen eine wirkliche Rolle mehr spielen – und in der die Politik der Wirtschaft (oder besser: der Wirtschaftselite) ermöglicht, ein Monopol nach dem anderen zu schaffen. Weil beide davon profitieren.
Die «New York Times» bilanziert dazu nüchtern:
Wenn die Wirtschaftselite der Politik die Hand reicht und umgekehrt, und beide die einzigen Profiteure sind, dann riecht das ganz stark nach Oligarchie – der Herrschaft der wenigen. Die Verlierer sind namentlich die Demokratie, die Kunst, die Meinungsvielfalt, der Journalismus, die Arbeitnehmenden – kurz: alle anderen.
