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Die Mitglieder des Nationalbank-Direktoriums an der Medienkonferenz vom Donnerstag.
Die Mitglieder des Nationalbank-Direktoriums an der Medienkonferenz vom Donnerstag.
Bild: KEYSTONE

Der starke Franken kostet uns Tausende Jobs – die Nationalbank aber will das Problem aussitzen

Der überbewertete Franken bringt die Schweizer Wirtschaft zunehmend in Bedrängnis. Den Preis könnte der Mittelstand zahlen. Die Nationalbank aber setzt auf das Prinzip Hoffnung.
20.06.2015, 18:5422.06.2015, 11:14

Von Notenbankern erwartet man, dass sie rechnen können. In der Schweiz haben sie sich verrechnet, und das nicht zu knapp. Die Führung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gab dies an ihrer Medienkonferenz vom Donnerstag sogar zu. Man habe nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar erwartet, dass sich der Franken nach der schockartigen Aufwertung wieder stärker abschwäche, sagte Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg.

Daraus ist nichts geworden, hartnäckig verharrt der Eurokurs bei rund 1,05 Franken. Und selbst diesen Wert soll die heimische Währung nur dank Devisenkäufen der Nationalbank halten können, wird in der Finanzwelt spekuliert. Andernfalls läge der Kurs ungefähr bei der Parität von 1:1. Die grossen Unsicherheiten und geopolitischen Risiken, vor allem die sich erneut zuspitzende Griechenland-Krise, seien für die Schweiz unangenehm, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan.

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Eine schlecht konstrurierte Währungsunion in Europa und eine sorglose Hypothekenvergabe in den USA samt der folgenden schweren Finanzkrise haben einen «perfekten Sturm» erzeugt, in dem der Franken zu einem «sicheren Hafen für verunsicherte Anleger» – so Jordan – geworden ist. In diesem Umfeld verlieren sogar die umstrittenen Negativzinsen ihre abschreckende Wirkung. Der Franken mit seinem relativ kleinen Volumen steht unter konstantem Aufwertungsdruck.

«Dem Werkplatz Schweiz gehen heute Firmen und Arbeitsplätze verloren, die unter normalen Umständen nicht gefährdet wären.»
Hans Hess, Präsident Swissmem

Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken hat die Nationalbank faktisch vor dieser Entwicklung kapituliert. Mit gravierenden Folgen für die Realwirtschaft. Touristen aus dem Euroraum bleiben weg, viele Schweizerinnen und Schweizer kaufen im nochmals billiger gewordenen Ausland ein, und die Exportunternehmen stöhnen, weil ihre Produkte schlagartig um rund 15 Prozent teurer geworden sind. Sie lassen ihre Angestellten Kurz- und Gratisarbeit verrichten, bauen zunehmend Stellen ab und verlagern ganze Produktionsschritte ins Ausland.

In den letzten Wochen haben sich die alarmierenden Stimmen gehäuft. Nick Hayek, Chef des Uhrenkonzerns Swatch und nie um markige Worte verlegen, entzog der Nationalbank in der «NZZ am Sonntag» das Vertrauen: «Bei der SNB ist klar das falsche Team am Werk.»

Gewerkschafter demonstrieren vor dem Sitz der Nationalbank.
Gewerkschafter demonstrieren vor dem Sitz der Nationalbank.
Bild: KEYSTONE

Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, ging in der gleichen Zeitung von einem Verlust von 30'000 Stellen aus, wenn der Kurs zum Euro in den nächsten Monaten bei 1,05 bleibe. Per Ende Jahr dürfte die Arbeitslosenquote auf 3,6 bis 4 Prozent ansteigen, meinte Vogt. Für die Schweiz ein happiger Wert. 

Der Schweizer Arbeitsmarkt droht auseinanderzudriften: Hier eine kleine Elite hoch qualifizierter und gut bezahlter Fachkräfte, dort die grosse Masse, die sehen muss, wie sie zurecht kommt.

Die Angst geht um in der Schweizer Industrie. In welche Richtung die wirtschaftspolitische Geisterbahnfahrt gehen könnte, zeigt ein Interview mit Hans Hess, dem Präsidenten des Wirtschaftsverbands Swissmem, in der Aargauer Zeitung. Hess ist Verwaltungsratspräsident des Kabelherstellers Reichle & De-Massari in Wetzikon (ZH). Dieser hat 50 Stellen nach Bulgarien verlagert. Betroffen seien Mitarbeitende mit geringer Berufsausbildung. Überhaupt gingen derzeit «vor allem Arbeitsplätze mit geringer Qualifikation verloren».

Die massive Überbewertung des Frankens habe den Strukturwandel in der Industrie stark beschleunigt, meinte Hess weiter: «Dem Werkplatz Schweiz gehen heute Firmen und Arbeitsplätze verloren, die unter normalen Umständen nicht gefährdet wären.» Sie dürften auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein. «Fertigungsstufen, die jetzt ins Ausland verlagert werden, kommen nie mehr zurück», kommentierte die «NZZ am Sonntag» in ihrer letzten Ausgabe.

Swissmem-Präsident Hans Hess schlägt Alarm.
Swissmem-Präsident Hans Hess schlägt Alarm.
Bild: KEYSTONE

Am Ende könnten dem Industriestandort Schweiz nur noch hoch spezialisierte Tätigkeiten erhalten bleiben, für die Personal benötigt wird, das vielfach im Ausland rekrutiert werden muss. Der Schweizer Arbeitsmarkt droht auseinander zu driften: Hier eine kleine Elite hoch qualifizierter und gut bezahlter Fachkräfte, dort die grosse Masse, die sehen muss, wie sie zurecht kommt.

Eine erneute Anbindung des Frankens nur wenige Monate nach der Aufhebung des Mindestkurses würde die Glaubwürdigkeit der Währungshüter arg strapazieren. Vor allem aber liesse sich ein solcher Schritt auf lange Sicht kaum rückgängig machen.

Im Ausland ist dieser Trend bereits deutlich erkennbar, besonders in den USA. Die Schweiz hat ihm bislang bemerkenswert gut widerstehen können. Der «Frankenschock» könnte zur Zerreissprobe für den Mittelstand werden. Mit potenziell verheerenden Folgen. Das Volk dürfte noch stärker als bisher zu populistischen Schnellschüssen neigen, etwa in der Zuwanderungspolitik, und damit die Standortqualität der Schweiz zusätzlich schwächen.

Was ist zu tun? Eine Verschärfung der Negativzinsen hat die Nationalbank ausgeschlossen. Lukas Gähwiler, Schweiz-Chef der Grossbank UBS, zeigte in einem Interview die negativen Folgen der Negativzinsen auf: «Sie setzen falsche Anreize für Investitionsentscheide, bestrafen Sparer und erhöhen die Gefahr von Blasenbildungen zum Beispiel am Aktien- und Immobilienmarkt. Sie belasten aber auch unser Vorsorgesystem.»

Verschiedene Ökonomen und Vertreter der Finanzbranche empfehlen der Nationalbank deshalb eine erneute Anbindung des Frankens an einem Währungskorb mit Euro und Dollar. Als Vorbild gilt der fernöstliche Stadtstaat Singapur. Dessen Zentralbank hat den Singapur-Dollar ebenfalls an einem Währungskorb gekoppelt, dessen genaue Zusammensetzung geheim gehalten wird. Sie lässt dabei kontrollierte Schwankungen innerhalb einer bestimmten Bandbreite zu.

Singapur hat seinen Dollar an einen Währungskorb angebunden.
Singapur hat seinen Dollar an einen Währungskorb angebunden.
Bild: EPA

Die SNB aber will vom «Vorbild» Singapur nichts wissen, aus gutem Grund. Eine erneute Anbindung des Frankens nur wenige Monate nach der Aufhebung des Mindestkurses würde die Glaubwürdigkeit der Währungshüter arg strapazieren. Vor allem aber liesse sich ein solcher Schritt auf lange Sicht kaum rückgängig machen. Es wäre ein böses Erwachen für alle, die im patriotischen Furor die Aufhebung des Mindestkurses im Januar bejubelt haben. Sie müssten zur Kenntnis nehmen, dass der stolze Franken seinen Unabhängigkeit definitiv eingebüsst hätte.

Also setzt die Nationalbank auf das Prinzip Hoffnung. Auf die seit langem angekündigte Zinswende in den USA, die den Dollar stärken würde. Auf einen Deal in letzter Minute im Griechenland-Poker. Auf die sich andeutende Erholung der Wirtschaft in der Eurozone dank der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

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Der Preis für die geldpolitische Autonomie sei in der Schweiz derzeit sehr hoch, räumte die NZZ am Freitag ein. «Ihn zu zahlen, lohnt sich aber», meinte das Leibblatt der Wirtschaftselite. Jene Tausende Menschen, die ihren Job verloren haben oder in den nächsten Monaten verlieren werden, dürften diese Meinung kaum teilen.

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