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Lohn für Hausarbeit? 7000 Franken für Eltern mit zwei Kindern gefordert

Das Bundesgericht drängt Mütter nach der Scheidung verstärkt in den Arbeitsmarkt zurück. Buchautorin und Gleichstellungsspezialistin Sibylle Stillhart hält das für realitätsfern. Sie fordert ein Entgelt für jene Arbeit, die heute mehrheitlich von Frauen gratis verrichtet wird.
12.03.2021, 09:00
Kari Kälin / ch media
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«Wir müssen Care-Arbeit finanziell wertschätzen»: Autorin Sibylle Stillhart.
«Wir müssen Care-Arbeit finanziell wertschätzen»: Autorin Sibylle Stillhart.
Bild:zvg

Sibylle Stillhart (47) arbeitet als Mutter für ihre drei Söhne (zwölf-, zehn- und fünfjährig) und als Autorin. In ihrem letzten Buch («Schluss mit gratis. Frauen zwischen Lohn und Arbeit») sorgte sie mit der Forderung nach einem «Lohn für Hausarbeit» für Aufsehen.

Aktuell ist sie irritiert über diverse Urteile des Bundesgerichts, die Frauen nach der Scheidung finanziell deutlich stärker in die Pflicht nehmen als bisher. Vereinfacht gesagt: Die Richter in Lausanne schicken Frauen auf Jobsuche, auch wenn sie sich während Jahren um Kinder und Haushalt gekümmert und ihrem Mann eine Karriere ermöglicht haben.

Sibylle Stillhart, man könnte die Urteile als Wink an die Frauen sehen: «Verlasst euch nicht auf die Unterhaltszahlungen, bleibt mit hohem Pensum im Arbeitsmarkt, auch wenn Kinder da sind.»
Sibylle Stillhart: Das Bundesgericht betreibt eine Gleichstellungspolitik, die ich nicht nachvollziehen kann. Es geht von der Annahme aus, dass wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. Dies ist nicht der Fall. Frauen verdienen weniger als Männer, und sie arbeiten in Berufen, die deutlich schlechter bezahlt werden, etwa in der Pflege, der Kinderbetreuung oder im Verkauf.

Ist es nicht ein Gebot der Gleichstellung, dass Frauen nach der Scheidung finanziell nicht am Tropf ihres Ex-Mannes hängen?
Eine gut bezahlte Arbeit zu finden, nachdem man während Jahren gar nicht oder nur in einem Teilzeitpensum angestellt war, ist nicht so einfach oder gar unmöglich. Das Bundesgericht schreibt, Pflegerinnen seien sehr gefragt, und es gebe viele Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung. Das ist realitätsfern, weil es verkennt, dass Frauen immer gearbeitet haben. Im Beruf schlecht bezahlt, zu Hause gratis. Zudem geht man offenbar davon aus, dass Frauen zu Hause nichts machen würden. Wer aber Kinder grosszieht, weiss, dass das Gegenteil der Fall ist.

Verkennt das Bundesgericht die gesellschaftliche Realität?
Frauen verdienen in der Schweiz pro Jahr 100 Milliarden Franken weniger als Männer, obwohl sie gleich viele Stunden arbeiten. Tatsache ist auch, dass nach der Geburt eines Kindes fast alle Väter Vollzeit und fast alle Mütter in mehr oder weniger grossen Pensen Teilzeit arbeiten. Haushalt und Kinderbetreuung bleiben bei den Müttern hängen. Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Statistik leisten Frauen, die sich um Kinder kümmern, pro Woche 58 Stunden Arbeit. Mit einem Teilzeitpensum werden es über 70. Bloss: Die Arbeit in den eigenen vier Wänden wird nicht bezahlt.

Was schlagen Sie vor?
Der Fokus muss auf die Sorgearbeit gerichtet werden. Diese Arbeit ist für eine Gesellschaft nicht nur wesentlich, sondern unverzichtbar. Deshalb braucht es Anerkennung – und in einem kapitalistisch organisierten Land wie der Schweiz läuft Anerkennung über Geld.

Eine Art Hausfrauenlohn? Das zementiert konservative Geschlechterrollen: Er macht Karriere, sie managt Haushalt und Kinder.
Die Aufwertung der Erwerbsarbeit hat dazu geführt, dass alle anderen Arbeiten unsichtbar geworden sind. Aber die Hausarbeit und die Kinderbetreuung werden nicht weniger – auch dann nicht, wenn das Erwerbsarbeitspensum steigt. Das führt dazu, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt immer mehr und unter härteren Bedingungen arbeiten. Wir müssen uns die Frage stellen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Ist es wirklich wünschbar, dass Menschen in der Tabak- oder Waffenindustrie mehr verdienen als Frauen, die sich um Kinder und um pflegebedürftige Angehörige kümmern? Nein! Wir brauchen mehr Zeit für unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Freunde. Und wir müssen Care-Arbeit finanziell wertschätzen.

Ein Lohn fürs Kindererziehen hört sich utopisch an. Wer soll das bezahlen?
Der Staat. Es soll mir niemand sagen, dass wir in der reichen Schweiz dafür nicht genügend Geld hätten. Nur ein Beispiel: Die Schweizerische Nationalbank etwa sitzt auf einem Devisenberg von rund 960 Milliarden Franken. Der politische Wille, der solche Lösungen möglich machen würde, fehlt aber.

Wie hoch soll der Lohn, faktisch eine Art Grundeinkommen, sein?
Ein Monatslohn von 7000 Franken für Eltern mit zwei Kindern würde sowohl Mütter wie Väter enorm entlasten. Fakt ist, dass ein einziges Einkommen in den meisten Fällen nicht reicht, um eine Familie zu ernähren. Ein Betreuungsgeld würde auch dazu führen, dass Väter nach einer Scheidung nicht in Zahlungsnot geraten und Mütter auf dem Sozialamt landen.

Sollen wir uns nach Jahren Gleichstellungsdebatte verabschieden von der Idealvorstellung des egalitären Familienmodells, dass Mann und Frau beide Teilzeit arbeiten und sich in ähnlichem Umfang um Kinder und Haushalt bemühen?
Das war lange der Wunsch von vielen Eltern – ist aber in den hiesigen Strukturen kaum möglich. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft sollen wir alle «eigenverantwortlich» für unser Leben sorgen. «Kinderhaben» ist aber ein solidarisches Unterfangen. Wir lassen uns von einer Ökonomie blenden, die nichts mit der Realität zu tun hat. Was nützt es uns, wenn Finanztransaktionen, Waffenhandel oder Prostitution für ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt sorgen, die Sorgearbeit aber nichts zählt? Es sind die Beziehungen zu Menschen und das Wohlergehen aller, die das Leben wertvoll machen.

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Als politisch wirksame Massnahme für mehr Gleichstellung gilt zum Beispiel die Individualbesteuerung. Genügt es nicht, wenn man den Hebel dort ansetzt?
Die Individualbesteuerung führt wohl eher zu Steuerausfällen. Das erhört den Spardruck auf das Bildungs- und Sozialwesen.

Mehr Kitaplätze gelten als weiterer Schlüssel zu mehr Gleichstellung.
Ich finde Kitas eine gute Sache, sie sollten aber günstiger oder gratis sein. Aktuell entlasten sie aber weder Mütter noch Väter, sondern dienen der Wirtschaft, der dank meist unterbezahlten Frauen in Kitas mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Am Morgen in die Kita zu hetzen und die Kinder am Abend abzuholen, generiert viel Stress. Am Abend zudem noch die Hausarbeit zu erledigen. Für eine menschenfreundlichere Gesellschaft könnten wir ja auch die Arbeitszeit reduzieren.

Nämlich?
Auf eine 20-Stunden-Woche, damit sich Eltern mehr ihren Kindern widmen könnten. Es bräuchte mehrere Monate Elternzeit und ein Jahr Mutterschaftsurlaub. Nach dem ersten Kind mag die Rückkehr in die Arbeitswelt nach wenigen Monaten noch gelingen. Mit dem zweiten oder dritten Kind steigt die Belastung. Es ist völlig illusorisch, nach 14 Wochen topfit an den Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

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quelle: schweizerisches nationalmuseum / asl
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